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21. August 2018 / Vertrauen und Träume (IV)

Die, die für ihre Träume kämpft

Schockdiagnose Krebs. Kein Grund, das Träumen aufzugeben. Kein Grund, nicht mehr zu vertrauen. Den Ärzten. Und sich selbst.

Annette Erdmann hat Krebs. Kein Grund für sie, um das Träumen aufzugeben

„Ich habe keine Angst vor dem Träumen“, Annette Erdmann lässt sich nicht unterkriegen. Viele Krebskranke fallen in ein tiefes Loch. Sie hören auf zu träumen, weiß die 55-Jährige. Sie nicht. Seit 2013 kämpft Annette gegen den Krebs. „Mein aller größter Lebenstraum?“, die nussbraunen Augen der 55-Jährigen öffnen sich weit. Sie strahlt und kleine Grübchen zieren ihr markantes Gesicht mit den kurzen braunen Haaren. „Ich will mit meiner Frau durch Europa reisen. Mit einem Wohnmobil in den Tag hineinleben und da anhalten, wo es uns gefällt.“ Das hatte Annette Erdmann sich ursprünglich vorgenommen, wenn sie mit 64 Jahren in Rente gegangen wäre. Keine Verantwortung mehr bei der Arbeit hat. Wenn ihr Lebenstraum halt mal passt. Zeitlich und finanziell. Mit dem Traumerfüllen warten – dafür ist die Zeit jetzt zu kostbar. Nun zieht sie die Europa-Reise schon auf das nächste Jahr vor.

Immer mal ein Stein im Weg

Die ehemalige Handballerin hat keine Probleme damit ihre Träume anzupassen, hatte sie noch nie. „Irgendwann liegt immer mal ein Stein im Weg.“ Sie zeichnet mit ihren Fingern verschiedene Wege auf den braunen Holztisch. „Mal muss ich nach links, mal nach rechts ausweichen“, erklärt sie. Mit acht Jahren träumte sie davon als Fernfahrerin die Welt zu erkunden. Zweimal ist sie durch die Führerscheinprüfung gerasselt. Der Traum zerplatzte. „Zum Glück“, lacht Annette herzhaft. Denn dieser Weg wäre heute definitiv nichts mehr für sie. Heute ist sie Arzthelferin und arbeitet aktuell zwei Mal die Woche. Zu einem traumhaften Tag gehört ihr Job einfach mit dazu. Sie ist glücklich, wenn sie Patienten Mut macht. Wenn sie weiterhelfen kann und gebraucht wird. Träume brauchen Raum. Raum um sich zu entwickeln. Um mit dem Menschen zu wachsen. Das sieht Annette ganz gelassen. Ihr Traum vom Kinderglück ist schließlich auch in Erfüllung gegangen. Nur halt nicht wie zuerst gedacht. Als Annette ihre heutige Partnerin Martina kennenlernte, war es um die Beiden geschehen. „Liebe muss nicht perfekt sein. Sondern echt.“, dieser Spruch ziert das Esszimmer der Frauen. „Ich habe kein eigenes Kind, dafür aber drei angeheiratete. Und eines hat mich zur Oma gemacht.“, nichts kann die 55-Jährige mehr strahlen lassen als die eigene Familie.

Jeder hat seinen eigenen Krebs

Familie, Freunde und Ehe – für Annette der Brunnen aus dem sie täglich Kraft schöpft. „Jeden Morgen an dem ich aufwache und meine Frau anlächle, ist für mich ein gelebter Traum.“ Sie will ihrer Familie zeigen, dass es ihr gut geht. Niemand soll sich um sie Sorgen machen. Die ehrgeizige Sportlerin ignoriert gerne die Warnzeichen ihres Körpers – zu schön ist das Gefühl, kaputt vom Sport nach Hause zu kommen und es wieder geschafft zu haben. „Jeder hat seinen eigenen Krebs“, diesen Satz ihrer Ärztin hat sie sich zu Herzen genommen. Annette vertraut der Therapie. Sie ist eine Kämpferin, ein positiver und selbstbewusster Mensch. Und sie steckt voller Tatendrang. Aus kurzen Notizen und Spinnereien – entstehen mittlerweile eigene Kindergeschichten. Wenn die Hobbyschriftstellerin über „Fitzliputzlis im Märchenwald“ spricht, erhellen sich ihre Gesichtszüge. Ihre Wangenknochen heben sich mit ihrer Freude darüber, dass ihr zweijähriger Enkel ihr allergrößter Fan ist. Ihm ihre selbstgeschriebenen Texte vorzulesen, erfüllt die 55-Jährige mit Freude. Ihre Geschichte über den kleinen Halloweenkürbis, liegt gerade auf dem Schreibtisch eines Lektors. Ihre Kinderbücher eines Tages zu veröffentlichen: „Das wäre natürlich auch mein Traum.“ Im eigenen Bücherregal geht es dagegen schaurig zu. „Eigentlich passen Psychothriller nicht zu mir“, lacht Annette. Vor allem faszinieren sie die Horrorstorys von Mo Hayder, ihrer Lieblingsautorin.

Die Realistin träumt kurzfristig. Dennoch lässt sie der Traum von einem langen Leben mit ihrer Familie nicht los. „80 Jahre alt werden, das wäre es.“ Auch, wenn ihre Ärzte nicht daran glauben. Annette tut es. Sie glaubt an sich und ihre positive Einstellung. „Vielleicht bin ich ja ein kleines Wunder. Alles was bis jetzt passiert ist, ist schon eines.“

 

* Dieses Porträt entstand während einer in Kooperation von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und WestLotto organisierten Projektwoche zum Thema „Träumen“. Die verantwortliche Projektgruppe setzte sich zusammen aus Tim Diedrichs, Elisa Erdmann, Dennis Huch, Lena Kaczmarczyk, Charlotte Köhler, Lea Kossenjans, Katharina Sophie Langhorst, Kevin Lenk, Celina Linden, Maren Mußenbrock und Jonathan Philipp Orth