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13. Juli 2018 / Beitrag

Wer verwaltet digitalen Nachlass?

Dass das Internet nie vergisst, wissen wir seit seinen Anfängen. E-Mails, Bilder und Dokumente im Cloud-Speicher überleben sogar uns selbst. Wer soll also unser digitales Erbe verwalten?

Oft ist derjenige ein geeigneter Erbe, der das Hinterlassene selbst weiterverwenden kann. Wenn es um Immobilien oder Geld geht, begünstigen viele etwa ihre Kinder und Enkelkinder. Anders beim Nachlass im Internet: Auf unseren Profilen finden sich nur selten materielle Werte, sondern vielmehr Einblicke in unser Inneres, das manch einer auch über seinen Tod hinaus geschützt wissen will. Dem Verwalter unseres digitalen Erbes sollten wir deshalb vor allem eines: vertrauen.

Eine schwerwiegende Entscheidung

Als soziales Netzwerk befasst sich auch Facebook schon seit längerer Zeit mit dem Nachlass seiner Nutzer. Sie können dem Online-Riesen zu Lebzeiten mitteilen, dass ihr Konto im Todesfall gelöscht werden soll. Außerdem kann ein Profil in den Gedenkzustand versetzt werden, wenn sein Inhaber verstorben ist. Voraussetzung ist, dass ein Familienmitglied oder ein Freund beim Netzwerk darauf einen Antrag einreicht. Dann kann sich niemand mehr bei dem Konto anmelden. Hat der Inhaber aber zu Lebzeiten einen Nachlasskontakt bestimmt, kann dieser Beiträge in dem Profil fixieren, auf Freundschaftsanfragen antworten sowie Profil- und Titelbild aktualisieren. „Bitte beachte, dass es sich bei der Herstellung des Gedenkzustands um eine schwerwiegende Entscheidung handelt“, warnt Facebook potenzielle Antragsteller. „Wenn du kein Familienmitglied oder enger Freund der verstorbenen Person bist, empfehlen wir dir, die Familie der Person zu kontaktieren, bevor du die Herstellung des Gedenkzustands beantragst.“

Eine Verpflichtung dazu gibt es nicht. So wurde Facebook in einen Gerichtsstreit verwickelt, der nun vom Bundesgerichtshof entschieden wurde. Zankapfel war das Konto eines verstorbenen 15-jährigen Mädchens, das 2012 aus ungeklärter Ursache von einer U-Bahn erfasst worden war und im Krankenhaus verstarb. Um Gewissheit darüber zu erlangen, ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelte, wollten die Eltern die privaten Nachrichten lesen: Welche Gedanken plagten die Tochter und schrieb sie darüber mit Freunden auf Facebook? Ihr Passwort kannten sie – als sie sich aber einloggen wollten, befand sich das Profil im Gedenkzustand. Auf Nachfrage verweigerte Facebook den Zugriff. Begründung: Man schütze mit dem „Gedenkzustand“ nicht nur die Rechte der Verstorbenen, sondern auch die von weiterlebenden Facebook-Nutzern, deren Worte mit dem Nachrichtenverlauf ebenfalls einsehbar würden. Nach dem Fernmeldegeheimnis ist es einem Anbieter wie Facebook verboten, Kommunikationsinhalte seiner Nutzer preiszugeben. Der BGH entschied jetzt jedoch, dass der Vertrag mit einem sozialen Netzwerk grundsätzlich auf die Erben übergeht – in diesem Fall die Eltern. Sie können nach dem Richterspruch also auf das Konto zugreifen. Und auf die Nachrichten, die ihre Tochter zu Lebzeiten schrieb.

Internetdienstleister genießen Vertrauen

Sich mit dem eigenen Tod zu befassen und den Nachlass zu regeln ist in etwa so beliebt wie der Abschluss einer Lebensversicherung. So gaben acht von zehn Internetnutzern in einer Umfrage des Digitalverbands an, sie hätten noch nicht über den Verbleib ihrer Daten entschieden. Jeweils jeder Zehnte antwortete, den Nachlass im Netz teilweise beziehungsweise vollständig geregelt zu haben. BITKOM zufolge hat davon mehr als die Hälfte eine Vollmacht beim Internetdienstleister beziehungsweise der Online-Plattform hinterlegt. Auch testamentarisch beziehungsweise mit einer Verfügung lässt sich vorsorgen. 17 Prozent haben zudem einen Anbieter damit beauftragt, im Todesfall alle Online-Konten zu löschen.

BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder appelliert an die Nutzer: „Jeder sollte sich frühzeitig darum kümmern, das heißt schriftlich festhalten, wie und durch wen nach dem Tod die eigenen digitalen Daten verwaltet beziehungsweise gelöscht werden sollen.“ Dabei geht es nicht nur um Daten wie Versicherungen oder Geldanlagen, die heute oft digital archiviert werden. Der Facebook-Fall zeigt: Selbst wer den Wert seiner digitalen Fußspuren für andere geringschätzt, sollte die Zukunft nicht dem Zufall überlassen. Auch geistiges Eigentum und Gedanken brauchen einen verlässlichen Verwalter. Eine Person, der man voll und ganz vertraut. Und diese ist nicht unbedingt immer ein naher Angehöriger.