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14. Mai 2021 / Einblick

Urteil von Wert

Ein Prüfzeichen vom TÜV steht für Qualität und Sicherheit. Doch wie arbeiten die Überwachungsvereine? Wer kontrolliert die Prüferinnen und Prüfer, und was bedeutet ihr Urteil für Verbraucherinnen und Verbraucher? Eine Nahaufnahme.

Sonja Kretschmar trägt bei der Arbeit Badeanzug und Bademantel. Heute führt sie ihr Auftrag ins Rogner Bad Blumau, eine Wellnessoase in der Steiermark. Die Therme wirbt auf ihrer Website damit, Österreichs beliebteste zu sein. Kretschmar hat sie für sich allein. Doch sie ist nicht gekommen, um die Seele baumeln zu lassen. Stattdessen überprüft sie die Hygienestandards. Dabei nimmt sie etwa die Entspannungsliegen unter die Lupe und untersucht die Oberflächen mithilfe eines Protein-Teststreifens. Kretschmar ist Prüferin des TÜV Rheinland – und als solche mitunter weit weg von der Heimat im Einsatz.

Diese Situation beschreibt beispielhaft eine von vielen Aufgaben, die Sonja Kretschmar und ihre Kolleginnen und Kollegen weltweit haben. Wer in Deutschland ein Auto besitzt, kennt den TÜV vor allem von der Hauptuntersuchung der Pkw. Doch die Technischen Überwachungsvereine, so lautet die Bezeichnung hinter der Abkürzung, erledigen noch viel mehr: Ihr Siegel klebt in Aufzügen, auf Spielzeugkartons oder eben in Wellnessbereichen. Neben TÜV Rheinland sind auch TÜV Nord und TÜV Süd bekannt. Ursprünglich waren die Vereine nur in ihren Heimatregionen aktiv. Das ist heute anders. Inzwischen stehen sie im freien Wettbewerb – untereinander und mit anderen Prüfanbietern aus Deutschland und der Welt. Auch für die Hauptuntersuchung des Autos ist „TÜV“ nur noch ein Synonym: Durchführen kann sie auch ein anderer zugelassener Dienstleister.

Ein Prüfzeichen als Qualitätsgarant?

Im frühen 20. Jahrhundert trugen die Gesellschaften, die damals noch „DÜV“ hießen (Dampfkessel-Überwachungsvereine), die alleinige Verantwortung für die technische Sicherheit sämtlicher Dampf- und Druckkessel in ihrer Region. Der Staat hatte sie mit der Prüfung der Anlagen beauftragt. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden den Überwachungsvereinen in Deutschland nach und nach weitere Aufgaben vom Staat übertragen: die Lizenzen für die Führerscheinprüfung, die Typabnahme neuer Automodelle, die Kontrolle von Aufzuganlagen und von Waren und Dienstleistungen. Erst seit den 1980er-Jahren müssen sich die TÜVe in Deutschland der Konkurrenz mit anderen Prüforganisationen stellen. Seitdem beauftragt zum Beispiel die Therme den TÜV selbst mit der Prüfung und nicht mehr der Staat. Das ist auch heute vielen noch unklar: In einer Meinungsumfrage stuften nur 16 Prozent der Befragten den TÜV Süd richtig als „privates Test-Institut mit Gewinnabsicht“ ein. Stattdessen vermuteten 69 Prozent ein staatliches Testinstitut oder zumindest eine staatlich geförderte Institution. Das hat der „Gütesiegel Monitor 2020“ des Marktforschungsinstituts Splendid Research ergeben. Ein weiteres Ergebnis der Umfrage ergab: Trägt ein Produkt ein Prüfzeichen von TÜV Süd oder von TÜV Rheinland, steigt die Kaufwahrscheinlichkeit um fünf und die Bereitschaft, den Preis zu zahlen, um 15 Prozent.

Die Prüferinnen und Prüfer untersuchen Produkte zum Beispiel in den Kategorien Sicherheit, Ergonomie oder schadstoffgeprüft. Verändert der Hersteller danach etwas, verliert er das Prüfzeichen.

 

Kann man dem Prüfzeichen „TÜV Rheinland“ trotzdem blind vertrauen? Ganz so einfach ist es nicht: „Denn der Hersteller bringt das Produkt in den Verkehr und ist nicht nur für die Qualität, sondern für alles verantwortlich“, so Jörg Meyer zu Altenschildesche. TÜV Rheinland prüft ausschließlich im Auftrag des Herstellers vor Beginn der Produktion das Urmodell und seine Herstellung. Die Annahme: „Wenn jedes Teil wie das von uns Geprüfte produziert wird, wird jedes Produkt genauso gut sein.“ Verändere der Hersteller jedoch etwas, verliere er das Prüfzeichen. Das CE-Zeichen (kurz für „Conformité Européenne“, zu Deutsch „Europäische Konformität“) ist hingegen kein Prüfzeichen, sondern eine Erklärung des Herstellers, dass er die EU-Richtlinien einhält.

Trägt ein Produkt ein Prüfzeichen von TÜV Rheinland, wird damit Konsumenten dennoch nicht die ganze Arbeit abgenommen: Die Prüferinnen und Prüfer kombinieren das Zeichen mit Schlüsselbegriffen – etwa Sicherheit, Ergonomie oder schadstoffgeprüft – und versehen es mit einer ID-Nummer. Mit diesen Hinweisen kann jeder online nachvollziehen, was geprüft wurde und was nicht.

Die Bekanntheit der Marke TÜV Rheinland zieht immer wieder schwarze Schafe an, die mit gefälschten Zertifikaten, ungültigen Prüfzeichen und minderwertigen Produkten ihren Reibach machen wollen. Um sich vor Betrug zu schützen, kann in der offenen Datenbank Certipedia jeder selbst kontrollieren, welche Zertifikate und Prüfzeichen des TÜV Rheinland gültig sind. Zudem gibt es im Netz eine schwarze Liste mit ungültigen und falschen Zertifikaten. Damit speziell Produkte mit gefälschten Prüfzeichen von TÜV Rheinland gar nicht erst in den europäischen Markt gelangen können, kontrolliert der Zoll im Auftrag des Prüfdienstleisters Erzeugnisse, die eingeführt werden sollen.

Die Überprüfung der Prüfung

In den letzten Jahrzehnten wurde das TÜV-Monopol in vielen Bereichen aufgehoben. Axel Friedrich, Sachverständiger für die Deutsche Umwelthilfe, findet das „prinzipiell richtig, aber nicht in Gebieten, wo man Sicherheitsfragen behandeln muss“. Das sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Verdacht zu lascher Prüfungen, mit denen sich Überwachungsvereine die Gunst ihrer Kundinnen und Kunden sichern wollen, steht im Raum. Dazu hat TÜV-Rheinland-Sprecher Jörg Meyer zu Altenschildesche eine klare Haltung: „Egal ob Autoprüfung oder Kraftwerk: Unsere Kunden beauftragen Prüfungen, aber das Prüfergebnis ist offen. Natürlich: Auch bei uns arbeiten Menschen, aber wir tun alles, um Fehler zu vermeiden. Wir reagieren jedoch mit aller nötigen Härte, wenn jemand vorsätzlich gegen Vorschriften verstoßen sollte.“

Was könnte ansonsten Abhilfe schaffen? Dazu Axel Friedrich: „Man muss eine sehr starke Kontrolle einbauen.“ Meyer zu Altenschildesche verweist auf die erforderlichen Prüferlaubnisse, die beispielsweise die Deutsche Akkreditierungsstelle GmbH (DAkkS) vergibt. Die DAkkS ist zu zwei Dritteln staatlich organisiert, den dritten Teil trägt der Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI). „Die Industrie ist ein wichtiger Bestandteil der DAkkS.“ Sie selbst übernehme damit Verantwortung und zeige, dass sie die Überprüfungen wolle. Die Akkreditierung wird Meyer zu Altenschildesche zufolge einmal verliehen. Danach werde jährlich geprüft, ob beispielsweise die Laborausstattung den normierten Vorgaben entspreche, ob die richtigen Prozesse angewandt würden und die Messinstrumente geeicht sind. „Es ist ein ausgefeiltes System, nach dem wir uns richten müssen.“ Das zeigt: Kontrolle ist gut. Aber die ganze Arbeit kann den Konsumentinnen und Konsumenten trotzdem nicht abgenommen werden. Auch diese haben Verantwortung.

Auch im Glücksspiel gelten Standards, mit denen Anbieter ihrer Verantwortung nachkommen: die sogenannten Responsible-Gaming-Standards. Gutachterin Anne Pattberg erklärt im Interview, warum dieses Regelwerk Vertrauen verdient und was seine Entstehung zu einer besonderen Erfolgsgeschichte macht: vertrauen.blog/standards-fuer-responsiblegaming-in-europa