Vertrauen teilen:
1. Dezember 2017 / Interview

Wenn aus Spiel Ernst wird

„Glücksspiel kann süchtig machen“ – dieser Satz prägte das Berufsleben von Günther Zeltner, Psychologe und ehemaliger Abteilungsleiter in der eva (Evangelische Gesellschaft Stuttgart e. V.) in Stuttgart. Im Interview erklärt er, ab wann Glücksspielverhalten krankhaft ist und wo die Gefahren liegen.

Herr Zeltner, wo hört das Spiel auf und fängt die Sucht an?

Klar ist, dass man nicht an einem Tag noch unproblematisch spielt und am nächsten Tag spielsüchtig ist. Im Grunde gibt es kein gutes Modell, das die Entwicklung einer Spielsucht beschreibt. Man kann jedoch zwei Positionen unterscheiden. Nach der ersten sind schon in einem frühen Stadium des Glücksspielens Merkmale eines süchtigen Verhaltens sichtbar und wird die Vulnerabilität – also die Anfälligkeit für eine krankhafte Entwicklung – damit aktiviert. Die zweite Position geht eher davon aus, dass eine Glücksspielsucht im Zuge von Konditionierung und Belohnungs- und Modelllernen entsteht und das problematische Verhalten schrittweise alltäglich wird.

Wie sieht ein problematisches Spielverhalten aus?

Der Betroffene hat zum Beispiel Schwierigkeiten, das eingesetzte Geld oder die Spieldauer zu begrenzen. Er denkt Tag und Nacht an das Spiel, verliert nach und nach Hobbys, Freundschaften und Beziehungen und spielt schließlich mehr aus Gewohnheit als aus Spaß. Aberglaube und irrationales Denken gesellen sich dazu. Die Dosis wird immer weiter gesteigert. Am Ende kann das exzessive Spielverhalten stehen – in seiner Intensität vergleichbar mit Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum.

Was unterscheidet Glücksspielsucht von diesen Suchtarten?

Glücksspiel zählt zu den Verhaltenssüchten, während etwa die Alkohol- oder Nikotinsucht stoffgebunden ist. Des Weiteren wirken beim Glücksspiel drei Faktoren zusammen: das Geld – als potenzielles Tauschmittel für alle Waren –, das Glück im Sinne von Zufallsglück, Risikoverhalten und Kontrolle über das Schicksal; und das Spiel, in dem man sich verliert. Beim Automatenspiel kommt noch ein spezifisches Mensch-Maschine-Verhältnis dazu. Glücksspielen ist zudem mit einem hohen Zeitaufwand verbunden, und die finanziellen Folgeprobleme sind erheblich.

Variiert das Suchtpotenzial je nach Glücksspielart?

Ich würde eher sagen: je nach Spieler. Wer das große Risiko sucht, fühlt sich von Roulette oder Black Jack angezogen. Wer sein Expertenwissen und seine Spielgeschicklichkeit zur Minderung des Zufallsgeschehens einsetzt, der ist empfänglich für Poker und Sportwetten. Wer sich in ein abergläubisches Verhalten verliert, für den kann auch das Lottospiel ein Risiko sein. Die spezifischen Produktmerkmale wie Frequenz, Gewinnerwartungen, Auszahlungsquote beeinflussen die Attraktivität und die Aktivierung der Vulnerabilität. Eine moderne Beschreibung von Spielertypen hat der Psychologieprofessor Alex Blaszczynski entwickelt.

Spielertypologie nach Blaszczynski/Nower (2002)

1. Problemspieler mit konditioniertem Spielverhalten
geringe Psychopathologie, schwankt zwischen regelmäßigem und gelegentlichem Spielen, Chasing, hoher Alkoholkonsum, Depressionen und Ängste als Folge finanzieller Belastungen, hohe Compliance, Chancen für minimale Interventionen

2. Emotional verletzliche Problemspieler
vulnerabel für problematisches Glücksspiel, prämorbid Ängste und/oder Depressivität, belastender familiärer lebensgeschichtlicher Hintergrund, mangelhafte Problemlösungskompetenz, Mitbehandlung der Komorbidität/Vulnerabilität

3. Antisozial impulsive Problemspieler
mit psychosozialer und biologischer Vulnerabilität für problematisches Glücksspiel, impulsive und antisoziale Züge, wenige zwischenmenschliche Beziehungen, exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum und spielunabhängige Kriminalität, geringe Compliance, hohe Abbruchrate, geringe Behandlungsbereitschaft, hohe Rückfallrate

Gemeinsam ist allen bestehenden Spielertypologien, dass sie Persönlichkeitsmerkmale mit dem Glücksspielverhalten in Beziehung setzen.

Welche Glücksspielarten sind nach Ihrer Erfahrung am häufigsten Suchtursache? 

Schaut man allein darauf, wobei pathologische Spieler nach eigener Aussage ihre Sucht entwickelt haben, dann steht an erster Stelle das Automatenspiel. Mit deutlichem Abstand folgen Sportwetten, Poker und das Spiel in den Spielbanken. Lotterien werden in diesem Zusammenhang eher selten genannt. Vereinfacht wird deshalb die These vertreten, dass Automaten das höchste und Lotterien ein sehr niedriges Suchtpotenzial haben.

Warum setzen Spieler hohe Summen, wenn ihnen die geringen Gewinnchancen bekannt sind?

Wir Menschen sind in den Entscheidungen unser Konsumverhalten betreffend nicht rational. Und wenn es um die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten geht, sind wir keine Mathematiker. Vielmehr ist der Wunsch Vater des Gedankens. Dazu kommen Vorstellungen des „einen großen Gewinns“, den man eben nur mit Risikoverhalten, sprich hohen Einsätzen, erreichen kann. Bei süchtigen Spielern, die fremdes Geld einsetzen, gibt es die mächtigen Tagträume, dass man endlich alles verlorene Geld auf einen Schlag zurückgewinnt und darüber hinaus noch seiner Familie eine teure Urlaubsreise spendieren kann. Und schließlich steigt die Erregung, wenn man die Dosis steigert. Eine Angstlust, der man sich nur schwer entziehen kann.

Mit welchen Strategien werden Glücksspielsüchtige bei der eva behandelt?

Folgende Bausteine sind Teil jeder Behandlung: Die sogenannte Symptomkontrolle bedeutet in der Regel Glücksspielabstinenz; nur einige wenige Patienten schaffen ein kontrolliertes Spielverhalten. Ziel ist eine gefestigte Haltung zur Sucht, die man kommunizieren kann. Auch die Folgen der Sucht gilt es zu beheben: Das reicht von der Schuldenregulierung über die Wiederherstellung von verloren gegangenem Vertrauen in Familie und Freundeskreis bis hin zur Milderung sozialer und beruflicher Schäden. Zudem ist die Lebensgeschichte ein Gegenstand, mit dem wir in der Behandlung arbeiten – das kann entlasten und der eigenen Suchtgeschichte einen Sinn geben. Um das eigene Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können, müssen die Betroffenen auch mit Defiziten und Versäumnissen aufräumen: Das kann zum Beispiel ihren Umgang mit Geld, mit Enttäuschungen oder mit Risiken betreffen.

Wie sind nach Ihrer Erfahrung die Heilungschancen?

Die größte Gruppe, die über sich sagt, ihre Glücksspielsucht besiegt zu haben, sind die Selbstheiler. Sie haben eine Phase schädlichen Spielens allein überwunden. Anders ist es bei Menschen, die professionelle Hilfe in Beratungsstellen oder Fachkliniken in Anspruch nehmen. Diese sind häufig schwerer geschädigt, haben eine stärkere Suchtausprägung und oft weitere psychische Erkrankungen. Hier dürften die dauerhaften Heilungschancen bei circa 50 Prozent liegen. Die anderen aus dieser Gruppe werden mit ihrer Spielsucht alt – und das mehr oder weniger gut.

Wie können Glücksspielanbieter solchen Suchterkrankungen vorbeugen?

Sie können zum Beispiel den Spieler- und Verbraucherschutz als wichtige Unternehmensaufgabe einstufen, die Früherkennung forcieren und problematisch spielende Personen gezielt ansprechen. Sie können Kunden über die Risiken der Glücksspielsucht informieren und zu verantwortlichem Spielen anhalten. Und sie können den Einsatz von Selbstlimitierung und Sperrsystemen fördern – so ist zum Beispiel auf westlotto.de der monatliche Höchsteinsatz auf 1.000 Euro begrenzt. Im Fall einer Glücksspielsucht kann der Anbieter zudem die Vermittlung professioneller Hilfe anbieten. Um diese Prozesse und Maßnahmen umsetzen zu können, braucht ein Unternehmen Strukturen, Ressourcen und qualifiziertes Personal. WestLotto ist engagiert im Spielerschutz und leistet sich eine eigene Abteilung für Responsible Gaming.

Wie würde ein pathologischer Spieler mit einem Lotto-Millionengewinn umgehen?

Das ist natürlich Spekulation. Wir haben aber vor einigen Jahren in einer Gesprächsgruppe aus Klienten mit Glücksspielproblemen nachgefragt, was die Teilnehmer machen würden, wenn sie eine Million Euro gewinnen würden. Ich kann mich noch an die Antwort eines Klienten erinnern, der sagte, er würde 500.000 Euro zurücklegen und mit 500.000 Euro endlich unbekümmert spielen können. Vielleicht zeigt seine Antwort das allgemeine Dilemma, das Spieler bei – hohen – Gewinnen spüren.

Gibt es Glücksspiele, die auch Sie anziehen?

Ja, die gibt es. Besonders anziehend finde ich Roulette und Black Jack. Auch die Stimmung auf einer Pferderennbahn hat einen gewissen Reiz. Aber ich spiele sehr selten, vielleicht einmal im Jahr. Mit einem Gewinn habe ich bislang nur selten eine Spielbank verlassen. 

Günther Zeltner, Psychologe

Günther Zeltner war mehr als 36 Jahre Leiter der Suchtberatung der psychosozialen Beratungsstelle eva (Evangelische Gesellschaft Stuttgart e. V.). Von 1999 an setzte er sich in diesem Amt verstärkt für Engagement im Glücksspielbereich ein. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand arbeitet er heute im „Düsseldorfer Kreis“ an einem bundesweiten Verbraucherschutzkonzept mit. Zu den Mitgliedern der Initiative gehören Verantwortliche aus den Bereichen Glücksspiel, Suchthilfe, Wissenschaft und Beratung. Ihr gemeinsames Ziel ist die Entwicklung einer an hohen Qualitäts- und Verbraucherschutzstandards ausgerichteten Glücksspielregulierung in Deutschland.