Vertrauen teilen:
12. Juni 2018 / Einblick

Relativ glaubwürdig? Absolut falsch?

Illustrationen zum Thema Vertrauen und "alles ist relativ".

Wohl kaum einer Autorität wird so viel Glauben geschenkt wie der Macht der Zahlen. Kein Wunder – bietet sie uns doch die angenehme Illusion, so ein kompliziertes und unberechenbares Konstrukt wie das Leben erklärbar zu machen. Doch der schöne Schein kann täuschen.

Statistiken haben die Gabe, zufällig immer den Interessen derjenigen entgegenzukommen, die sie in Auftrag gegeben haben. Dabei wird selten zu platten Lügen gegriffen, sondern eher die Grauzone zweideutiger Formulierungen und nahegelegter Trugschlüsse in idealer Weise ausgenutzt. Untersucht man die Methodik dahinter genauer, erkennt man wiederkehrende Muster. Hier die sechs gängigsten:

1. Einfach mal etwas in den Raum werfen

Als Emma-Chefredakteurin Alice Schwarzer anprangerte, in Deutschland gebe es schätzungsweise 400.000 bis eine Million Prostituierte, fand das so ziemlich jeder ungeheuerlich. Aber nicht, weil die Quelle dieser „Schätzung“ im Verborgenen blieb. Einmal in die Welt gesetzt, ist so eine Zahl fast nicht mehr totzukriegen.

2. Absolute Zahlen vermeiden, wo es nur geht

Wer hätte das gedacht: 15,7 Prozent der Deutschen sind arm. Warum? Weil sie pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben – so der Armutsbericht mehrerer Sozialverbände für 2017. Und wenn plötzlich alle Deutschen doppelt so viel verdienten? Nach dieser Logik wären 15,7 Prozent dann immer noch arm. Alles ist relativ.

3. Aus Korrelation mach Kausalzusammenhang

Und noch eine beeindruckende Zahl: Die Hälfte aller Todesfälle ereignet sich in Krankenhäusern. Da liegt es doch nahe, zu denken, dass man diese mörderischen Orte am besten um jeden Preis meidet. Ob all diese Menschen, und vielleicht noch einige mehr, auch außerhalb des Krankenhauses gestorben wären – wen interessiert’s?

4. Langweilige Aussagen spannend uminterpretieren

„Unsere Städte werden so entwickelt, dass der Einzelne kaum noch auf ein Auto angewiesen ist. Bitte kreuzen Sie an, ob die Idee für Sie persönlich sehr viel, etwas, eher wenig oder überhaupt nichts zu einem guten Leben beitragen kann.“ 56 Prozent sagen: sehr viel, 35 Prozent: etwas. Gähn. Besser klingt doch: „Eine große Mehrheit der Deutschen will nicht mehr so stark auf das Auto angewiesen sein.“

5. Hochrechnen ohne Rücksicht auf Verluste

Zahlreiche Menschen in Deutschland leiden an psychischen Erkrankungen. Aber gleich 56 Prozent der Bevölkerung – kann das sein? Kaum, denn wer so rechnet, hat einfach alle Prozentsätze von Depressionen, Psychosen, Zwangsstörungen etc. addiert. Ohne zu berücksichtigen, dass es viele Patienten gibt, die an mehreren dieser Erkrankungen gleichzeitig leiden.

6. Die Referenzklasse außer Acht lassen

Donnerwetter: 73,4 Prozent der Anhänger des SC Freiburg haben einen Hochschulabschluss. Zumindest haben dies einige Regionalmedien so berichtet. Bundesweit sind
es aber weniger als 20 Prozent. Flieht die Intelligenz neuerdings in die Fußballstadien? Nein, es war einfach nur eine Umfrage unter Mitgliedern des sozialen Netzwerks Xing und die Referenzklasse damit eine völlig andere.