Vertrauen teilen:
19. Juni 2018 / Einblick

Scareconomy?

Wohnungen, Autos, Jobs: Heute wird alles geteilt. Doch kann man Nutzern vertrauen, die man nicht kennt – oder ist die Shareconomy in Wahrheit eine Scaring Economy?

Ein vertrauensvoller Handschlag und das Geschäft war besiegelt: So – nicht selten ganz ohne schriftliche Vereinbarungen – handelten noch bis vor 50 Jahren nicht nur Viehwirte auf dem Markt, sondern auch Kaufleute aller Couleur, allen voran die für ihre sprichwörtliche Zuverlässigkeit bekannten Hanseaten. Heute sieht das anders aus: Wer sich online bei einer Sharing-Plattform registriert, etwa um eine Ferienwohnung oder spontan ein Auto für eine Stadtfahrt zu mieten oder zu vermieten, muss nicht nur allgemeine Geschäftsbedingungen akzeptieren, deren Umfang mit dem Textangebot großer deutscher Wochenzeitungen konkurriert. Man muss auch eine Menge über sich preisgeben. Aber wie sonst sollen Nutzer ihren Transaktionspartnern oder dem vermittelnden Unternehmen vertrauen können?

Nutzer = Anbieter

Für den Handels- und Dienstleistungssektor gilt damals wie heute: Wer vertraut, geht immer ein Risiko ein; der Begriff „Vertrauensvorschuss“ bringt es auf den Punkt. Ein Verkäufer vertraut darauf, dass ein Käufer den Kaufpreis ohne Abzug und pünktlich entrichtet – und der Käufer wiederum erwartet, dass die Ware oder Dienstleistung dem Angebot entspricht. In der Sharing Economy verschwimmen die Grenzen zwischen Nutzer und Anbieter. Ganz gleich, ob es sich um die Vermietung oder Anmietung von Wohnungen über Airbnb oder um Mitfahrgelegenheiten über Blablacar handelt: Wer teilnimmt, kann zum Mieter und zum Vermieter, zum Fahrer und zum Mitfahrer werden.

Der persönliche Eindruck zählt immer noch

Der zweite wichtige Unterschied zwischen dem Handschlaggeschäft auf dem Markt und der Sharing Economy: Früher kannten sich die Handelnden häufig persönlich oder „über drei Ecken“ – vom Tennisverein über den Rotary-Club bis hin zum sonntäglichen Kirchgang. Ganz anders sieht es im Internet aus. Wir vermieten eine Düsseldorfer Wohnung an einen uns vollkommen unbekannten Touristen aus Los Angeles und wissen nicht, was er in unserer Wohnung anstellen wird. Dennoch vertrauen wir darauf, dass wir uns auch nach seinem Besuch dort weiterhin zu Hause fühlen können.

Vertrauensbildende Maßnahmen im digitalen Umfeld gibt es viele. Die bekanntesten sind Onlinebewertungen, die Verpflichtung zur Erstellung eines aussagekräftigen Personenprofils, authentische Fotos und Beschreibungen zu Vermietungsobjekten aller Art – oder auch der Zutritt via Facebook-Login; so können sich die Beteiligten vor der Anbahnung eines Geschäfts beschnuppern. Wie wirksam der persönliche Eindruck ist, zeigt eine Umfrage der New York University unter 18.289 Mitgliedern von Blablacar aus elf europäischen Ländern. 88 Prozent der Befragten gaben darin an, dass sie einem anderen Mitglied „besonders vertrauen“, wenn dessen digitales Profil vollständig ist. Fast so stark wie Familienmitgliedern (94 Prozent) und Freunden (92 Prozent).

Dass auch Bewertungen ein wirksames Werkzeug sind, bestätigt der Sharing-Economy-Experte Tom Slee: „Es gibt kaum ein besseres Disziplinierungsmittel als die Bewertung nach Sternen. Fahrer von Uber werden alles tun, um eine Fünfsternebewertung zu erhalten. Rutschen sie nur etwas unter 4,7 Sterne, dann riskieren sie ihren Job“, gab Slee in einem Interview mit dem Spiegel zu Protokoll.

Neues Spiel, neue Regeln

Entscheidend ist, dass Mechanismen und Regeln transparent und eindeutig sind, sowohl innerhalb von Sharing-Plattformen selbst als auch darüber hinaus. Deshalb muss auch der gesetzliche Rahmen eine klare Orientierung bieten. Darf ich meine Wohnung in Münster untervermieten? Was, wohnte ich in Köln? Wer bezahlt die Folgen eines Wasserschadens, den der Untermieter verursacht? Und kann ich für einen Kratzer im Carsharing-Fahrzeug haftbar gemacht werden, für den einer meiner Vormieter verantwortlich ist?

Die Welt ist nicht schlechter geworden. Aber erweiterte Möglichkeiten machen sie komplexer und schaffen fast zwangsläufig neue Risiken. So wie wir selbst mit ihnen umzugehen lernen, so muss die Sharing Economy uns mit vertrauensbildenden Maßnahmen dabei helfen, den Spagat zwischen Bequemlichkeit und Sicherheit zu wagen. Manche dieser Maßnahmen mögen als lästig gelten, doch sie sorgen für Sicherheit und Transparenz. Vor allem aber ermöglichen sie auch in Zukunft den Aufbau von Vertrauen – als existenziellen Eckpfeiler nicht nur unserer Ökonomie, sondern der gesamten Zivilisation.

Vertrauensbildende Maßnahmen

So bewerteten Teilnehmer einer Studie der TU Berlin die Wichtigkeit
von Vertrauensfaktoren bei Angeboten der Sharing Economy.

Vertrauensfaktor Wichtigkeit (1 bis 5)
Bewertungstexte 4,35
Bewertungen 4,21
Kontaktinformationen 4,14
Prüfung der Echtheit des Onlineprofils 4,05
Anzahl der Bewertungen 3,98
Beschreibung und Erklärung des Profils 3,89
Profilbild 3,62
Aktivität des Profils 3,20
Verbundene Social-Media-Netzwerke 2,98