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29. März 2021 / Einblick

„Menschen konsumieren aus unterschiedlichen Motiven“

Was bewegt Menschen zum Glücksspiel? Das erklärt Linus Weidner vom ‎Institut für Glücksspiel und Gesellschaft (GLÜG) an der Bergischen Universität Wuppertal. Insbesondere beim Online-Spiel zeigt sich: Für die Konsumenten müssen die Regeln klar sein.

Herr Weidner, was unterscheidet den Konsum von Glücksspiel vom Konsum anderer Produkte?

Um die Frage zu beantworten, muss ich zunächst kurz auf die grundsätzlichen Charakteristiken des Konsums eingehen. Menschen konsumieren aus ganz unterschiedlichen Motiven. Der Konsum kann sowohl zur Befriedigung von Grundbedürfnissen dienen, aber auch als gesellschaftliches Distinktionsmerkmal fungieren – Beispiel: eine Luxusvilla oder eine Yacht. Außerdem kann Konsum die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht signalisieren, wie Markenprodukte das etwa tun, oder lediglich einen kurzweiligen Zeitvertreib darstellen. Die meisten Produkte und Dienstleistungen können gleichzeitig mehrere solcher Funktionen erfüllen: Auch ein günstiges Auto erfüllt die Funktion der Personenbeförderung, aber nur ein teures Auto verleiht dem Fahrer gleichzeitig sozialen Status. Diese multiple Bedürfnisbefriedigung kann auch vom Glücksspiel ausgehen, wobei sich der konkrete Nutzen aus der Interaktion zwischen dem individuellen Spieler und der jeweiligen Spielform ergibt. Betrachtet man das Glücksspiel aus dieser Perspektive als Konsumgut, nimmt es also keine Sonderstellung ein.

Welche Motive sind es, die die Spielenden antreiben?

Die Motivation für den Konsum ist der Punkt, an dem sich Glückspiel von den meisten anderen Gütern und Dienstleistungen unterscheidet: Treiber können etwa die Bewältigung von Langeweile sein, die Suche nach Aufregung und Erlebnissen, der Abbau von Spannungsgefühlen aufgrund gesellschaftlicher Benachteiligung, Geldgewinn, soziale Distinktion oder die Pflege von sozialen Beziehungen. Meist ist es wie gesagt eine Mischung aus mehreren Faktoren. Man kann also festhalten, dass das Glücksspiel anderen Formen des Konsums zwar im Kern ähnelt, aber potenziell zur Befriedigung einer besonders breiten Palette an Bedürfnissen dient. Denkt man aber an andere Formen des Spiels, so wird schnell klar, dass auch dies kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal des Glücksspiels ist.

Wie sieht es in der digitalen Welt aus? Gibt es Unterschiede zwischen dem Konsum des Glücksspiels im Internet und dem terrestrischer Angebote?

Auch wenn die Studienlage darauf hindeutet, dass das Spiel im Internet eine signifikante Gefährdung für viele Spieler darstellt, unterscheiden sich die Motive für Online-Glücksspiel und terrestrisches Spiel nur bei einem Teil der Spielerschaft. Dazu kommt, dass sich die demographischen Merkmale terrestrischer Spieler von denen der Online-Spieler unterscheidet, was einen direkten Vergleich zwischen beiden Gruppen erschwert. Selbstverständlich spielt bei dem Konsum von Glücksspielprodukten im Internet auch die ständige und schnelle Verfügbarkeit eine wichtige Rolle. Das Spiel lässt sich zum Beispiel durch Apps auf dem Smartphone jederzeit in den Alltag integrieren: Ich würde also schon sagen, dass sich der Konsum von Glücksspielen im Internet sowohl quantitativ als auch qualitativ vom Konsum terrestrischer Angebote unterscheidet. Ich möchte aber auch klar hervorheben, dass damit keine moralische Wertung einhergeht. Aus meiner Sicht haben beide Spielformen ihre Daseinsberechtigung, solange eine entsprechende Nachfrage besteht und die Regulierung spezifische Unterschiede berücksichtigt.

Warum ist die Regulierung so wichtig?

Wenn wir keinen guten Weg finden, die Spieler über legale Angebote zu informieren, sind viele Verbraucher bald womöglich in einer relativ unsicheren Situation, ob ihr Spielverhalten rechtlich in Ordnung ist. Ich denke, dass diese Unsicherheit durchaus dazu führen könnte, dass der subjektive Nutzen des Spiels für den Verbraucher sinkt. Gerade von problematischen und pathologischen Spielern wissen wir bereits, dass sie häufig dazu neigen, die Ursache für ihr Problem zu internalisieren. Dies könnte in dem beschriebenen Szenario auch auf unsichere Gelegenheitsspieler zutreffen, die das Gefühl der Unsicherheit – auch wenn sie legal spielen – nicht auf die diffuse Informationslage, sondern auf eine eigene Unzulänglichkeit zurückführen. Solch einen Zustand gilt es selbstverständlich zu vermeiden.

 

 

Photo by Erik Mclean on Unsplash

Zur Person

Doktorand Linus Weidner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ‎Institut für Glücksspiel und Gesellschaft (GLÜG) an der Bergischen Universität Wuppertal. In seiner Dissertation erforscht er die Auswirkung von Glücksspiel auf die Gesellschaft.

Lesen Sie hier auch den ersten Teil unseres Interviews mit Linus Weidner.