Vertrauen teilen:
20. November 2018 / Vertrauen und Träume (VII)

Zweitausend. siebenundsechzig

Ein Buch. Zwei beste Freundinnen. Viele Emotionen. Was sie verbindet: Vergangenheit, Erinnerungen. Und Träume. Gemeinsam reisen. Entdecken. Alt werden. Freundschaft: Das heißt, Träume teilen. Ein Leben lang. An sie glauben. Festhalten.

Aus dem Plattenspieler Amys rauchige Stimme. „Our dreams have magic because we’ll always stay in love this way.“ Die antike Pendeluhr an der Wand schlägt sechs. Das Licht gedimmt. Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee. Auf dem Tisch zwei kleine Tassen. Ein Crêpes, zwei Gabeln. Ein Buch. Auf dem Cover in silbernen Buchstaben die Worte „Die Wahrheit über uns“. Zwei junge Frauen blättern gemeinsam darin. Eine von ihnen deutet auf ein Kindheitsfoto, eingeklebt auf der ersten Seite des Freundschaftsbuchs. Die andere schüttelt lächelnd den Kopf. Das Bild zeigt die beiden Freundinnen mit einer großen Schultüte. Vor 17 Jahren.

 

Gemeinsame Träume werden größer

Noch immer ist der Rückblick auf den ersten Schultag ihre schönste Erinnerung. „Damals war unser größter Wunsch in die gleiche Klasse zukommen. Heute träumen wir davon, in 60 Jahren immer noch beste Freundinnen zu sein“, erhofft sich Yasemin. Sie nippt vorsichtig an ihrer Kaffeetasse. Lisa lacht, „in 60 Jahren sind wir 80 Jahre alt. Sagen wir mal lieber in 50“. Sie lehnt sich vor. Der Holzstuhl knarrt. Lisa isst ein Stück vom Crêpes. Ihre Freundin schneidet sich etwas von der anderen Hälfte ab. Der Crêpes wird kleiner. Anders ihre gemeinsamen Träume. Diese werden größer.

 

An den Fensterscheiben Regentropfen. Eine ältere Frau am Nebentisch. Sie blättert durch eine Zeitschrift. Schaut hoch. Lauscht gespannt der Geschichte. Es gibt viel zu erzählen. Von Träumen. Für beide selbstverständlich, daran festzuhalten. Sich gegenseitig zu unterstützen. Zu erinnern. „Das war einer der emotionalsten Momente in meinem Leben, als wir bei der Zeugnisvergabe gemeinsam auf der Bühne standen.“, erinnert sich Lisa. Den neuen Lebensabschnitt feierten sie zusammen. Erfolg zu erleben. Gemeinsam – bedeutet den Freundinnen viel. „Bis wir 70 sind sollten wir auch die leeren Seiten gefüllt haben“, sagt Yasemin. Um die gemeinsamen Erinnerungen festzuhalten schenkte sie ihrer besten Freundin das Freundschaftsbuch zum Ausfüllen.

 

Der Blick fällt auf das Buch. Sie stöbern darin. Ein paar Seiten weiter. Ein anderer Traum. Gemeinsam wohnen. In Berlin. Friedrichshain. An der selben Uni studieren. Beide erhalten Absagen. Berlin: nicht realisierbar. Eine Zusage für Köln, eine für Münster. Sie lehnen ab. „Wir haben uns dann dafür entschieden, erstmal noch zu Hause zu wohnen. Lisa studiert jetzt in Dortmund und ich in Gelsenkirchen. Zusammenziehen können wir ja später immer noch. Wir haben ja noch viele Jahre vor uns“, erzählt Yasemin. „Jetzt wohnen wir ja immerhin noch in derselben Straße.“

 

Silvester in New York

Langsam lässt der Regen nach. Ein leichter Zimtduft im Café. „Was wollt ihr in der Zukunft gemeinsam erleben?“. Eine bislang unbeantwortete Frage. Beide schauen sich an. Sprechen wie aus einem Mund: „Silvester in New York“. Den Jahreswechsel gemeinsam am Times Square feiern. Dem „Ball Drop“ entgegenfiebern. Davon träumen Yasemin und Lisa seit einigen Jahren. „Wir möchten zusammen so viel Reisen wie nur möglich. Amerika wäre natürlich ein Highlight für uns.“, erzählt Lisa. „Es gibt so viele Orte zu entdecken“, fügt Yasmin mit einem Lächeln hinzu. London, Amsterdam, Berlin. Einige Reiseziele konnten sie bereits in ihrem Buch festhalten. Für ihren großen Traum sparen sie weiterhin. Jeden Monat landet dafür etwas Geld in der Urlaubskasse.

 

Die antike Pendeluhr schlägt halb. Draußen verdrängt Dämmerung den blauen Himmel. Die zwei Tassen. Leer. Durch den Plattenspieler singt Adel seine Lieder. „Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen wie ich bin.“ Die besten Freundinnen blättern zur Buchmitte. Leer. Platz für ein Foto aus New York. Sie blättern zur letzten Seite. Leer. Platz für ein Bild von ihnen. In 50 Jahren. Zweitausensiebenundsechzig.

 

 

* Diese Reportage entstand während einer in Kooperation von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und WestLotto organisierten Projektwoche zum Thema „Träumen“. Die verantwortliche Projektgruppe setzte sich zusammen aus Julia Böhm, Sina Dietz, Niklas Erdhütter, Maleen Klenke, Katharina Küpper, Judith Mackel, Tabea Merith-Gesa Naujoks, Yasemin Özacardi, Jonas Ortmann, Johanna Runde und Aron Sonderkamp