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13. November 2018 / Interview

Vertrauen statt Kontrolle

Sie stehen an der Fußgängerampel und drücken den Schalter für das grüne Signal. Sie haben es eilig. Deshalb drücken Sie wenige Sekunden später noch einmal, obwohl Sie wissen, dass das System nicht schneller umschalten wird. Woher kommen Kontrollillusionen wie diese? Ein Gespräch mit dem Psychologen Roland Kopp-Wichmann.

Herr Kopp-Wichmann, auf Ihrem Blog schreiben Sie über das weit verbreitete Phänomen der Kontrollillusion. Was verbirgt sich dahinter?
Eine Kontrollillusion ist der Glaube, ein Ereignis kontrollieren zu können, welches sich unserem Einfluss aber entzieht. Menschen möchten gerne Zusammenhänge erkennen. Sie meinen sie auch dort zu finden, wo es sie gar nicht gibt. Das ist ein Denkfehler, denn häufig geschehen Ereignisse zufällig und ihr Verlauf ist nicht kontrollierbar.

Können Sie bitte ein paar Beispiele nennen?
Seit den Anfängen unserer Entwicklungsgeschichte gehören Kontrollillusionen zu uns. So tanzten Urmenschen für den Regen und dachten, dadurch das Wetter zu beeinflussen. Aberglauben passt auch zum Thema Kontrollillusionen. Beispielsweise klopfen wir auf Holz und hoffen dann, dass uns auch zukünftig kein Unglück passiert. Oder beim Glücksspiel: Generell schätzen Menschen beim Lotto ihre Gewinnchancen höher ein, wenn sie die Zahlen selbst ausgewählt haben, als wenn dies durch Zufall geschah. Obwohl Sie eigentlich genau wissen, dass alle Zahlen dieselbe Chance haben, gezogen zu werden.

Seit Jahrtausenden halten wir an dem Denken fest, bestimmte Dinge beeinflussen zu können, obwohl das nicht funktioniert. Warum?
Wenn wir glauben, Einfluss zu haben, motiviert uns das und schenkt uns Ausdauer. Wenn wir jedoch ständig unseren Einfluss unterschätzen, würden wir früher oder später Gedanken entwickeln wie: Das hat eh keinen Zweck, das Leben ist vorherbestimmt und ich kann nichts verändern. Folglich würden wir weniger oder gar nichts tun. Mit der Weiterentwicklung unseres Wissens haben sich unsere Kontrollillusionen verändert. Unsere grundlegenden Befürchtungen sind aber trotzdem die gleichen.

In welchen Bereichen unseres Lebens wirken Kontrollillusionen heute besonders stark?
Letztendlich neigen wir in allen Lebensbereichen dazu, unseren Einfluss zu überschätzen: in der Politik, in der Gesellschaft, im Privatleben, im Job. Interessant finde ich, wer Kontrollillusionen am häufigsten erlebt: Es sind nämlich nicht die blutigen Anfänger, die sich in einem Thema nicht auskennen, sondern die erfahrenen Experten. Erstere geben ihr Unwissen lieber zu, während zweitere meinen, alles im Griff zu haben.

Behindern uns Kontrollillusionen eher oder helfen sie uns weiter?
Wir brauchen sie. Sie dienen dem meist unbewussten Zweck, sich in einer unberechenbaren Welt nicht dauernd hilflos zu fühlen. Deshalb hören wir auch gerne Erklärungen von Experten. Sie vermitteln uns das Gefühl, die gegenwärtigen Entwicklungen zumindest gedanklich unter Kontrolle zu haben. Das Leben lässt sich jedoch nicht kontrollieren. Man kann aber über weite Strecken vertrauen, denn ohne Vertrauen geht gar nichts im Leben. Wir fahren los, wenn die Ampel grün zeigt und hoffen, dass die anderen stehen bleiben.

Wie erleben Sie Kontrollillusionen in Ihrer Praxis?
Einige sagen: Ich bin ein Glückspilz, mir gelingt alles im Leben. Andere sehen sich als Pechvögel. Alle führen viele Beispiele an, mit denen sie ihre These stützen. Der Glaube an eine Pech- oder Glückssträhne ist jedoch eine Kontrollillusion. Menschen machen sich häufig für Umstände verantwortlich, die gar nichts mit ihnen zu tun haben. Wenn beispielsweise eine Firma Mitarbeiter entlässt, überschätzt sich der eine und ist überzeugt: Mich entlassen sie auf keinen Fall, denn ich bin schon so lange in der Firma. Währenddessen meint der, der immer Pech im Leben hatte, dass es ihn ganz sicher trifft.

Wie kann man die Fixierung auf Kontrollillusionen eindämmen? Ist das aus eigenem Antrieb möglich?
Das ist generell schwer und sehr unangenehm. Denn dazu gehört die Einsicht, dass vollständige Kontrolle eine Illusion ist. Es hilft, wenn man sich über seine eigene Wahrnehmung Gedanken macht. Und ich rate dazu, generell dem Leben gegenüber ein bisschen Demut zu entwickeln und zu lernen, bewusst zu vertrauen. Wer vertraut, geht willentlich und zuversichtlich davon aus, dass sich eine Sache so entwickelt, wie versprochen oder erhofft. Ob das dann tatsächlich eintritt, steht auf einem anderen Blatt. Das ist das Gegenteil von Kontrolle. In den Bereichen, wo sie etwas bewirkt, schadet Kontrolle nicht. Wenn ich jedoch Zufälliges im Griff haben will, lande ich in einer Sackgasse.

Zur Person
Roland Kopp-Wichmann arbeitet als Psychologe und Coach in Heidelberg. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Persönlichkeitsseminare für Führungskräfte und Vorträge spezialisiert. Jede Woche schreibt er auf seinem Blog www.persoenlichkeits-blog.de