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23. Oktober 2018 / Vertrauen und Träume (VI)

Wonach Träume schmecken

Für Gina Bassalig schmecken Träume nach einem saftigen Schokoladenteig und einem Moment, den sie nie vergessen wird. Es ist der Geschmack alter Kindheitserinnerungen vermischt mit einem Versprechen, das ihr Leben rund zwanzig Jahre später auf den Kopf stellen sollte. Ginas Geschichte beginnt mit einem Brownie und endet in der wahrgewordenen, zuckerglasierten Version ihres Traumes – im Cakeland. Ein Café, dessen Wände mit Nostalgie bestrichen sind.

Hinter der Theke steht eine Frau, die nach eigener Aussage nie älter als 29 Jahre alt geworden ist. Sie trägt einen cremeweißen Pullover, die Schürze lässig um die Hüften gebunden. Strahlend bietet sie ihren Kunden einen Cappuccino aus der Kaffeemaschine an. Gina lacht. Sie serviert ihren Gästen ihre sahnigen Kunstwerke. Das Geheimrezept für die Cupcakes: gute Zutaten, ganz viel Liebe, Know How und Durchhaltevermögen. Dies lernte sie auch in den vielen gemeinsamen Backstunden mit ihrer Mutter. Als sie ihren ersten selbstgemachten Brownies probierte, sagte sie laut zu ihrer Mutter: „Mama, wenn ich groß bin, dann mache ich einen Laden auf und da gibt es dann auch so leckere Dinge zu kaufen, wie diesen Brownie!“ Der Traum blieb. Es war für sie immer nur eine Frage nach dem Wann und nicht nach dem Ob.

 

Jugendtraum Konditorausbildung

Noch vor zwei Jahren stand sie hinter dem Lehrerpult und unterrichtete Deutsch und Englisch. „Der Job als Lehrerin hat mich nicht vollständig erfüllt“, erzählt sie. Vom Jugendtraum der Konditorausbildung wurde ihr abgeraten. „Alle sagten: Träum weiter. Das wäre doch totale Verschwendung, wenn man Abitur hat. Ich hatte damals auch noch nicht den Biss und das Durchsetzungsvermögen.“ Sie hörte stattdessen auf den Rat ihrer Eltern: „Mach was Sicheres, was Bodenständiges, werde Beamtin“, rieten sie ihr. Das Studium war für Gina auf keinen Fall verschwendete Zeit, sie bereut nichts: „Denn alles was man macht, formt dich zu dem, was du bist.“

Sie kündigte den Job und backte eifrig auf die Meisterprüfung hin, auf die sie sich innerhalb von vier Monaten selbst vorbereitete. Ob sie dafür viel Mut brauchte? „Ehrlich gesagt nein. Ich hatte auch nie Angst und habe auch nie daran gezweifelt.“ Das liegt vielleicht auch daran, dass Gina viele Sachen im Vorfeld nicht wusste und ihren Traum einfach auf sich zukommen ließ. „Denn dann weiß man nicht alles und dann macht man einfach mal“, erzählt sie heute über ihre damalige Naivität.

Auch ihre langjährige Freundin Stefanie Caeners hat immer an sie geglaubt: „In erster Linie konnte sie nicht scheitern, weil Backen Ginas Leben ist!“ Trotzdem schwingen immer ein paar Sorgen mit: „Natürlich gibt es ein Risiko – aber woran Gina glaubt, das schafft sie auch“, erklärt ihre Freundin.

Von außen betrachtet, stimmt das auch, wie Gina verrät. Aber sie selbst stellt sehr hohe Ansprüche an sich: „Ich bin mein härtester Kritiker und in meinem Kopf scheitere ich jeden Tag – was aber eigentlich totaler Schwachsinn ist“, gibt sie zu und streicht sich verlegen ihre kurzen blonden Haare aus dem Gesicht.

Als das Älteste von vier Kindern waren die Erwartungen der Eltern sowieso hoch und die Skepsis gegenüber ihres Plans groß. „Erst haben sie mein Vorhaben auch gar nicht so ernst genommen, jetzt sind sie aber sehr stolz“, sagt Gina heute. „Da kamen dann monatelang so Sprüche von meinem Vater, wie ‚ich hoffe ja, dass das gut geht’. Und ich dachte mir ‚ja Papa, lass mich mal machen!’“

 

Es fühlt sich nicht an wie Arbeit

Heute steht sie entspannt mit dunkelblauen Chucks in ihrem eigenen Café. In großen Lettern steht auf der Fassade des Geschäfts „Ginas Cakeland“. In einigen Wochen feiert sie einjähriges Bestehen. Gina träumt jedoch noch weiter: „Ich möchte meine Cupcakes deutschlandweit verschicken. Das ist eine große Herausforderung, aber ich glaube, dass es mir gelingen wird!“

Wenn man Gina fragt, wie sich ihr Leben verändert hat, schwärmt sie: „Ich arbeite jetzt noch viel mehr als vorher, aber es fühlt sich nicht so an wie Arbeit. Manchmal denke ich, ich habe immer frei.“ Das Backen ist für sie ein Ausdruck von Kunst, aber auch von Freude. Sie hebt die Hände und erklärt begeistert: „Wenn ich sehe wie die Leute sich über meine Torten und Cupcakes freuen, dann denke ich, dass ist das, was du für den Rest deines Lebens machen wirst. Den Menschen Freude schenken!“

 

* Diese Reportage entstand während einer in Kooperation von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und WestLotto organisierten Projektwoche zum Thema „Träumen“. Die verantwortliche Projektgruppe setzte sich zusammen aus Esther Berger, Joelle Marie Czampiel, Markus Großheim, Martin Grünter, Eileen Lechtenbörger, Anna Päseler, Michael Pfleging, Nick Rasmus, Sara Schweckendiek, Pina Szepan und Paulina Wallem