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24. Januar 2022 / Einblick

Lust aufs Ehrenamt schon ganz früh bei Kindern wecken

Etwa 30 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich: vor allem in Vereinen, aber auch in Initiativen und Stiftungen. Zentrale Anlaufstelle ist die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Wir sprechen mit Vorstand Jan Holze.

Herr Holze, im Juni 2020 wurde die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt gegründet, die Sie zusammen mit Katarina Peranić leiten. Warum ist die Gründung der Stiftung so bedeutsam gewesen?

Zum ersten Mal gibt es auf Bundesebene eine durch die Bundesregierung geschaffene Stiftung, die sämtliche Fragen des Ehrenamtes erklären soll und erklären kann. Sie berät und begleitet Engagierte und bietet Fortbildungen an. Daneben hat die Stiftung zahlreiche Förderprogramme, um Vereine unter anderem in der Digitalisierung fit zu machen. Unser Mikroförderprogramm unterstützt unkompliziert, gerade bei kleineren Vorhaben in ländlichen Räumen. Und mit unserem Programm ZukunftsMUT werden Freizeit-, Bildungs- oder Sportangebote gefördert: zum Beispiel in Kindertreffs, Vereinen oder bei Jugendfeuerwehren. Letztlich wollen wir bei sämtlichen Herausforderungen, die sich den Engagierten stellen, unterstützend zur Seite stehen.

Welche Entwicklungen beobachten Sie beim Engagement unter jungen Leuten – bei Menschen, die unter 30 Jahre alt sind?

Ich sehe eine hohe Motivation bei jungen Leuten, sich einzubringen und die Gesellschaft mitzugestalten. Das Mantra von der faulen Jugend gilt nicht. Sie haben Lust, sich zu engagieren. Aber sie nutzen dafür viel stärker digitale Medien. Deshalb müssen die bestehenden Strukturen dahingehend geprüft werden, ob sie noch zur Lebenswelt junger Menschen passen. Die Jüngeren sind viel flexibler, mobiler und viel digitaler aufgestellt. Und sie haben die Erwartung, dass sich ihr Umfeld entsprechend mitgestaltet. Ein Wandel ist schon zu beobachten. Zu Beginn der Pandemie wussten viele Vorstände in den Vereinen nicht, wie sie das Vereinsleben am Laufen halten können. Junge Leute aus dem Verein oder dem Umfeld haben sie unterstützt, über digitale Video-Konferenzen miteinander in Kontakt zu bleiben oder Sport- und Sprachkurse online anzubieten. Die Älteren haben von den Jüngeren gelernt und sich an ihnen orientiert.

In welchen Bereichen engagieren sich jüngere Menschen?

Früher war ein Motiv für ein Engagement häufig, gesellig zusammen zu kommen, um ein Zusammensein zu ermöglichen, gemeinsam Sport zu treiben oder im Chor zu singen. Heute engagieren sich Jüngere viel zielorientierter. Sie wollen die Gesellschaft mitgestalten, sie zum Beispiel klimafreundlicher machen. Ihr Engagement findet auch im Kleinen statt: in Fördervereinen von Kitas und Schulen – übrigens einer der größten Wachstumssektoren im Bereich Engagement. Eltern wollen die Lebensumfelder ihrer Kinder mitgestalten, damit sie in einem guten Umfeld und wohlbehütet aufwachsen. Das zielorientierte Mitgestalten steht bei jungen Leuten heute wesentlich mehr im Vordergrund als ein geselliges Zusammenkommen.

Wie wichtig ist es, dass junge Leute früh an zivilgesellschaftliches Engagement herangeführt werden?

Das ist ganz wichtig. Es gilt auch hier: ein frühes Kennenlernen und Erfahrungen im Umgang mit Engagements bietet eine große Gewähr für ein lebenslanges Engagement für die Gesellschaft. Kinder und Jugendliche müssen deshalb früh damit in Kontakt kommen: schon in Kita und Schule. Und bei ihnen muss die Lust aufs Ehrenamt geweckt werden. Sie müssen damit aufwachsen, dass Gesellschaft und Staat wir alle sind und wir alle einen Beitrag dafür leisten müssen, in einem wohlbehüteten Umfeld aufzuwachsen. Schon in der Kita sollten sie die Erfahrung machen, mitgestalten und etwas bewirken zu können. Dazu müssen Formate entwickelt werden, damit Kinder lernen, ihre Wünsche zu äußern. In der Kita können Kinderparlamente eingerichtet werden. In ihrer Gruppe stimmen die Kinder zum Beispiel darüber ab, wie ihr Spielbereich oder ein Ausflug gestaltet werden soll. Die Mehrheit entscheidet dann. Dazu braucht es aber die Bereitschaft der Kitaleitung und der Erzieherinnen und Erzieher, sich darauf einzulassen und nicht mehr alles vorzugeben.

Welche persönlichen Vorteile bringt ein ehrenamtliches Engagement mit sich und wie steigert es das Vertrauen in sich selbst?

Das kommt auf die Form des Engagements an. Studien zeigen, dass einer der größten Motivatoren für Engagement der Spaß an der Sache ist. Damit geht eine gewisse Selbstverwirklichung einher. Als Trainer in einem Verein kann ich wahr- und ernstgenommen werden und erfahre so Anerkennung für mein Tun. Junge Leute können im Ehrenamt Selbstwirksamkeitserfahrungen sammeln, Fähigkeiten erlernen und Kontakte knüpfen, die für ihr späteres Berufsleben wichtig sein können.

Wie lässt sich Engagement fördern, vor allem unter jungen Menschen?

Als Stiftung können wir Konzepte und Ansätze bieten, wie der Vereinsalltag umgestaltet werden kann, damit Vereine attraktiver für junge Menschen werden. Der Freiwilligensurvey der Bundesregierung zeigt, dass die Bereitschaft, sich zu engagieren, hoch ist und steigt. Auch die Zahl der Engagierten selbst steigt. Aber es gibt ein Missverhältnis zwischen denen, die dazu bereit sind und denen, die es tatsächlich machen. Die Bereitschaft müssen wir stärker nutzen und den Zugang zum Ehrenamt ermöglichen. Besondere Zielgruppen müssen viel besser angesprochen werden, etwa Frauen. Sie sind im Sport oder im Katastrophenschutz unterrepräsentiert. Gleichzeitig klagen diese Bereiche über fehlenden Nachwuchs. Auch Menschen mit Behinderung oder mit Migrationsgeschichte müssen wir mit speziellen Programmen gezielt ansprechen, um sie ins Ehrenamt einzubinden. Und wir müssen Bürokratie abbauen. 42 Tage im Jahr sind mittelgroße Vereine nur damit beschäftigt. Zu diesem Ergebnis kam der Normenkontrollrat in Baden-Württemberg. Das schreckt vor allem junge Leute ab.

Wenn Sie mit einem Fingerschnipsen die Engagementlandschaft in Deutschland verändern könnten, was würden Sie sofort umsetzen?

Ich würde dafür sorgen, dass es auf jeder Verwaltungsebene in den Kommunen, Landkreisen und Ländern einen Ansprechpartner gibt, der sich verantwortlich fühlt für „seine“ Ehrenamtlichen und sich darum kümmert, dass sie gut betreut werden. Wenn ich als Ehrenamtlicher im Dorf ein Problem habe, an wen wende ich mich? Ich weiß es in der Regel nicht. Es braucht überall verantwortliche Leute, die sagen, ich bin der Ansprechpartner fürs Ehrenamt. Ich helfe euch, um Fördermittel zu beantragen oder wenn es Probleme gibt, einen Kuchenbasar zu organisieren. Auch aus Sicht der Stiftung wäre es wichtig, zu wissen, wer ist in Wanne-Eickel oder Leverkusen dafür zuständig.

WestLotto stellt das Thema Ehrenamt in den Vordergrund und bietet einen Check für das Ehrenamt an. Wie wichtig ist das?

Alles, was zur Transparenz beiträgt und den Engagierten zur Seite steht, ist herzlich willkommen. Und davon braucht es viel mehr. Deshalb begrüße ich die Initiative von WestLotto. Über eine noch stärkere Zusammenarbeit der Stiftung und WestLotto würde ich mich freuen. Dass wir gemeinsam überlegen, was wir im Land für Engagierte noch verbessern können. WestLotto leistet in dem Bereich sehr viel und unterstützt breite Kreise der Zivilgesellschaft. Wenn wir zusammen noch mehr schaffen könnten, wäre es noch besser.

 

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Zur Person:

Jan Holze ist Gründungsvorstand der im Juli 2020 gegründeten Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Zuvor leitete er fünf Jahre lang die Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern und baute sie auf. Jan Holze hat Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften an den Universitäten Rostock, Moskau, Nantes, Frankfurt am Main und Münster in Westfalen studiert und abgeschlossen. Er engagiert sich ehrenamtlich, vor allem im Kinder- und Jugendsport.

 

 

Der Ehrenamts-Check

Es gibt viele Menschen, die sich gerne engagieren würden, aber nicht genau wissen: Was passt denn eigentlich zu mir? Wofür eigne ich mich? Wo kann ich mich engagieren? Der Ehrenamts-Check von WestLotto bietet Orientierung über die eigenen Stärken und Möglichkeiten.

 

Foto: DSEE / Benjamin Jenak