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16. September 2022 / Einblick

Nachhaltig einkaufen

Wie wir leben, essen, reisen und arbeiten – alles soll nachhaltig sein. Das bedeutet nicht nur, das Klima und die Umwelt zu schützen. Nachhaltigkeit meint viel mehr: Es geht auch um soziale Gerechtigkeit, fairen Handel und faire Produkte. Einen Beitrag können wir beim Einkaufen leisten – einige Tipps.

Immer mehr Menschen in Deutschland greifen zu Bio-Produkten – vor allem im Supermarkt. 2021 ist der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln auf 15,87 Milliarden Euro gestiegen. Innerhalb von zehn Jahren hat er sich mehr als verdoppelt. Verbraucherinnen und Verbraucher vertrauen darauf, dass sie etwas Gutes für das Klima, die Umwelt und für ihre Gesundheit tun, wenn sie Obst und Gemüse aus biologischem Anbau sowie Eier und Fleisch aus artgerechter Tierhaltung kaufen. Doch ist „Bio“ auch nachhaltig? Und was bedeutet Nachhaltigkeit überhaupt?

Die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben 2015 die Agenda 2030 verabschiedet. Damit hat sich die Weltgemeinschaft 17 Ziele (Sustainable Development Goals) für eine soziale, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Entwicklung gesetzt. Die Agenda richtet sich an Staaten, Wirtschaft, Zivilgesellschaft sowie an jede und jeden Einzelnen. Denn wir brauchen ein Umdenken. Das heißt: verantwortungsvoll mit den natürlichen Ressourcen umgehen, Umwelt und Klima schützen, Armut und Hunger auf der Welt bekämpfen, Wohlstand für alle fördern, fairen Handel und faire Arbeitsbedingungen schaffen.

Ist das wirklich „Bio“?

Was bedeutet das für unseren Konsum? „Bio“ und „Öko“ sind in der Europäischen Union (EU) gesetzlich geschützt. Die EU-Öko-Verordnung regelt, wie Bio-Lebensmittel angebaut, kontrolliert, importiert und gekennzeichnet werden müssen. Wer in den Staaten der EU mit „Bio“ auf seinen Produkten wirbt, muss die strengen Vorgaben einhalten. Nachhaltig ist das Bio-Gemüse oder Bio-Obst damit aber noch nicht. Ein Beispiel: Die Bio-Tomate wird nicht chemisch gedüngt und es wird bei ihrem Anbau auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichtet. Das ist nachhaltig. Ist die Bio-Tomate allerdings um die halbe Welt gereist, bevor sie bei uns im Supermarkt landet, wurde viel CO2 beim Transport freigesetzt – das widerspricht dem Verständnis von Nachhaltigkeit. Bio-Lebensmittel aus regionalem und saisonalem Anbau wären in dieser Hinsicht die bessere Wahl. Neben „Bio“ und „Öko“ gibt es noch viele weitere Kennzeichnungen: fair, biologisch, kontrolliert ökologisch, artgerecht oder aus kontrolliertem Anbau. Welchen Siegeln und Labeln können wir vertrauen, wenn wir auf ökologische und nachhaltige Produkte setzen?

Wegweiser im Label-Dickicht

Die Umweltwissenschaftlerin Helen Czioska kann bei dieser Frage für mehr Klarheit sorgen. Sie kümmert sich beim Umweltbundesamt unter anderem um das Portal „Umwelttipps für den Alltag“. Dort informiert sie Verbraucherinnen und Verbraucher über den Nachhaltigkeitswert bei Gebrauchsgegenständen und unterstützt sie, ihre Entscheidungen umweltfreundlicher zu gestalten. „Wenn man zum Beispiel einen Apfel in der Hand hält, sieht man nicht, woher er kommt und ob er vielleicht gespritzt ist. Deshalb müssen Umweltinfos sichtbar gemacht werden.“ Eine wichtige Orientierung beim Kauf bieten aus Czioskas Sicht die Siegel auf den Produkten und Verpackungen. Doch mittlerweile gibt es unzählige und längst nicht alle Siegel sind ein Garant für die Nachhaltigkeit des Produkts. Denn jedes Unternehmen kann sein eigenes kreieren und viele nutzen diese Gelegenheit auch. Wer sich im Label-Dickicht mithilfe einer kleinen, merkbaren grünen Auswahl orientieren will, dem empfiehlt das Umweltbundesamt die folgende kurze Liste mit verlässlichen Siegeln:

  • das EU-Energielabel für Elektrogeräte,
  • das Bio-Siegel für Lebensmittel,
  • das EU-Ecolabel für verschiedene Alltagsprodukte,
  • das Umweltzeichen „Blauer Engel“ für verschiedene Alltagsprodukte und
  • das Zertifikat Grüner Knopf für Bekleidung.

„Sie sind weit verbreitet und sie werden von staatlichen Institutionen vergeben. Mit ihnen lässt sich der Alltagsbedarf gut abdecken“, erklärt Helen Czioska. „Diesen Siegeln können die Verbraucherinnen und Verbraucher vertrauen. Das heißt nicht, dass es nirgendwo ein schwarzes Schaf gibt unter denjenigen, die sie verwenden.“ Problematisch ist aus ihrer Sicht eher, dass vor allem für kleine Unternehmen der Prozess äußerst umfangreich und aufwendig ist, bis sie eines der fünf staatlichen Siegel verwenden dürfen. Manche könnten den Aufwand nicht stemmen und verzichten dann eher, weil ihnen die Ressourcen fehlen. Andere wiederum kreieren eigene Siegel und vergrößern dadurch die Vielzahl der Motive mit Nachhaltigkeitsversprechen weiter.

Aufgeschlüsselt sind die zahlreichen Label-Variationen auf siegelklarheit.de. Die Internetseite wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) betrieben und zeigt, welche Siegel verlässlich sind und wo falsche Versprechen lauern. Bewertet werden dabei die Faktoren Glaubwürdigkeit, Umweltverträglichkeit und Sozialverträglichkeit. Die Übersicht hilft dabei, einen genaueren Blick zu bekommen und unbekannte Bezeichnungen zu hinterfragen. Zumal so mancher Anstrich nur oberflächlich „grün“ ist.

Was ist grün, was grüner Anstrich?

Helen Czioska vom Umweltbundesamt kennt weitere Kniffe bei den Produkten, die über die Siegelplatzierung hinausgehen. Verbraucherinnen und Verbraucher sind beispielsweise nicht zwangsläufig auf der nachhaltigen Seite, wenn sie auf Bezeichnungen wie „aus kontrolliertem Anbau“ oder „natürlich“ vertrauen. Denn das seien ungeschützte Begriffe, so Czioska. „Das bedeutet also nicht, dass das Produkt unbedingt umweltfreundlich ist.“ Beliebt sei auch, Verpackungen im Design farblich grüner zu gestalten. „Oder man bildet Kühe auf einer Wiese ab, obwohl die Kühe des herstellenden Betriebs nie Gras gesehen haben“, ergänzt Helen Czioska. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat eine Liste mit Lebensmitteln zusammengestellt, bei denen Verbraucherinnen und Verbraucher vor dem Einkauf genau hinschauen sollten – von Eiern bis zu Wasabi-Paste.

Die Konsumierenden sind oftmals selbst gefordert und müssen sich gezielt informieren, wenn sie die richtige Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit treffen wollen. Das Problem ist dabei nicht, Informationen zu finden, sondern aus der Fülle die wirklich entscheidenden herauszufiltern. Mehr Transparenz, Einheitlichkeit und Vertrauen könnten perspektivisch die von der Europäischen Union (EU) geplanten digitalen Produktpässe bieten, die zum Beispiel Angaben zur Umweltverträglichkeit digital auf dem Produkt hinterlegen – idealerweise vom Anfang bis zum Ende der Wertschöpfungskette. Die Informationen könnten dann mithilfe des Smartphones über den Strichcode abrufbar sein. Schon jetzt ist das mit der App „CodeCheck“ der gleichnamigen Schweizer Initiative möglich. Doch mit einer EU-weiten Regelung wären konkrete Angaben verpflichtend. Sie müssen dann nur noch leicht verständlich sowie vergleichbar sein.

Den ökologischen Fußabdruck verkleinern

Doch bis zur Einführung des digitalen Produktpasses für mehr Umweltbewusstsein ist es noch ein langer Weg. Längst sind viele Verbraucherinnen und Verbraucher selbst aktiv geworden und tun auch abseits des Supermarkts etwas für die Umwelt. Dabei müsse es gar nicht um Verzicht gehen, meint Helen Czioska. Sie verwendet lieber das Wort „suffizient“, also ausreichend: Muss es wirklich ein neues Smartphone sein? Lässt sich das alte reparieren oder länger nutzen? Kann ich Gegenstände leihen oder gebraucht anschaffen, statt sie neu zu kaufen? Solche Überlegungen führten dazu, dass die nachhaltige Lebensweise oftmals auch die günstigere sei.

Wer sein Verhalten umstellen möchte, dem rät die Expertin, dort anzufangen, wo es am meisten bringt: bei den sogenannten „Big Points“. So könne man seinen ökologischen Fußabdruck sogar halbieren. Der Weg dorthin führt zum Beispiel über den Sparduschkopf und den Ökostromanbieter, wie die Darstellung zeigt.

Das Diagramm listet auch eine pflanzenbetone Ernährung auf. Doch oft muss man bei Lebensmitteln etwas mehr bezahlen, wenn man seinen ökologischen Fußabdruck reduzieren möchte. Das räumt auch Helen Czioska ein: „In Deutschland wird wenig Geld für Lebensmittel ausgegeben. Hier ist das Verhältnis etwas abhandengekommen, was Lebensmittel wirklich kosten. Das ist ein Problem.“ Umwelteinflüsse seien oft nicht eingepreist. Dennoch lässt sich auch beim Lebensmitteleinkauf mehr für die Umwelt tun – ohne dass der Geldbeutel allzu stark belastet wird. Czioska rät: „Unser Einsteiger-Tipp ist, fünf Produkte auf Bio umzustellen, die es überall zu kaufen gibt. Milch zum Beispiel.“ Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, dass sein Handeln auch der Umwelt zugutekommt, dem empfiehlt sie außerdem einen Besuch auf dem Bio-Bauernhof.

Klar ist: Nachhaltiger Konsum beginnt im Kopf. Das bedeutet, die eigene Lebensweise und das eigene Verhalten zu hinterfragen. Aber auch genauer hinzuschauen, nicht nur darauf zu achten, dass die Produkte umwelt- und klimaschonend produziert werden, sondern dass die Menschen, die sie herstellen, fair bezahlt werden und unter fairen Bedingungen arbeiten. Und bei jedem Kauf zu fragen: Ist weniger vielleicht mehr?

 

 

Bildquellen: Europäische Kommission; Blauer Engel; Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ); Umweltbundesamt CO2-Rechner (Stand 2022), ©Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum; Tara Clark on Unsplash

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