Vertrauen teilen:
14. Januar 2019 / Kommentar

Sehenden Auges?

Bird-Box-Challenge: Frau mit verbundenen Augen vor schwarzem Hintergrund

„Bird-Box-Challenge“ – so heißt der neueste Internettrend, bei dem Menschen mit verbundenen Augen durch die Gegend irren und sich dabei filmen. Wer macht so etwas? Die Antwort ist: viele! Doch warum rennen wir blind solchen Hypes hinterher?

Kaum hat Malories Sohn das Licht der Welt erblickt, da wird es ihm schon wieder genommen. Nur Augenbinden können die Menschen im Thriller „Bird Box – Schließe deine Augen“ noch gegen eine böse Macht schützen. Wer ihrer ansichtig wird, begeht unmittelbar Suizid. Über Jahre hinweg lebt Malorie, gespielt von Sandra Bullock, mit ihrem Sohn und einer Ziehtochter deshalb hinter abgedunkelten Fenstern und geht nur mit verbundenen Augen vor die Tür. So viel zum Ursprung der „Bird-Box“-Challenge.

Nicht nur zahlenmäßig entpuppte sich der Netflix-Streifen schon bald als Rekorderfolg. Auch zum Nachahmen regt das Drehbuch die Zuschauer unerwartet an. Mit der „Bird-Box“-Challenge hat das noch junge Jahr 2019 seinen ersten Internethype: User bewegen sich mit verbundenen Augen durch ihren Alltag und teilen in sozialen Netzwerken ihre – bisweilen schmerzhaften – Erfahrungen in Ton und Bild.

Visuell vertrauen

Der Film zeigt, wie es sich in einer Welt lebt, in der die wenigen Verbleibenden blind und allein sind – ohne Hilfsmittel, wie sie Sehbehinderte in der Realität nutzen. Damit richtet er den Blick auf etwas, worauf der sehende Zuschauer im Alltag selbstverständlich vertraut: die visuelle Wahrnehmung. Doch was passiert, wenn wir uns darauf nicht mehr verlassen können, sondern nur noch auf andere Sinne? Die Figuren orientieren sich im Dickicht der Unvorhersehbarkeiten aufs Geratewohl. Auf einer Autofahrt mit abgeklebten Scheiben ist das Navi der einzige Helfer, wodurch die Reise natürlich nicht ohne Kollisionen vonstatten geht.

Die Realität der Challenge-Teilnehmer sieht jedoch anders aus. Sie begeben sich ganz ohne Bedrohung durch Dämonen freiwillig in diese Situation und verdunkeln ihre Welt. Dave Brown, ein kanadischer Radioreporter, hält die Challenge für unsensibel gegenüber denen, die wie er selbst tatsächlich mit Sehstörungen leben: Eine Augenbinde könne man jederzeit abnehmen und beschwerdefrei weiterleben. Für Menschen wie ihn aber sei „das nicht nur ein Video oder ein Sketch. Es ist unser Leben.“ Indes kann er die Neugier nachempfinden, die die Menschen seiner Ansicht nach antreibt. „Auch ich habe schon versucht, mit der rechten Hand zu schreiben.“

Challenge – Erlebnishunger schlägt gesunden Menschenverstand

Im Gegensatz dazu droht bei der Mutprobe vor laufender Smartphone-Kamera Gefahr für Leib und Leben wie schon bei ihren Vorläufern: Zum Beispiel kauten 2018 plötzlich viele Jugendliche auf Waschmitteltabs herum und teilten davon Videos. Auch die Augenbindenträger müssten nach kurzem Überlegen von der Idee ablassen, aus Angst vor Stürzen in eiskalte Gewässer oder gar Verkehrsunfällen, bei denen nicht nur die eigene Unversehrtheit auf dem Spiel steht. Ihr Erlebnishunger scheint so groß zu sein, dass sie buchstäblich blind auf ihr Glück vertrauen oder, im Fall der Fälle, auf eine allmächtige Unfallmedizin. So gesehen läuft die Augenbinde dem Zweck im Film vollends zuwider, in dem sie ja das Überleben sichert.

Doch die Frage nach Sinn und Unsinn hilft nicht weiter. Was lässt selbst Erwachsene viralen Trends hinterherlaufen? „Man macht dort mit, um zu zeigen, dass man dazugehört“, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt, der am Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung neue Öffentlichkeiten der Onlinewelt erforscht, dem „Spiegel“.

Wer an der Challenge teilnimmt, ist Teil einer Bewegung. Fernsehmoderatorin Isabella Müller-Reinhardt etwa schrieb zu Jahresbeginn: „Ich bin jetzt im ,inner Netflix-Circle‘, ein Teil der großen Familie“ – endlich mitreden können, wenn Freunde und Kollegen die neuste Serie oder eben ein Filmhighlight wie „Bird Box“ feiern. Auch das Challenge-Video gilt als Mitgliedsausweis für diesen Club, der sich nicht auf den Bekanntenkreis beschränkt. Das Gros der Teilnehmer wird sich im echten Leben nie begegnen, ist im gemeinsamen Humor aber verbunden; von Cupertino bis Castrop-Rauxel.

Das Digitalzeitalter treibt bunte Blüten. Doch tritt man einen Schritt zurück, sind nicht alle Phänomene nachahmungswürdig. Solche wie die „Bird-Box“-Challenge zeigen: Es lohnt, ab und zu zu überlegen, wie weit wir die Triebe dieser Pflanze ins analoge Dasein wuchern lassen wollen.