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16. August 2019 / Interview

Wert von Vertrauen in der Politik

Das Vertrauen eines anderen zu gewinnen, dauert meistens einige Zeit. Um es wieder zu zerstören, reicht oft schon ein einziger Moment. Vertrauen ist ein Geschenk, das man jeden Tag aufs Neue wertschätzen sollte. Denn wenn die Erwartungen an eine vertrauensvolle Beziehung nicht erfüllt werden, ist die Enttäuschung groß. Es entsteht Misstrauen.

Damit sehen sich vor allem auch Politiker/innen konfrontiert. In Zeiten niedriger Wahlbeteiligung, Protestwählern und Rechtspopulismus verstärkt sich die Vertrauenskrise zwischen Bürgern/innen und denen, die das Leben in unserem Land stellvertretend für alle mitgestalten sollen. Eine Entwicklung, die aufhorchen lässt.

Umso wichtiger ist es für Abgeordnete, Minister und Co. zu wissen, wie politisches Vertrauen gestärkt oder zurückgewonnen werden kann und ob es nicht eine neue Ansprache der Politik braucht, um gerade auch jüngere Bürger zu erreichen.

Diesen Fragen ist der Kommunikationswissenschaftler Jonas Hille nachgegangen, der sich im Rahmen seiner Masterarbeit am Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster mit dem Vertrauen in politische Kommunikation beschäftigt hat.

 

Herr Hille, welchen Stellenwert hat Vertrauen in Zeiten von Fake News und den Vorwürfen der Lügenpresse?

Vertrauen als Wert kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Vertrauen ist sozusagen der Kitt, welcher unsere Gesellschaft zusammenhält. Wenn ich jemandem Vertrauen schenke, gehe ich dabei immer das Risiko ein, dass meine damit verknüpften Erwartungen enttäuscht werden. Somit ist Vertrauen eine Basis der gesamten Gesellschaft. Wenn die Menschen ihr Vertrauen in wichtige Institutionen der Meinungs- und Willensbildung wie beispielsweise der Presse verlieren, ist das eine überaus beunruhigende Entwicklung. In besonderem Maße gilt dies auch für Politiker/innen, die in unserer Demokratie als Repräsentanten des Volkes gewählt werden. Eine stabile Demokratie kann demnach nur dann funktionieren, wenn auch Vertrauen zwischen dem Volk und seinen Vertretern/innen herrscht.

 

Worauf zielte ihre Arbeit genau ab und wie sind sie dazu vorgegangen?

Ich wollte vor allem herausfinden, ob die Kommunalpolitiker/innen in Münster eine politische Vertrauenskrise wahrnehmen und welche Maßnahmen sie konkret ergreifen, um das Vertrauen der Menschen in die politische Kommunikation zu stärken oder zurückzugewinnen. Dazu habe ich ehrenamtliche Ratsfrauen und Ratsherren der Stadt Münster befragt, da sie als Teil der kommunalen Selbstverwaltung die Anliegen der Bürger/innen im Rat der Stadt Münster vertreten und sich an sachpolitischen Themen orientieren.

 

Konnten Sie dabei eine Vertrauenskrise zwischen Politik und Bürgern feststellen?

Zunächst sollte man festhalten, dass ein gesundes Misstrauen per se nichts Schlechtes sein muss. Vielmehr ist das kritische Hinterfragen von Diskussionsverläufen und Entscheidungen in der Stadt unabdingbar für eine vitale, lebhafte politische Kultur. Die leitfadengestützten Gespräche haben gezeigt, dass von den befragten Ratsfrauen und Ratsherren größtenteils keine politische Vertrauenskrise in Münster wahrgenommen wird. Damit sticht Münster in der politischen Landschaft sicherlich etwas heraus. Wenn man sich die Gründe für das offenbar stabile Vertrauensverhältnis zwischen der Stadtbevölkerung und den politischen Repräsentanten vor Ort näher anschaut, lassen sich einige Faktoren herauslesen, die sich sehr positiv auf politisches Vertrauen auswirken. Ein wichtiges Element ist eine lebendige politische Teilhabe der Bürger/innen. Eine ausgeprägte Protestkultur und viele Bürgerinitiativen geben den Menschen das Gefühl, selbst aktiv am politischen Geschehen teilhaben zu können. Auch das schafft natürlich Vertrauen in die Politik und ihre Repräsentanten vor Ort. Positiv wirkt sich zudem ein hohes Bildungsniveau und Wohlstand in der Bevölkerung aus, das konnten bereits andere Studien nachweisen. Ein gutes Vertrauensverhältnis kann jedoch auch schnell gestört werden. Probleme wie die wachsende Wohnungsnot oder soziale Ungleichheit können zu einer starken Belastung für die Vertrauensbeziehung zwischen Bürgern/innen und Kommunalpolitik werden. Hier muss die Politik nachhaltige, greifbare Lösungen finden.

 

Wie können Politiker denn allgemein das Vertrauen der Bürger in sie verstärken oder sogar verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?

Ein erster Punkt ist sicherlich Offenheit. Politikerinnen und Politiker, die eine offene Diskussionskultur pflegen und deren Handeln transparent für die Menschen ist, sind auf jeden Fall glaubwürdiger. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die Kommunikation: Gerade Kommunalpolitiker/innen sollten die Bürger aktiv an Entscheidungsprozessen teilhaben lassen und sie durch Öffentlichkeitsarbeit und persönliche Gespräche über aktuelle Diskussionen und Entscheidungen im Stadtrat informieren. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für Vertrauen in politische Kommunikation ist jedoch konkludentes Handeln. Das heißt, Politiker/innen sollten einhalten, was sie vorher versprechen. Leere Versprechungen oder abrupt wechselnde Standpunkte tragen dagegen entscheidend dazu bei, dass das Vertrauen der Menschen schwindet.

 

Sie haben ja gerade unter anderem die Kommunikation als wichtigen Faktor für das Vertrauen in politische Entscheidungsträger genannt. Braucht es mittlerweile vielleicht auch eine neue Sprache der Politik, um die Bürger weiterhin zu erreichen?

Wir brauchen vielmehr eine differenziertere als eine neue politische Sprache. Politiker/innen müssen es schaffen, weitaus zielgruppenspezifischer zu kommunizieren. Da spielen zum Beispiel für die jüngeren Zielgruppen auch Kommunikationskanäle wie Social Media eine immer wichtigere Rolle in der Politikvermittlung. Die gesteigerten Erwartungen und Anforderungen an politische Kommunikation bringen insbesondere die ehrenamtlichen Ratsmitglieder schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Schließlich wenden sie oftmals über 20 Stunden pro Woche für ihre Ratsarbeit auf und tragen so durch bürgernahe Politik zu mehr Vertrauen bei – meist neben ihrem hauptamtlichen Beruf. Da bleibt oft wenig Zeit für zusätzliche Kommunikationsaufgaben.

 

Was ist aus Ihrer Sicht noch wichtig für ein gesundes Vertrauensverhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Politik?

Das Thema Vertrauen ist und bleibt ein dauerhafter Begleiter für politische Akteure. Daher braucht es langfristige Konzepte, eine offene Diskussionskultur und eine klare Haltung, um das Vertrauen der Bürger nachhaltig zu stärken. Man muss aber auch sehen, dass Politiker/innen heutzutage vor einem schwierigen Dilemma stehen: Während politische Entscheidungen und Sachverhalte zunehmend komplexer werden, erwarten die Menschen immer einfachere und kürzere Erklärungen. Um sich jedoch ein differenziertes Urteil über eine bestimmte politische Maßnahme bilden zu können, ist es oft notwendig, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Insofern benötigt es auch ein gewisses Maß an bürgerlichem Interesse – insbesondere an Kommunalpolitik.

Kommunikationswissenschaftler Jonas Hille