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11. Dezember 2017 / Interview

„Responsible Gaming braucht hohe Standards“

Symbolbild Responsible Gaming: Zwei Gliederpuppen beim Würfelspiel.

Nicht jeder kennt und akzeptiert die Grenzen beim Glücksspiel. Deshalb hat die Vereinigung der Europäischen Lotterien Standards für „Responsible Gaming“ entwickelt. Warum diese Vertrauen verdienen, warum ihre Entstehung eine Erfolgsgeschichte ist und wie WestLotto daran mitwirkte, erklärt Anne Pattberg, Gutachterin für internationale Responsible-Gaming-Standards.

Frau Pattberg, können Sie erklären, was hinter dem Begriff „Responsible Gaming“ steckt?

Responsible Gaming bedeutet für uns den Schutz von Verbrauchergruppen vor ungesundem Spielverhalten und illegalem Spiel. Ganz wichtig sind in diesem Zusammenhang zudem Kinder und Jugendliche: Glücksspiele mit Geldeinsatz sind etwas für Erwachsene – Punkt. Darauf muss penibel geachtet werden. Auch wer unter Einfluss von Rauschmitteln steht, darf nicht spielen.

Um ihrer Verantwortung im Alltag gerecht zu werden, arbeiten Lotteriegesellschaften heute nach festen Standards. Welche sind das?

Von zentraler Bedeutung sind hier die gemeinsamen Standards für verantwortungsvolles Glückspiel. Deren Herausgeber ist die European Lotteries, eine Vereinigung von über 70 staatlich lizenzierten Lotterieunternehmen in ganz Europa. Neben Schulungen und Informationen des Verkaufspersonals in den Annahmestellen setzt dieses Regelwerk in weiteren Themen- und Aktionsfeldern hohe Maßstäbe: Das betrifft beispielsweise die Forschungsförderung sowie Fragen von Design und Werbung. Auch die umfassende und gut wahrnehmbare Information der Kunden über Gewinnwahrscheinlichkeiten und Ausschüttungen ist ein Teil des Regelwerks. Außerdem dürfen Lotterieunternehmen in keinem Fall Kredite gewähren. Und spielsüchtige oder suchtgefährdete Personen müssen nicht zuletzt umfassend und zuverlässig gesperrt werden können.

Wie kamen diese Regeln zustande?

Das ist in meinen Augen eine Erfolgsgeschichte. Oft wird gesagt: „Es ist unwahrscheinlich schwierig, Zertifizierungskonzepte zu entwerfen, es ist schwierig, einen gemeinsamen Weg zu beschreiten.“ Dem möchte ich widersprechen. Was die European Lotteries geschafft hat, ist ein gemeingültiger Zertifizierungsansatz für alle möglichen Arten von Lotterieunternehmen. Die 70 europäischen Lotteriegesellschaften haben zum Teil völlig unterschiedliche Angebote: Hier in Deutschland gibt es Ziehungsspiele und Rubbellose, in anderen Ländern gibt es Lotteriegesellschaften, die alles anbieten – vom Casino über Online-Bingo oder -Pokerspiele bis hin zu Video-Lottery-Terminals, das sind im Grunde digital vernetzte Geldspielautomaten. Was ich damit sagen will: Man kann allgemeingültige Zertifizierungsansätze für eine Myriade verschiedener Unternehmen erarbeiten, wenn man nur will. Dazu muss man in einen Dialog treten und unabhängige Stakeholder einbeziehen.

Wer schaut darauf, dass die Lotterieunternehmen sich an das Regelwerk halten?

Hier sind unabhängige Dritte beteiligt – häufig die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften: In Deutschland führen vor allem Deloitte und PwC sowie die Uni Mainz, die einen sehr guten klinisch-psychologischen Hintergrund hat, Zertifizierungen durch. Wenn eine Lotterie die Vollzertifizierung erhält, kann jeder erkennen, dass das Unternehmen permanent intensiv und auf hohem Niveau daran arbeitet, Verbraucher vor ungesundem Spielverhalten zu schützen.

Und wie geht so eine Zertifizierung vor sich?

Diese Zertifizierungen werden von unabhängigen Prüfern durchgeführt. Sie arbeiten sich im Vorfeld gründlich ein und verbringen zwei Tage vor Ort. Dabei schauen sie genau hin, ob die Standards der European Lotteries erfüllt sind. Wenn ja, erfolgt eine Vollzertifizierung, die drei Jahre lang gültig ist. Nach eineinhalb Jahren wird eine Teilüberprüfung vorgenommen, um festzustellen, wie sich das Unternehmen weiterentwickelt hat. Bei der Entwicklung dieses Systems habe ich selbst mitgewirkt. Dieser Zertifizierungsrahmen ist so präzise, dass jeder Wirtschaftsprüfer mit ihm arbeiten kann, auch wenn er kein Responsible-Gaming-Experte ist.

WestLotto hat 2015 bereits seine dritte Vollzertifizierung erhalten. Wie sieht es bei anderen Lotteriegesellschaften in Deutschland aus?

Mittlerweile sind elf der 16 deutschen Gesellschaften vollzertifiziert. Aber Westlotto war in Deutschland Pionier. Übrigens auch bei der Entwicklung der Standards: Dabei hatte WestLotto die Federführung inne und hat den Responsible-Gaming-Gedanken auf nationaler und europäischer Ebene maßgeblich vorangetrieben.

Lotto spielen kann man heute auch im Internet. Welche spezielle Bedeutung hat Spielerschutz dort?

Das Internet hat bei der Anwendung von Responsible-Gaming-Maßnahmen einen klaren Vorteil, da eine Lotteriegesellschaft die Möglichkeit hat, den Spieler direkt mit Präventionsmaßnahmen vertraut zu machen. Hier lässt sich somit eine größere Bandbreite an Spielerschutzmaßnahmen einsetzen: zum Beispiel den Selbstausschluss von einzelnen Spielen, das Setzen von Limits zum Spieleinsatz und direkte Spieleransprache. Auch hat man im Internet die Möglichkeit, das Spielverhalten – natürlich unter Berücksichtigung der gültigen Datenschutzbestimmungen – stärker zu analysieren und wenn nötig einzuschreiten. Auch zu beachten ist die Umsetzung von Jugendschutzmaßnahmen: Durch robuste Authentifizierungssysteme ist das Spielen von unter 18-Jährigen online sehr effektiv zu verhindern.

Zugleich finden die User im Netz eine größere Auswahl an Spielen. Gibt es mit Blick auf das Suchtrisiko Spiele, die gefährlicher sind als andere?

Ein Spiel wird generell gefährlicher, je kürzer der zeitliche Abstand zwischen Spieleinsatz und Ermittlung des Ergebnisses ist und je häufiger es zur Verfügung steht. Nehmen wir zum Beispiel das klassische Lotto „6 aus 49“: Da gibt es zwei Ziehungen in der Woche, das ist nicht gerade viel. Bei anderen Glücksspielen hingegen können Sie eine Wette platzieren, die im Extremfall innerhalb weniger Sekunden ein Ergebnis bringt; danach können Sie gleich den nächsten Einsatz setzen. Denken Sie etwa an Spielautomaten, bei denen Sie einmal auf den Knopf drücken oder den Hebel betätigen und gleich die nächste Möglichkeit haben, Geld einzuwerfen. Im Vergleich zu diesen Spielen ist das klassische Lotto ungefährlich.

Wie steht es mit Rubbellosen? Freirubbeln, sehen, ob man gewonnen hat, nächstes Los kaufen und so weiter.

Ja, in der Tat ist so ein Rubbellos etwas Schnelleres als ein Lottospiel, aber dieses Spiel ist immer noch etwas völlig anderes als ein Casino- oder Pokerspiel im Internet. Dennoch sind die Mitarbeiter in der Annahmestelle angehalten, zu schauen, wer wie spielt. Für den Fall, dass sich Anhaltspunkte für problematisches Spielverhalten ergeben, ist die Annahmestelle in der Spieleransprache geschult und verweist auf Suchtberatungsstellen und ausliegendes Informationsmaterial.

Wie werden die Mitarbeiter in den Annahmestellen auf diese Anforderungen vorbereitet?

Jeder Inhaber bekommt eine eingehende Schulung, in der auch das Thema Responsible Gaming umfassend thematisiert wird. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sein Geschäft überhaupt zur Annahmestelle werden kann. Im Anschluss ist mindestens eine Auffrischung und Vertiefung pro Jahr Pflicht. Zudem werden kontinuierlich Informationen zu Responsible Gaming verschickt. Der Annahmestellenleiter muss außerdem dafür sorgen, dass sein Personal entsprechend unterrichtet ist.

Wie wird das überprüft?

Es gibt ein sogenanntes Mystery-Shopping-Programm. Vertreter einer unabhängigen Stelle kommen unangekündigt und nicht erkennbar in die Annahmestelle, machen sich ein Bild von der räumlichen Situation und tätigen Testkäufe. So überprüfen sie, ob nach dem Ausweis gefragt wird. Sollten Fehler oder Mängel festgestellt werden, bekommt die Annahmestelle umgehend eine praktische Nachschulung. Beim dritten Mal droht die Entziehung der Konzession.

Wie regelmäßig finden solche Kontrollen statt?

In ganz Nordrhein-Westfalen sind es etwa 3.400 pro Jahr, also statistisch ziemlich genau eine pro Annahmestelle.

 

Anne Pattberg, PB Consulting, Glücksspiel

Anne Pattberg ist Managing Director bei der PB Consulting GmbH, einer Unternehmensberatung für Responsible Gaming und Nachhaltigkeit. Ihr Schwerpunkt liegt in der Leitung von Projekten zur Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien und des Nachhaltigkeitsreportings von DAX- und MDAX-Firmen. Außerdem ist sie Vorsitzende des Independent Assessment Panel für Responsible Gaming der World Lottery Association. Von 2004 bis 2011 leitete Pattberg die Stabsstelle Nachhaltigkeit bei der Camelot Group plc, dem staatlichen englischen Lotterieanbieter. Während dieser Zeit leitete sie zudem die Arbeitsgruppe für Responsible Gaming/CSR der European Lotteries und verantwortete die Entwicklung des Responsible-Gaming-Standards der European Lotteries und des Responsible Gaming Frameworks der World Lottery Association. Beides wird global angewendet.