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3. Mai 2018 / Einblick

Wer glaubt, wird selig?

Hand hält religiösen Symbolen

Den großen abendländischen Religionen laufen viele Mitglieder davon. Doch das bedeutet nicht, dass Menschen heute weniger glauben. Eine Bestandsaufnahme.

Wer wissen will, wie es um das Christentum steht, der muss nur an einem gewöhnlichen Sonntag eine Kirche besuchen. Vielerorts und je nach Region sind die Kirchenbänke leer – und der Großteil der Gottesdienstteilnehmer ist betagt. Dies sind Auswirkungen einer Entwicklung, mit denen sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche seit einigen Jahren zu kämpfen hat: Seit 2008 treten jährlich kontinuierlich mehr als eine Viertelmillion Menschen aus.

Manche Gründe für den Exodus aus den Kirchen sind offensichtlich: Wiederkehrende Missbrauchs- und Finanzskandale inklusive ihrer viel zu zögerlichen Aufarbeitung haben das Bild der Kirche nachhaltig geschädigt. Viele Positionen zum Thema Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gelten als verstaubt. Hinzu kommt, dass die immer gleichen Rituale, Liturgien und Gesänge der Religionen für viele Menschen zunehmend unzugänglich sind – angesichts der heute jederzeit überall zugänglichen Multimediawelt erscheinen die „Corporate Identities“ der Religionen und die Gebräuche eines Gottesdienstes vor allem jungen Menschen seltsam reizlos und rückwärtsgewandt.

Es ist nicht alles schlecht

Laut einer aktuellen EKD-Studie glauben im Durchschnitt 45 Prozent aller Befragten an Gott. Der Anteil der Gläubigen bei den über 66-Jährigen liegt bei etwa 60 Prozent, unter den 14- bis 21-Jährigen ist knapp ein Drittel gläubig. Nun haben Religionen ja durchaus etwas zu bieten: Sie laden dazu ein, sich mit dem Ursprung und dem Sinn des Lebens zu befassen, aber auch mit dem Tod und einem möglichen „Danach“. Religionen begleiten den Menschen mit festen Ritualen von der Geburt bis zum Tod – unter den Augen einer gleichgesinnten Gemeinschaft, in die der Gläubige aufgenommen wird. Die religiösen Feiertage strukturieren das Jahr ähnlich wie die Jahreszeiten und geben festen Halt. Religion kann die menschliche Sehnsucht nach Trost, Vergebung und Segen befriedigen. Sakrale Musik und Kunst gelten als feste Stützpfeiler der menschlichen Kultur. In Gottesdiensten, beispielsweise bei Fürbitten, treten Menschen füreinander ein. Nicht zuletzt leistet die Kirche mit ihren sozialen Einrichtungen eine Vielzahl von karitativen Beiträgen wie Seelsorge, Unterstützung bei Krankheiten und im Alter sowie Beistand und Sakramente in den letzten Stunden des Lebens.

„ANSTELLE DER KLASSISCHEN RELIGIONEN TRITT NICHT PER SE EINE HINWENDUNG ZUR AGNOSTIK.“

Blick über den kulturreligiösen Tellerrand

In Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung hat sich der Mensch jedoch auch daran gewöhnt, dass er eine große Vielfalt an Leistungen und Angeboten vergleichen kann. Anstatt loyal über Jahrzehnte bei einem Stromanbieter zu bleiben, sucht sich heute jeder exakt denjenigen aus, der seine Bedürfnisse am besten befriedigen kann. Genau das trifft auch auf die Angebote zu, bei denen die Kirchen ein jahrhundertelanges Monopol hatten – wie beispielsweise Sinnsuche, Selbsterkenntnis oder dem Wunsch nach einer allumfassenden Gemeinschaft. Manch einer bemüht die Astrologie oder die Tarotkarten, um mehr über sich und seine Position in der Welt zu erfahren, ein anderer wählt Yoga oder die transzendentale Meditation – statt des Gebets –, um in sich selbst zu versinken.

Ein weiterer Aspekt: Noch nie waren Fernreisen für jedermann so erschwinglich wie heute. Das ermöglicht den Blick über den Rand des eigenen kulturreligiösen Tellers – wer früher in Gottesdienste ging, um auf seinesgleichen zu treffen und gemeinsam Rituale abzuhalten, der erlebt seine moderne Form der Transzendenz nun beim „Burning Man“-Festival in der Wüste von Nevada. Die Grenze zwischen Esoterik, Religion und Spiritualität verschwimmt dabei zuweilen, denn schließlich stecken auch in den Praktiken der großen Weltreligionen viele metaphysische Elemente – vom Weihrauchschwenken bis zur Eucharistie.

Das Mehr zwischen Himmel und Erde

Der zunehmende Zulauf zu spirituellen und esoterischen Disziplinen zeigt eines ganz klar: Anstelle der klassischen Religionen tritt nicht per se eine Hinwendung zur Agnostik oder gar zu einer rein rationalen Weltanschauung, in der Metaphysisches keinen Platz mehr hat. Es gibt sie weiterhin, die Sehnsucht nach dem Unfassbaren, dem Unerklärlichen. Die Frage nach dem Sinn der Existenz verliert nicht an Aktualität. Viele Menschen suchen auch heute nach geistiger Geborgenheit, nach einer Gemeinschaft, auf die sie vertrauen können – allerdings nicht mehr nur in den christlichen Religionen.