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16. April 2020 / Einblick

Tafeln trotzen Corona

Die Corona-Krise macht neue Ideen erforderlich: Da viele Tafeln in Nordrhein-Westfalen ihre gewohnten Ausgabestellen derzeit nicht öffnen können, stellen sie auf Lösungen wie Bringdienste um. So können ehrenamtliche Helfer die Bedürftigen, insbesondere alte und erkrankte Menschen, auch jetzt noch mit Lebensmitteln versorgen. Ein Beitrag von Oliver Schönfeld

Mit gut 15.500 Menschen ist Ickern der einwohnerstärkste Ortsteil von Castrop-Rauxel. So ruhig wie derzeit geht es an einem Dienstagnachmittag im Haus der Kirchengemeinde St. Barbara selten zu. Doch die Pandemie wirbelt manches durcheinander. Kirchengruppen treffen sich vorerst nicht. Und auch der Verkaufsraum der Castroper Tafel bleibt geschlossen. „Hier wäre es sonst einfach zu eng für die Kunden und unsere Helfer. Den gebotenen Mindestabstand könnten wir nicht gewährleisten“, erklärt Nina Diring, die beim Caritasverband für die Stadt Castrop-Rauxel die Arbeit der Tafel koordiniert.

 

Arbeit fortsetzen

Die rund 50 Familien, die sich sonst im Gemeindehaus einmal pro Woche mit Lebensmitteln versorgen, finden dennoch weiter Unterstützung. „Gemeinsam mit unseren Helfern haben wir überlegt, wie wir trotz Corona unsere Arbeit fortsetzen können“, sagt Nina Diring. Ehrenamtliche Kräfte, die aufgrund ihres Alters zur Virus-Risikogruppe gehören, setzen vorerst aus. Stattdessen engagieren sich die festangestellten Helfer (als Ein-Euro-Jobber) umso intensiver. „Alle haben sofort freiwillig zugesagt, mit ihrer Arbeit weiterzumachen. Zusätzlich helfen uns einige Studenten auf ehrenamtlicher Basis.“

 

Bis an die Haustür

Somit kann die Castroper Tafel zweigleisig vorgehen. Ältere und kranke Menschen werden mit Lebensmitteln direkt an die Haustür beliefert. Für alle, die mobil sind, befüllen die Helfer vorab die Einkaufstüten. Die Kunden kommen, nehmen sich eine Tüte – und sollen direkt wieder nach Hause umkehren. Abstand halten, so lautet das Gebot der Stunde. „Deshalb haben wir die Ausgabe auch aus dem Gemeindehaus ins Freie verlegt“, erklärt die Caritas-Mitarbeiterin. Mit Organisationsgeschick und zahlreichen helfenden Händen kann die Castroper Tafel somit ihre sechs Ausgabetermine pro Woche aufrechthalten. „Wir freuen uns, dass wir weiterhin helfen können, und hoffen, dass dies auch in den kommenden Wochen so bleibt. Die Menschen, die zu uns kommen, hätten sonst keine Alternative“, weiß Nina Diring.

 

Herausforderung

Doch die Fortführung der Arbeit ist nicht überall im Land möglich. Die Ausbreitung des Coronavirus stellt für die Tafeln eine enorme Herausforderung dar. Aus präventiven Gründen bleiben viele Einrichtungen derzeit geschlossen. „Wer hat tagsüber Zeit, bei der Lebensmittelausgabe zu helfen? Dies sind meist ältere Menschen, die wir vor dem Risiko einer Infektion schützen müssen. Hinzu kommt, dass die Ausgabe in teils engen Räumlichkeiten stattfindet“, schildert Wolfgang Weilerswist, Vorsitzender des Vereins Tafel Nordrhein-Westfalen und selbst seit vielen Jahren in der Tafel Mechernich (Kreis Euskirchen) tätig.

 

Viele Tafeln schließen

Über 70 der NRW-weit 174 Tafeln hatten bis Ende März vorübergehend ihren Betrieb eingestellt. Weitere könnten hinzukommen. „Und selbst die Tafeln, die aktuell noch geöffnet haben, sind in ihrem Angebot vielfach eingeschränkt“, sagt Weilerswist. Rund 450.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen nutzen nach seinen Worten das Angebot. „Für sie tut mir die aktuelle Situation unendlich leid. Daher hoffe ich darauf, dass sich die Lage ab Ende April etwas entspannt.“ Priorität habe in jedem Fall, die Sicherheit der Mitarbeiter und der Tafel-Kunden zu gewährleisten. Eine Lösung sei es beispielsweise, die Zahl der Personen streng zu begrenzen, die sich gleichzeitig im Verkaufsraum aufhalten. „Von der Bevölkerung wünschen sich die Tafeln Solidarität, von der Politik finanzielle Unterstützung“, erklärt Weilerswist weiter.

 

Frische Produkte verfügbar

Führen die derzeitigen Hamsterkäufe dazu, dass auch den Tafeln weniger Lebensmittel zur Verfügung stehen? „Es wird weniger, aber es reicht noch für die Ausgabestellen der Castroper Tafel“, erklärt Nina Diring. Wolfgang Weilerswist bestätigt diese Einschätzung. Die Verbraucher würden hauptsächlich nicht verderbliche Waren vom Toilettenpapier über Nudeln und Konserven bis zu Mehl und Zucker horten. „Frischprodukte stehen somit für die Tafeln auch aktuell in ausreichender Menge zur Verfügung“, erklärt der Vorsitzende der NRW-Tafeln.

 

Solidarität gefragt

Schwerwiegender sind die finanziellen Folgen, die sich durch die Schließung für die Tafeln ergeben. Neben Spenden finanzieren sie sich über symbolische Beträge, die Kunden für die ausgegebenen Lebensmittel zahlen. Diese Einnahmen entfallen aktuell, Kosten wie Mieten oder Fahrzeugversicherungen hingegen laufen weiter. Umso größer ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität. Sorgen macht sich Weilerswist indes wegen der wirtschaftlichen Folgen der Krise. „Ich könnte mir vorstellen, dass durch Kurzarbeit und steigende Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten noch mehr Menschen die Unterstützung durch die Tafeln benötigen werden.“

 

Zukunftskonzepte

Trotz der aktuell unsicheren Zeiten arbeitet der gemeinnützige Verein an Zukunftskonzepten. Schon Monate vor Corona geplant, startete zum 1. April ein neues, dreijähriges Projekt, das vom Land NRW finanziell gefördert wird. Das Ziel: Der Landesverband will seine Logistik an sechs Verteilzentren konzentrieren. Handelsketten und Lebensmittelproduzenten können in Zukunft ihre Waren direkt dorthin liefern – die Verteilzentren transportieren anschließend weiter zu den Tafeln vor Ort. So soll die Arbeit effizienter werden, die Verteilung der Lebensmittel gleichmäßiger und bedarfsgerechter erfolgen. Angesiedelt sind die Verteilzentren in Aachen, Coesfeld, Dormagen, Dortmund, Köln und Wuppertal.

 

 

Fotos: Jürgen Peperhowe

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