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22. Dezember 2017 / Interview

Die freie Gestaltung des eigenen Lebens

Genuss, Unterhaltung, Konsum – in vielen weihnachtlichen Predigten werden diese Bestandteile unseres Alltags kritisch hinterfragt. Auch Lotto baut auf ihnen auf. Ein Gespräch mit Knut Walter, Mitgründer und Sprecher des Düsseldorfer Kreises, über das Verhältnis der Kirche zum Glücksspiel.

Herr Walter, Geldgier sei die Wurzel allen Übels, so steht es in der Bibel (Timotheus 6,10). Verbietet die christliche Religion die Teilnahme am Glücksspiel also?

Es stimmt, das Thema Geld in der Bibel wird oft angeführt, um die grundsätzliche Ablehnung der Kirchen gegenüber Glücksspiel zu unterstreichen. In der Realität stellt sich das aber wesentlich differenzierter dar: Schaut man sich das christliche Menschenbild in der öffentlichen Diskussion an, dominiert der weitgehende Verzicht auf jede Art von Freude, Genuss und Konsum überhaupt. Doch das ist nicht die Sicht der Kirchen. Wir als Düsseldorfer Kreis haben uns dazu intensiv mit der evangelischen Kirche ausgetauscht. Dabei hat uns Dr. Bertolt Höcker, der Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, verdeutlicht, dass das christliche Menschenbild von Freiheit und Verantwortung geprägt ist. So war auch das Reformationsjubiläum in diesem Jahr ein Jubiläum der Befreiung. Eigene Entscheidungen und Verantwortung des Menschen stehen im Mittelpunkt. Entgegen aller öffentlichen Deutung ist die Kirche keine Gegnerin von Glücksspiel. Aber sie hat eine Position, die auch ethisches Grundverständnis von Unternehmertum beinhaltet: Man soll seine Kunden nicht schädigen. Ein Aufruf an alle Unternehmen, die sich – ob staatlich oder privat organisiert – im Glücksspielwesen betätigen.

Inwieweit findet sich das ethische Grundverständnis von Unternehmertum denn in der Realität des Glücksspielwesens?

Das Bild ist sehr divers. Natürlich gibt es eine Reihe von Anbietern, die diesem Grundverständnis nicht folgen. Es muss aber das zentrale Element sein. Gerade in Deutschland, wo wir darum ringen, überhaupt eine funktionierende Glücksspielregulierung durch die Parlamente zu bringen. Dieses Grundverständnis enthält die Qualitätskriterien, an denen sich die Regulierung orientieren muss.

Regulierung ist jedoch auch als Gegenspieler der Freiheit bekannt, die – so sagte Sie – ja im Menschenbild der Kirche verankert ist.

Die Sicht auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit Risiko ist sehr unterschiedlich. Es gibt wesentliche Kräfte, die den Menschen die Fähigkeit absprechen, Risikoentscheidungen selbst zu treffen, und – aus meiner Sicht überheblich – meinen, dass sie es besser wissen als die Mehrheit der Bevölkerung. Aus meiner Sicht grundsätzlich falsch. Denn was Luther in die gesellschaftliche Diskussion eingeführt hat, ist, dem Einzelnen Vertrauen entgegenzubringen. Dieses geht in einem Regulierungsansatz wie dem beschriebenen grundsätzlich verloren. Eine Verbotskultur ist nicht der richtige Weg.

Bleibt die Verlockung des großen Gewinns, der sich der Einzelne stellen muss.

Ich fange einmal mit der weltlichen Sicht an: Für die meisten Teilnehmer ist der finanzielle Gewinn Null bis Minus – der Einsatz. Dies ist Teil eins in Sachen Transparenz, den man von einem Glücksspielanbieter erwarten muss: Dass er die niedrige Gewinnchance offen gegenüber seinen Kunden kommuniziert. Glücksspiel ist ein Unterhaltungsangebot – die Wahrscheinlichkeit, dass es unterhält, ist relativ groß, wenn es nicht für Dinge genutzt wird, für die es nicht gedacht ist; wie etwa die Lösung persönlicher Probleme. Wird es zu Unterhaltungszwecken genutzt, fällt das aus Kirchenperspektive in die freie Gestaltung des eigenen Lebens. Natürlich kann Glücksspiel auch eine Bereicherung sein: Wenn ich meinen Lottoschein am Montag ausfülle und mich bis Samstag mit der Frage beschäftige, wie mein Leben wohl aussehen würde, wenn ich 20 Millionen Euro mehr auf dem Konto hätte, ist das eine interessante Beschäftigung mit einer möglichen Zukunft. Keine Religion der Welt verbietet es, über eine Veränderung des eigenen Lebens nachzudenken. Obwohl man weiß, dass aus dem Gewinn vermutlich nichts wird, kann es für den einzelnen eine Bereicherung sein, ein Weg, sich eine Woche schöner zu machen. Diesen Effekt gibt es in jeder Glücksspielform, nur die Zeiträume unterscheiden sich. Sind sie sehr kurz, steigt das Risiko, dass der Spieler den Kick immer wieder sucht. Anstelle von Verboten braucht er dann Transparenz darüber, welche Instrumente bereitstehen, ihm zu helfen.

Stichwort „Glücksspielsucht“. Wie steht die Kirche zu solchen Entwicklungen?

Die Kirche kümmert sich traditionell um die Problemfälle, die bei der Nutzung von Glücksspiel zweifelsohne entstehen. Pathologisches Spielverhalten hat tiefgreifende Konsequenzen, für Einzelne und ganze Familien. Dafür braucht es ein passendes Hilfssystem. Dem Thema – Prävention, Therapie und Beratung – widmen sich beide christlichen Kirchen.

Warum steht die Kirche dem Glücksspiel und ihren Begleiterscheinungen so erstaunlich offen gegenüber?

Im Düsseldorfer Kreis – einem Zusammenschluss aus Persönlichkeiten, die schon lange im Glücksspielsegment aktiv sind – haben wir in den vergangenen Jahren eine intensive gesellschaftspolitische Diskussion mit der evangelischen Kirche in Berlin geführt. Zusammen hatten wir schließlich sogar einen eigenen Stand beim diesjährigen Kirchentag in Berlin. Viele Fragen wurden uns gestellt, auch von den Kirchen. In dieser Diskussion fällt auf: Der Zusammenhang zwischen Kirche und Glücksspiel ist leicht erklärt. Auch die Kirche selbst partizipiert am Glücksspiel. Sie ist Destinatärin der großen Lotterien: Der Turm der Parochialkirche in Berlin-Mitte zum Beispiel wird aus Geldern der Lotto-Stiftung bezahlt. Zudem wären große Teile der Wohlfahrtpflege, zum Beispiel die Suchtkrankenhilfe in Berlin, ohne die Lotterien nicht möglich. Übrigens ist die Kirche mit anderen sozialen Einrichtungen der Wohlfahrtspflege sogar selbst Veranstalter von Soziallotterien; zum Beispiel der „Aktion Mensch“.

Erleben sie die Konfessionen dabei gleich stark?

Im nächsten Jahr führen wir unseren Diskurs mit der katholischen Kirche fort, die dann auch den Kirchentag in Münster ausrichtet. Auch dort werden wir dann mit dem Düsseldorfer Kreis vertreten sein.

 

 

Symbolbild: MoreLight/Pixabay

Knut Walter ist Mitgründer und Sprecher des Düsseldorfer Kreises, in dem Verantwortliche aus den Bereichen Glücksspiel, Suchthilfe, Wissenschaft und Beratung gemeinsam an einem bundesweiten Verbraucherschutzkonzept arbeiten. Ihr gemeinsames Ziel ist die Entwicklung einer an hohen Qualitäts- und Verbraucherschutzstandards ausgerichteten Glücksspielregulierung in Deutschland. Walter ist Wissenschaftsberater und Gründer und eines Strategieberatungsunternehmens, das nationale und internationale Firmen hinsichtlich strategischer Konzepte sowie der Kommunikation ihrer Forschung berät.