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27. Oktober 2020 / Einblick

Wer ist hier verantwortlich?

Wie gestalten Führungskräfte die Kommunikationskultur, die Arbeitszeiten und die Teamstruktur? Was bedeutet Selbstbestimmtheit im Arbeitsalltag? Und wie hat die Corona-Pandemie all dies verändert? Drei Geschäftsführerinnen und ein selbst ernannter digitaler Nomade erzählen

Annette Timm, Geschäftsführerin von Kanzlit:

Unser Familienbetrieb hat seinen Sitz in Lübeck. Hier in der Rätsel- und Hansestadt produzieren wir Rätsel aller Art für Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sowie Medienagenturen.

Als 2015 ein Münchner Mitbewerber, die Rätselagentur Ruepp, zum Verkauf stand, entschieden wir, diesen Betrieb zu übernehmen. Mit Axel Ruepp pflegten wir schon Jahre zuvor einen geschäftlich-freundschaftlichen Kontakt. Seitdem arbeiten unsere Teams an beiden Standorten. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Büros ist, dass in Lübeck zusätzlich zu den Rätselheften und ‑strecken auch Tageszeitungsrätsel und Horoskope hergestellt werden.

Viele Zeitungen suchen für ihre elektronischen Ausgaben nach digitalen Lösungen. Deshalb haben wir in den letzten Jahren massiv in die technische Entwicklung von Onlinerätseln investiert. Dabei sind es nicht wir als Geschäftsführer, die bestimmte Arbeitsschritte beauftragen und Entwicklungsziele vorgeben, sondern unsere technisch versierten Kolleginnen und Kollegen mit ihrem Fachwissen.

Der gegenseitige Austausch erfolgt mit und zwischen allen über digitale Tools. In Lübeck oder München sind mein Mann und ich ständig erreichbar, entweder per E-Mail, Chat oder Telefon. Das persönliche Gespräch ist, nun meistens per Videocall, Wertschätzung in Reinform. Dann tauscht man sich aus, lacht, macht seinem Ärger Luft und bedankt sich auch einfach einmal für gute Leistungen. Stellen wir fest, dass Dinge anders gemacht werden, als wir es uns wünschen, wird der Punkt in der Teambesprechung thematisiert. Ansonsten gibt es keinen Grund, die Arbeit zu kontrollieren.

Problemlösungen in Eigenregie

Die Eigenständigkeit unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde durch die Pandemie weiter gestärkt, tragen sie doch seit jeher die Verantwortung für ihre Produktionsschritte und sind direkte Ansprechpartnerinnen und -partner für die Verlage. Bei uns ist jedes Teammitglied an einwandfreien Ergebnissen interessiert, weil diese in seinem Verantwortungsbereich liegen.

Wann wir uns einmischen? Immer dann, wenn es um Konflikte zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder um das Betriebsklima geht. Das persönliche Gespräch ist enorm wichtig, denn ohne Aussprache geht es nicht. Zudem gibt es kein fachliches Problem, das die Teams nicht in Eigenregie lösen können. Wenn jemand Unterstützung braucht und keine Lösung findet, wendet sie oder er sich auf operativer Ebene an eine Kollegin oder einen Kollegen mit dem entsprechenden Fachwissen. Das meiste regeln unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein. Und das machen sie prima.

Annette Timm ist teilhabende Geschäftsführerin von Kanzlit. Die Lübecker Firma leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann. Das Familienunternehmen existiert seit rund 90 Jahren und ist Rätselanbieter für den Print- und Onlinebereich. Seit fünf Jahren arbeiten die Kanzlit-Teams standortübergreifend in Lübeck und München zusammen.

Sebastian Kühn, Autor und Gründer von Wireless Life:

Im Jahr 2012 erlebte ich einen entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben. Ich war damals Ende 20 und musste mich entscheiden, welchen beruflichen Weg ich einschlage. Bevor ich mich auf meine Karriere konzentrierte, wollte ich nocheinmal für längere Zeit ins Ausland. Wenig später zog ich mit meiner damaligen Freundin für vier Jahre nach Schanghai. Vorher hatte ich in Deutschland eine Ausbildung im Einzelhandel absolviert, BWL und International Business als Master studiert.

In Schanghai bewarb ich mich für mehrere Jobs in Festanstellung. Später saß ich aber völlig unmotiviert in den Vorstellungsgesprächen. Einmal fragte mich ein Gesprächspartner nach dem Grund, warum ich mir das Unternehmen ausgesucht hatte – was ich darauf antwortete, konnte ich selbst nicht glauben. Mir wurde bewusst, dass ich gar nicht angestellt sein will, und ich entschied, mich selbstständig zu machen. Noch am gleichen Tag bot ich auf verschiedenen Job- und Onlineportalen meine Dienste als Übersetzer an, kurze Zeit später hatte ich die ersten Aufträge.

Wie ich mir damals meine digitale Selbstständigkeit vorstellte? Ich wollte möglichst viel reisen, bei meinen Jobs zeitlich flexibel sein und meine Freizeit selbst einteilen können – lieber ab und zu abends oder am Wochenende arbeiten und dafür in der Woche mal einen Tag freinehmen. Bei früheren Arbeitgebern war das nie eine Option.

In den vergangenen sieben Jahren hat sich mein Leben sehr stark verändert. Nach einigen Übersetzungsjobs konzentrierte ich mich schnell auf Projekte im Onlinemarketing, die ich von überall auf der Welt aus realisieren konnte. Anfangs wollte ich gar keine Grenzen mehr zwischen Beruflichem und Privatem ziehen. Ich wollte am liebsten nur mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen ich abends auch gern ein Bier trinken würde. Drei Jahre später wurde mir aber bewusst, dass ich mehr Struktur brauche. Deshalb haben heute Feierabende und längere Zeitabschnitte ohne Rechner einen festen Platz in meinem Alltag.

Interessanterweise haben sich die Schwierigkeiten, die ich mir anfangs ausgemalt habe, nicht bestätigt: Die größte Herausforderung sah ich darin, einen Kredit aufzunehmen und zurückzahlen oder Leute einstellen zu müssen. Im Laufe meiner digitalen Selbstständigkeit musste ich mir jedoch nie Geld borgen oder jemanden fest anstellen. Kompliziert waren damals für mich eher bürokratische Fragen: Wann melde ich mich in Deutschland ab, in welchem Land melde ich mein Unternehmen an, wie läuft das mit den Steuern und der Versicherung? In diese Themen und die ausländischen Gesetzeslagen musste ich mich komplett neu einarbeiten. Die nächsten Hürden waren, meinen Arbeitsalltag zu organisieren, motiviert zu bleiben und selbst auferlegte Fristen einzuhalten.

Selbstreflexion ist der erste Schritt zur Unabhängigkeit

Heute ist digitale Selbstständigkeit auch beruflich mein Kernthema: Dazu schreibe ich Bücher, veröffentliche ein Blog sowie einen Podcast und biete Beratungen an. Inhaltlich beschäftige ich mich unter anderem mit Möglichkeiten der persönlichen Weiterentwicklung, stelle ortsunabhängige Geschäftsmodelle vor und berate zum Thema Existenzgründung. Meine Angebote sollen anderen dabei helfen, sich ihr Berufsleben so einzurichten, dass es zu ihnen passt. Ich möchte ihnen zu mehr Unabhängigkeit im Leben verhelfen. Um das zu erreichen, ist Selbstreflexion der erste Schritt: Was fehlt mir im Moment? Was möchte ich ändern? Wie viel Freiheit und Stabilität brauche ich? Diese Fragen muss man ehrlich beantworten, bevor man die nächsten Schritte in Richtung Selbstständigkeit plant.

Auf Instagram und Facebook erwecken viele Menschen zum Beispiel mit Bildern von Reisen den Eindruck, dass sie mit wenig Arbeit viel Geld verdienen. Einige lassen sich davon beeindrucken und entwickeln eine Sehnsucht, die nicht ihre eigene ist. Während ihrer Auslandserfahrungen fällt ihnen später auf, wie gerne sie in Deutschland arbeiten und wie sehr ihnen plötzlich die Familie fehlt. Deshalb verstehe ich digitale Selbstständigkeit als ein Werkzeug für mehr Selbstbestimmung im Berufsleben, das Ziel muss aber nicht zwingend sein, digitaler Nomade zu werden.

Ich finde es großartig, die komplette Verantwortung für mein Leben und mein Business allein zu tragen. Ich probiere gerne Neues aus und habe keine Angst davor, auch einmal Auftraggeber zu verlieren. Selbstverständlich zählt für mich eine hohe Verbindlichkeit, aber ich lerne auch aus den Dingen, die nicht funktionieren.

Sebastian Kühn arbeitet als Autor, Berater und Onlineunternehmer. Auf seinem Webportal Wireless Life veröffentlicht der selbst ernannte digitale Nomade ein Blog und einen Podcast, mit denen er Menschen ermutigen möchte, aus ihrem Alltag auszubrechen und ein Leben mit mehr Selbstbestimmung zu führen. Kühn hat keinen festen Wohnsitz und verbringt den Großteil des Jahres in Asien.

Anna Kaiser, Jana Tepe, Gründerinnen und Geschäftsführerinnen von Tandemploy:

Wir haben Tandemploy gegründet, um Organisationen dabei zu unterstützen, flexibler und vernetzter zu arbeiten. Wir bieten eine Software an, die Kolleginnen und Kollegen innerhalb von Firmen nach bestimmten Kriterien zusammenführt. Dazu gehören verschiedene flexible Arbeitsmodelle und Kollaborationsformen, beispielsweise für ein Jobsharing, ein Mentoring, ein Projekt oder einen Kurzeinsatz. Jobsharing bedeutet eine flexible Arbeitsplatzteilung, bei der sich zwei oder mehr Personen mindestens eine Vollzeitstelle teilen.

Für uns steht Jobsharing sinnbildlich für neues Arbeiten. Dieses Konzept besagt, dass sich unsere Arbeitswelt durch Globalisierung und Digitalisierung, aber auch durch die Corona- Krise im massiven Wandel befindet und dadurch mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Hierarchien gefragt ist. Innerhalb eines Jobsharing-Tandems arbeitet man sehr eng zusammen, legt Zeiten individuell fest. Dieser große Gestaltungsspielraum ist für die Einzelnen sehr motivierend. Ein weiterer Pluspunkt: Beide können sich die Stelle nach ihren „Sweet Zones“, ihren persönlichen Stärken, optimal aufteilen.

Zeichen der Wertschätzung

Gegenüber gewöhnlichen Teilzeitjobs birgt Jobsharing Vorteile: Die Verantwortung verteilt sich auf zwei Personen, gleichzeitig verdoppeln sich Potenzial, Kreativität, Erfahrung und Wissen. Dadurch reduziert sich das Risiko für den Arbeitgeber, denn wenn ein Teil ausfällt, bleibt die Entscheidungskraft dennoch erhalten. Aus Führungskraftsicht ist es ein starkes Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dieses Jobmodell anzubieten.

Auch wer bei uns arbeitet, kann seine wöchentliche Stundenzahl frei wählen. Unsere Arbeitsorganisation erfordert dadurch mehr Disziplin und eine bessere Kommunikation als klassische Hierarchien mit festen Arbeitszeiten. Sie ermöglicht aber eine bessere Arbeitskultur für alle: mehr Zeitsouveränität, mehr Flexibilität für beide Seiten und ein zufriedeneres und produktiveres Team.

Nicht zuletzt ist Jobsharing auch ein Instrument für mehr Chancengleichheit auf unserem Arbeitsmarkt. Wenn wir Gleichberechtigung erreichen wollen, müssen wir die Strukturen und Arbeitsmodelle für Frauen und Männer flexibilisieren. Denn nur wenn Männer ebenfalls in bestimmten Lebensphasen weniger oder flexibler arbeiten, ändert sich auch Grundlegendes für Frauen. Wir sollten Arbeit ebenso im Hinblick auf unsere gesamte Lebenszeit anders verteilen, denn nur dann kommen wir gesamtgesellschaftlich dem Wunsch nach guter Arbeit näher.

Zu wem passt Jobsharing?

Unsere Erfahrung zeigt: Im Jobsharing sind prinzipiell alle Stellen besetzbar, auch beruflicher Aufstieg ist möglich. Jobsharing wird sogar vorrangig in Führungspositionen sowie in komplexen Aufgabenbereichen eingesetzt und kommt somit gerade dort zum Einsatz, wo Teilzeit an ihre Grenzen stößt. Die Tandems und deren Vorgesetzte sprechen teilweise von einer neuen Qualität der Führung und sehen die Vorteile in der Besetzung einer Top-Position – auch in der Geschäftsführung – mit zwei Menschen.

Menschen, die sich für Jobsharing oder Co-Leadership, also für eine geteilte Führungsposition interessieren, haben unterschiedliche Beweggründe. Einige wollen ihre Arbeitszeit reduzieren, allerdings weiterhin spannende, herausfordernde Aufgaben übernehmen oder ihre Führungsposition behalten. Andere sind einfach überzeugte Teamplayer. Auch wir teilen uns die Geschäftsführung. Das ist entlastend – und macht auch viel mehr Spaß. Jede von uns hat ihre eigenen Verantwortungsbereiche und arbeitet mit ihren Teams maximal flexibel. Mindestens einmal wöchentlich stimmen wir uns ab. Wir sind eingespielt und nutzen die gemeinsame Zeit bewusst.

Anna Kaiser und Jana Tepe sind die Gründerinnen und Geschäftsführerinnen von Tandemploy in Berlin. Sie teilen sich die Führungsposition im Jobsharing – allerdings nicht in Teilzeit, sondern als Doppelspitze. Zuvor arbeiteten sie als Kolleginnen in der Personalberatung und hatten die Idee zu Tandemploy. Dafür wurden beide unter anderem mit den Auszeichnungen BBC 30 – Female Founders under 30 und #Wirtschaftswundermacher von Microsoft geehrt.

Welche Rolle spielt Vertrauen für Arbeitsbeziehungen, vor allem im Homeoffice? Wie kommen Vorgesetzte mit Kontrollverlust klar? Und wie können Angestellte mit Misstrauen umgehen? Redakteurin Franziska Walser spricht darüber mit Christiane Brandes-Visbeck, Expertin für digitale Arbeitsformen. Das Gespräch können Sie hier nachhören.

Wer trägt in Ihrem Arbeitsalltag die Verantwortung? Wie Führungskräfte lernen, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezielt etwas davon abzugeben und ihnen so Vertrauen entgegenzubringen, weiß Management-Professor Karlheinz Schwuchow. Sein Gespräch mit Redakteur Philipp Eins finden Sie hier.