Vertrauen teilen:
27. Juni 2022 / Einblick

Warum Ehrenamt so wichtig ist

Der Ehrenamtatlas ist die Vermessung freiwilliger Arbeit in Nordrhein-Westfalen - und er lässt aufhorchen. Ein Beitrag von Axel Weber, Unternehmenssprecher bei WestLotto

Wie geht es eigentlich denen, die sonst immer für andere da sind? Diese Frage war Antrieb für eine Reise durch ein ganzes Bundesland. Das Reisegefährt: eine forsa-Umfrage im Auftrag von WestLotto, die erstmals Daten aus allen Kreisen und Städten Nordrhein-Westfalens zum Thema Ehrenamt liefert. Die Aufschluss darüber gibt, welchen Einfluss die Coronapandemie auf das ehrenamtliche Engagement hat, und offenlegt, wer sich warum, wie oft und wo engagiert – und vor allem eben: Wie es den Helfenden dabei ergeht. Zusammengefasst liefern all diese Zahlen im interaktiven Ehrenamtatlas (www.ehrenamtatlas.de) einen repräsentativen Datenschatz, der weit über die Umfrage hinausweist.

Denn der Ehrenamtatlas sendet gleichsam einen Appell an uns alle, an Wirtschaft, Politik, Gesellschaft: Das Ehrenamt braucht Zuwendung! Wir alle müssen mehr darüber reden, wir müssen die Ehrenamtlichen wertschätzen und unterstützen. Und das gilt nicht nur symbolisch. Wir müssen Aufmerksamkeit schaffen für ehrenamtliches Engagement durch starke Kommunikation. Zudem benötigt das Ehrenamt im Hintergrund eine Struktur für die Verteilung von finanziellen Mitteln. Denkbar wäre beispielsweise eine staatliche Stiftung als Möglichmacher monetärer Unterstützung auch von kleineren ehrenamtlichen Projekten. Vom Barfußpark für Kinder über die Flüchtlingshilfe bis hin zum Bürgerbus in einer ländlichen Gegend.

Denn dass wir genau diese Projekte und das Engagement in diesem Bereichen benötigen, zeigt der Ehrenamtatlas eindrucksvoll: Allein in NRW haben die Freiwilligen 2021 Arbeit im Wert von 19,14 Milliarden Euro geleistet. Das ist rund ein Viertel des Landeshaushalts. Der Wert ist berechnet auf Basis des beschlossenen Mindestlohns von 12 Euro. Noch viel eindrücklicher wird die Zahl auf Basis des Bruttodurchschnittslohns. Demnach haben die Ehrenamtlichen in NRW Arbeit im Wert von 39,17 Milliarden Euro geleistet.

Um es deutlich zu sagen: Es gibt bereits phantastische Initiativen, um diese unbezahlbare Arbeit der Ehrenamtlichen zu fördern. Aber wir alle sind aufgerufen, dafür zu sorgen, dass sie auch auf fruchtbaren Boden treffen. Denn die Bereitschaft zum Engagement ist da, auch das zeigt der Ehrenamtatlas. Insgesamt engagiert sich die Hälfte aller Bürgerinnen und Bürger in NRW ab 18 Jahren ehrenamtlich – und das durchschnittlich 214 Stunden im Jahr. Im Hochsauerlandkreis engagieren sich beispielsweise bis zu 69 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, ein Spitzenwert in NRW – und so oder ähnlich wohl auf viele Kreise oder Städte in ganz Deutschland übertragbar.

Auswirkungen der Pandemie

Mindestens für Nordrhein-Westfalen sind die Zahlen repräsentativ: Forsa führte die Umfrage im Januar 2022 durch. Befragt wurden nach einem systematischen Zufallsverfahren insgesamt 10.647 ausgewählte Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren in NRW, darunter je mindestens 200 Personen pro Kreis/kreisfreier Stadt. Diese disproportionale Stichprobenanlage wurde im Anschluss an die Erhebung durch eine statistische Gewichtung gemäß dem Anteil der jeweiligen Bewohnerinnen und Bewohner der Kreise beziehungsweise kreisfreien Städte an der Gesamtbevölkerung wieder ausgeglichen, um ein für alle Einwohner Nordrhein-Westfalens repräsentatives Ergebnis zu erhalten.

Umso alarmierender sind die Daten zur Entwicklung des Ehrenamtes während der Coronapandemie: Fast die Hälfte (46 Prozent) der ehrenamtlich Engagierten bringt demnach seit dem Beginn der Pandemie etwas (22 Prozent) beziehungsweise deutlich (24 Prozent) weniger Zeit für ihr Ehrenamt auf. Erklärbar ist dieser Rückgang natürlich auch mit den verschiedenen Lockdowns und Schließungen während der Pandemie. Einzig: Wer garantiert, dass die Ehrenamtlichen mit der zunehmenden Öffnung aller Sportvereine, Senioreneinrichtungen oder Museen dorthin wieder zurückkehren? Es wird ein unvergleichlicher Kraftakt, diese Menschen wieder ins Ehrenamt zurückzuholen.

Das bestätigen auch Vertreter großer Organisationen wie des Landessportbundes NRW oder der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Viele Ehrenamtliche haben sich schlicht anderen Dingen zugewandt, manche sind auch zu Hause stärker eingebunden. Das trifft laut Ehrenamtatlas vor allem auf Frauen zu: Mehr als jede vierte Engagierte hat angegeben, dass ihre Tätigkeit für das Ehrenamt deutlich zurückgegangen ist. Professorin Dr. Andrea Walter von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in NRW ist Ehrenamtsforscherin, und auch sie hält das für ein alarmierendes Signal und bestätigt eine bundesweite Entwicklung in diese Richtung. Frauen seien während der Pandemie verstärkt eingebunden in Haus- und Fürsorgearbeit. Eine ganz wichtige Aufgabe sei es deshalb, sie wieder ins Ehrenamt zurückzuholen, stellen sie doch die Hälfte der Engagierten. Übrigens geben vier Prozent der befragten Ehrenamtlichen an, sich täglich zu engagieren, 27 Prozent sind mehrmals in der Woche im Einsatz.

Der differenzierte Blick

Wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft das Ehrenamt und die freiwilligen Helferinnen und Helfer fördern wollen, ist ein differenzierter Blick auf die Bedürfnisse wichtig. Das zeigen die regionalen und lokalen Unterschiede im Engagement: Befragte aus kleineren Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern engagieren sich häufiger ehrenamtlich (55 Prozent) als Befragte aus urbaneren Gebieten mit mehr als 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern (46 Prozent). Zugleich ist das Engagement in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern während der Pandemie besonders stark zurückgegangen. 29 Prozent der Ehrenamtlichen engagieren sich hier deutlich weniger, in den Großstädten mit über 500.000 Menschen gaben das nur 19 Prozent der befragten Ehrenamtlichen an.

Ehrenamtsforscherin Walter sieht damit auch andere Untersuchungen bestätigt: Tendenziell sei in ländlichen Räumen das Engagement höher als in urbanen Räumen. Der Grund? Das Ehrenamt hat auf dem Land eine ganz besondere Funktion und trägt dazu bei, dass Angebote und Dienstleistungen der Daseinsvorsorge aufrechterhalten werden können. Ehrenamtliche übernehmen also Verantwortung und tragen damit entscheidend zur Lebensqualität in ihrem Umfeld bei. Ein Beispiel ist der öffentliche Nahverkehr: Wird er eingeschränkt, da nicht mehr rentabel, springen Bürgerbusvereine mit ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern ein.

Wie der Ehrenamtatlas zeigt, tun sie das übrigens aus ganz eigenem Antrieb: So engagieren sich 59 Prozent der Ehrenamtlichen, um etwas für andere zu tun. 40 Prozent engagieren sich, weil sie gerne mit Menschen zusammen sind. Jeweils 36 Prozent wollen mit der freiwilligen Arbeit ihren eigenen Interessen und Neigungen nachgehen und/oder der Gesellschaft etwas zurückgeben. Während Bürgerbusse da eher noch die Ausnahme sind, betätigen sich die meisten Ehrenamtlichen im Bereich der Wohlfahrt (22 Prozent) sowie bei Sport und Bewegung (21 Prozent). Darauf folgen mit jeweils 15 Prozent die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie in dem Bereich Kultur, Kunst und Musik.

Reserven bei der Wertschätzung

Die Bereiche Wohlfahrt, Sport, Kunst und Kultur sowie Natur- und Denkmalschutz sind es auch, die die Verbindung von WestLotto zum Ehrenamt tragen. Seit der Unternehmensgründung 1955 setzt sich der staatliche Lotterieanbieter über das Lotto-Prinzip für gemeinnützige Organisationen aus diesen Bereichen ein. Rund 40 Prozent der Spieleinsätze fließen in den Landeshaushalt. Von dort werden gemeinnützige Organisationen unterstützt, die für eine lebenswerte und vielfältige Gesellschaft sorgen. Auf diesem Weg sind bis heute mehr als 30 Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke verwendet worden. Neben dem finanziellen Aspekt steht das Unternehmen seinen Destinatären ganz praktisch in verlässlichen Partnerschaften zur Seite.

Auch für WestLotto hat der Ehrenamtatlas noch einmal verdeutlicht, wie unersetzlich die Arbeit der gemeinnützigen Organisationen mit ihren Millionen Ehrenamtlichen ist. Denn Ehrenamt ist nicht nur unbezahlbar, es ist auch unersetzlich. Die Ehrenamtlichen versehen nicht „einfach“ ein unbezahltes Hauptamt, sondern bringen mit ihren Fähigkeiten und Qualifikationen sowie mit ihrer ganz besonderen Leidenschaft einen spezifischen Mehrwert für all die Einrichtungen und Vereine, in denen sie tätig sind.

Ganz besonders sollten deshalb die Angaben der Ehrenamtlichen zur gefühlten Wertschätzung aufhorchen lassen: 45 Prozent der Engagierten fühlen sich nicht ausreichend wertgeschätzt für ihr Engagement. Nur ein starkes gesellschaftliches Bündnis aus Politik, Wirtschaft, Ländern und Kommunen kann dafür sorgen, den Ehrenamtlichen in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland die Wertschätzung zu verschaffen, die sie verdienen, und ihnen die finanziellen Möglichkeiten zu geben, damit sie mit ihrer freiwilligen Arbeit unser aller Leben bereichern können. Damit sie Wünsche erfüllen können, in kleinen wie in großen Krisen helfen oder einfach mit anpacken – und oft genug sogar Leben retten können.

 

Axel Weber ist Unternehmenssprecher von WestLotto. Sein Beitrag zum Thema Ehrenamt erschien zuerst im Magazin Verantwortung der vom F.A.Z.-Institut begründeten „Intiative Verantwortung“. Gemeinsam mit zahlreichen Unternehmen und Partnern ist WestLotto Teil der Initiative.

Zum Magazin Verantwortung geht es hier.