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14. Dezember 2020 / Einblick

Was bleibt – und wer kümmert sich darum?

Schlösser, Kirchen, Skulpturen und Monumente: Denkmale gehören zum kulturellen Erbe einer Gesellschaft. Doch der Denkmalschutz ist aufwendig, vor allem für private Träger.

Champagnerfeste, Ballkleider, Ausritte durch großzügige Gärten und über weite Wiesen – so könnte man sich das Leben von Schlossbesitzerinnen und -besitzern vorstellen, wenn man den glamourösen Bildern in der Klatschpresse Glauben schenkt. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Für den Erhalt eines meist alten Gebäudes oder Gebäudeensembles braucht es nicht nur eine Menge Geld. Auch der zeitliche Aufwand ist hoch. Ständig fallen Arbeiten an – Reparaturen, Instandsetzungen, die Pflege der baulichen und landschaftlichen Substanz sowie mögliche Ausbauten. Schlossbesitzerinnen und -besitzer haben Verantwortung für ihren Besitz sowie für das kulturelle Erbe, das damit verbunden ist.

Gutsbesitzer Hannes von Heimendahl bestätigt das. Er bewohnt in fünfter Generation Haus Bockdorf – im Volksmund vor allem unter dem Namen des Besitzers als Gut Heimendahl bekannt. Das denkmalgeschützte Anwesen liegt westlich von Krefeld am Niederrhein. Es besteht aus einem Schloss und mehreren Nebengebäuden sowie Feldern, einer Parkanlage und einem Waldgebiet. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde das Gut zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Seitdem trug es verschiedene Namen. In den vergangenen beiden Jahrhunderten wurde es unter der Bezeichnung Haus Bockdorf geführt. Die Gestaltung des heutigen Ensembles geht im Wesentlichen auf die Familie von Heimendahl zurück, in deren Eigentum sich die Anlage seit 1874 befindet.

Das Gut Heimendahl wurde im 14. Jahrhundert zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Seitdem trug es verschiedene Namen.

 

Einer muss es auf sich nehmen

Trotz der vielen Mühen, die der Erhalt der Anlage mit sich bringt, ist es für von Heimendahl selbstverständlich, sich den Aufgaben zu widmen. „Wir wollen das Anwesen nicht als verstaubtes Museum, sondern mit einer Seele erhalten“, sagt er. Der Schlossbesitzer beschreibt das Gut aber ebenfalls ganz nüchtern als landwirtschaftlichen Betrieb – wenn auch mit teils recht unwirtschaftlichen Gebäuden, die den Richtlinien des Denkmalschutzes gerecht werden müssen. Dass das Gut erhalten werden muss, steht für ihn außer Zweifel: „Jede Generation hat sich um das Gut gekümmert, dann möchte ich das auch gerne weiterführen.“

Bedrohte Obstsorten und Nutztierrassen

Von Heimendahl beschäftigt sich intensiv mit dem Erbe seiner Familie. Und er erfüllt es mit Leben, denn: „Nur wenn etwas genutzt wird, kann man es erhalten.“ Er versteht das Gut nicht als museales Zeugnis, das möglichst unangerührt bleiben muss. Deshalb ist das Gebäudeensemble Touristinnen und Touristen sowie Besucherinnen und Besuchern aus den umliegenden Orten zugänglich – im Rahmen von Führungen oder Veranstaltungen. Von Heimendahl pflegt darüber hinaus einen Arche-Hof mit mehreren vom Aussterben bedrohten Obstsorten und Nutztierrassen. Er pflanzt selten gewordene Apfelbäume an und zieht Schafe, Gänse und Puten auf, die in der konventionellen Tierhaltung keine Rolle mehr spielen. Das dient nicht dem wirtschaftlichen Ertrag. „Die Besucher schauen sich aber zum Beispiel die seltenen Jakob-Schafe gerne an“, berichtet von Heimendahl.

Anerkennung motiviert

Momente, in denen von Heimendahl für seine Arbeit an dem Kulturdenkmal belohnt wird, gibt es immer wieder. Vor einiger Zeit kam eine Besuchergruppe aus dem Ruhrgebiet auf das Gut. Gegen Ende der Führung ging ein Ehepaar auf ihn zu, weil sich die beiden so sehr über seinen Vortrag gefreut hatten: „Danke, dass Sie das für uns erhalten!“ Durch solche Begegnungen werde er darin bestätigt und motiviert, die Verantwortung zum Erhalt des Ortes zu übernehmen, so von Heimendahl.

Der Gutsbesitzer sagt, er könne dem Denkmalschutz nicht auf die Weise gerecht werden, die erstrebenswert sei, wenn es nicht die Möglichkeit von Zuschüssen gäbe. Mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz schloss er erst kürzlich einen Fördervertrag über 100.000 Euro für eine anstehende Dachsanierung. Das Geld stammt aus Spenden und aus Lotteriegeldern. Damit erfülle der Denkmalschutz seine Pflicht, erklärt von Heimendahl. Wo der Staat ein Interesse am Erhalt des kulturellen Erbes habe und gesetzlich sogar einfordere, da sei auch staatliche Unterstützung gefragt. In dem von der Familie übernommenen Erbe sieht er eine gesellschaftliche Verpflichtung. Nur wer in Generationen denke, könne eine solche Anlage nachhaltig bewahren.

Schafe, Gänse, Puten – von Heimendahl pflegt einen Arche-Hof unter anderem mit vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen.

 

Direkter Kontakt in die Zeit

Ähnlich sieht es der Kunsthistoriker Tobias Hauck vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz. Für ihn ist der Schutz des kulturellen Erbes ein Ewigkeitsthema. Hauck arbeitet als Pressereferent für das Komitee, das zum Geschäftsbereich der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gehört und sich als bundesweite Klammer für den föderal organisierten Denkmalschutz versteht. Hauck erläutert, dass mit Denkmalen die Erfahrungen von früher nutzbar gemacht werden: „Über Denkmale hat man direkten Kontakt in die Zeit, zu den Personen, Philosophien und Ideologien.“

Die Gesellschaft kann schützen

Für Hauck steht fest: Der Denkmalschutz und das Nationalkomitee sind nicht zuerst dem Denkmal gegenüber verpflichtet, sondern der Gesellschaft. Die Erfahrung aus der Geschichte, die in Denkmalen steckt, muss auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben. Darin zeige sich der Wert von archäologischen Objekten, kunstgewerblichen Artefakten, historischen Statuen, Gebäuden, Anlagen und Monumenten. Denkmale, so der Kunsthistoriker, seien nicht wichtig, weil sie wissenschaftlich interessant seien, sondern weil sich Menschen für sie interessierten. „Um das Kulturerbe ergibt sich eine Gemeinschaft, und durch diese Gemeinschaft wird es geschützt.“ Bei mangelndem Interesse verfalle das kulturelle Erbe. Das könne man täglich beobachten.

Das Nationalkomitee fördere die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Denkmalen in Deutschland, sagt Hauck. Es gehe um Wertschätzung. Zwischen denkmalpflegerischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen müsse vermittelt werden. Hauck und von Heimendahl arbeiten somit für ein gemeinsames Ziel: Beide fördern eine Gesellschaft, die ihr Erbe auch für die Nachwelt erhält.

 

Fotos: Andreas Cohrs
Innenhof des Gut Heimendahl

 

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