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13. November 2017 / Essay

Die Menschwerdung des Vertrauens

Illustration zeigt das Seeungeheuer Leviathan.

Über die Jahrhunderte hat Vertrauen eine steile Karriere hingelegt: Heute vertrauen wir anderen Menschen, Gott, uns selbst und dem Rechtsstaat. Das macht das Gefühl nicht einfacher.

Haben Sie sich als Wähler schon einmal gefragt, warum genau Ihnen einer der Kanzlerkandidaten vertrauenswürdiger er­scheint als der andere?

In Zeiten von TV-Duellen, YouTube-Interviews und Wahl­-O-­Mat wirkt die Entscheidungsgrund­lage breit. Dabei müssten wir nicht einmal die Stimmen der Kandidaten kennen, um ein Kreuz zu machen. In einer Studie ging die Neurowissenschaftlerin Tessa Marzi von der Universität Florenz der Frage nach, wann das menschliche Gehirn entschieden hat, ob ein Mensch Vertrauen verdient – nämlich im Bruchteil einer Sekunde. Die Evolution, so liege nahe, habe uns mit einem speziellen Werkzeugkasten ausgestattet, der vor Gefahr schützt. Weitere interessante Erkenntnis der Studie: Ein Gesicht, das die Teilnehmer wenig vertrauenswürdig finden, würden sie auch nicht wählen. Insbesondere, wenn es an weiteren Informationen fehlt, spielt das vertrauenswürdige Erscheinungsbild eines Kandidaten eine entscheidende Rolle.

Wie die Entwicklungspsychologie lehrt, ist die Basis, auf der wir Vertrauen fassen, das Urver­trauen. Der Schlüssel dazu liegt in unserer frühkindlichen Entwicklung: Im engen Kontakt mit ihren Eltern bilden Säuglinge das Bindungs­hormon Oxytocin. Sie lernen, dass Menschen es gut mit ihnen meinen und dass Nähe zuzulassen ratsam ist. Auch die Bildung späteren Selbstvertrauens baut darauf auf. Der Soziologe Dieter Claessens definierte es 1962 als ein in der Zukunft wirkendes „Vertrauen in Vertrauen“. Es lässt sich nicht bewusst einsetzen und nicht nachträglich erlernen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle unmöglich

Trotz bester Voraussetzungen stellt sich jeder Mensch Fragen, deren Antworten im Verbor­genen liegen. Ist der Partner so treu, wie er geschworen hat? Kann ich im Fall des Falles auf die Leistung meiner Ver­sicherung zählen?

Gerade in der digitalen Gesellschaft ist die Fülle der Puzzleteile für ein komplettes Bild überwäl­tigend. Ohne die Hilfe anderer scheitern wir an missachteten Risiken, erreichen wir unsere Ziele nicht. Selbst wer sich die Mühe macht – zum Beispiel, vor dem Abschluss einer Lebensversicherung sämtliche Testberichte zu studieren –, muss sich fragen: Habe ich keine wichtigen Stolpersteine übersehen? Wird die Versicherung im Ernstfall leisten, wie ich es erwarte? Und wer kontrolliert eigentlich die Autoren der Testberichte? Ohne eigenes Expertenwissen und hellseherische Fähigkeiten steht am Ende der Kette zwangs­läufig: Vertrauen.

Erfahrungen, die Vertrauen als richtige Entscheidung erscheinen lassen, machen uns ebenso klüger wie das Gegenteil.

Die Karriere eines Begriffs

Damit ist Vertrauen, sagt der Soziologe Niklas Luhmann, ein „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ – und ein zentrales Bindeglied der heutigen Gesellschaft. Abgeleitet aus dem gotischen „trauan“ – stark, fest, dick – sprach man im Mittelhochdeutschen zunächst von „vertruwen“. Seit dem 13. Jahrhundert wird das Wort im Sinne von „sich ehelich verbinden“ oder „sich anvertrauen“ genutzt. Der heilige Thomas von Aquin, Philosoph und Theologe, pries die Hoffnung unter der Prämisse des Vertrauens auf Gott. Anderen Menschen zu vertrauen, galt indes lange als äußerst riskant. So schrieb Niccolò Machiavelli zu Beginn des 16. Jahrhunderts: „Man darf sich nur im Notfall jemandem anvertrauen, und zwar im Augenblick der Tat.“

Mit Gott verbunden blieb der Begriff bis ins 17. Jahrhundert. Dann verdeutlichte der Philosoph Thomas Hobbes in seinem Hauptwerk „Leviathan“ eine neue Art von Vertrauen anhand eines Vertrags zwischen zwei Menschen, dessen beiderseitige Erfüllung zeitversetzt abläuft. Zumindest die Partei, die in Vorleistung geht, muss vertrauen. Mit der Aufklärung kommt in den Blick, was auch unseren heutigen Vertrauensbegriff kennzeichnet: menschliche Empfindungen.

Seitdem vertrauen Menschen nicht länger nur auf Gott, sondern auch anderen Menschen, dem Recht – der rechtsstaatlichen Ordnung: Zum Ende des 17. Jahrhunderts stellte John Locke die von Gott legitimierte Herrschaft des Königs infrage, indem er die Gleichheit aller begründete. Locke stellt dar, dass Regierungen Bürgern dienen und nicht umgekehrt. Wird ihr Vertrauen in die Herrschenden missbraucht und sind ihre Freiheit und ihr Eigentum gefährdet, spricht der Philosoph ihnen das Recht auf Revo­lution zu. Damit nimmt er die Menschen erstmals als – aktiv und wohlwissend – vertrauende Subjekte wahr. Auch in den Lexika wandelt sich der Vertrauensbegriff im Jahrhundert der Aufklärung: Im „Grammatisch­kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“ wird der passive Gebrauch des Verbs „vertrauen“ als veraltet bezeichnet. Vertrauen wird von jetzt an „auf etwas gesetzt“. Und kann ebenso eine Erwartung an „jemanden“ sein.

Den Dingen vertrauen

Wie sich zeigt, hat sich unser Vertrauen bis heute unaufhaltsam weiterentwickelt – von Menschen ist es auf Institutionen übergegangen. So bedeutet vertrauen im Rechtsstaat, auf eine übergeordnete Instanz vertrauen zu können, die ordentliches Recht vertritt. Der Aufbau von modernen Institutionen wie dem Justiz­- und dem Finanzsystem habe die Entwicklung von Vertrauen enorm gefördert, sagt die Historikerin Ute Frevert, Direktorin des Forschungsbereichs „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Als Vertreter dieser Institutionen stehen auch Politiker mit Bürgern wie von Locke vorgezeichnet in einem Vertrauensverhältnis zueinander. Sichtbar wird das in parlamentarischen Demokratien spätestens am Wahltag. Und noch etwas zeigt sich hier: Damit wir unser Vertrauen aktiv in etwas setzen können, brauchen wir Handlungsalternativen. Das kann heißen, dass wir uns abwenden, wenn uns bestimmte Merkmale nicht gefallen; Offenheit kann wehtun. Andererseits reift echtes Vertrauen dadurch heran, dass der Vertrauende eben nicht blind ist gegenüber den Widrigkeiten. Erfahrungen, die Vertrauen als richtige Entscheidung erscheinen lassen, machen uns ebenso klüger wie das Gegenteil.

Obgleich der Deutsche Bundestag in einer personalisierten Verhältniswahl gewählt wird, vertrauen die allermeisten Wähler auf einen Kandidaten, mit dem sie noch nie persönlich gesprochen haben. Die erwähnte Florentiner Studie belegt, dass unser Gehirn die für eine Wahlentscheidung nötige Vertrauenswürdigkeit dennoch feststellen kann. Hier setzen Scharen professioneller Mitarbeiter an, die an der persönlichen Inszenierung von Politikern arbeiten. Sie stellen privates Liebesglück im Sommerurlaub, eine abgebrochene Schullaufbahn oder die Herkunft aus einfachen Verhältnissen gezielt in den Vordergrund. Besonders da, wo Abgrenzung durch politische Themen und Richtungen schwerfällt.

Aufforderung zur Verantwortung

Das kann schiefgehen – oder funktionieren, wenn die Personalisierung dem Wähler ermöglicht, sich mit einem oder mehreren Kandidaten zu identifizieren. Doch Vertrauen ist mehr: In ihm steckt immer auch die Aufforderung zur Verantwortung. Ob Mensch, Wahlkampftaktiker oder Institution: Es gilt, den guten ersten Eindruck zu bestätigen, sich seiner als würdig zu erweisen.

Wer das Vertrauen eines anderen genießt, ist demnach nicht nur passiver Empfänger, sondern aktiver Gestalter.