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13. November 2017 / Essay

Vertrauen Sie mir – ich bin eine Maschine

Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Sie soll unser Leben sicherer und komfortabler machen. Aber wo bleibt der Mensch in der Welt von morgen?

Der Blick geht voraus, verträumt und nur für einen kurzen Moment. Dann streift er Häuser, Geschäfte, Menschen auf dem Bürgersteig, denen er kurz folgt, bevor die Augen ins Wageninnere und auf einen Computerbildschirm wandern. Obwohl das Fahrzeug sich mit hoher Geschwindigkeit dem vorausfahrenden nähert, konzentriert sich der einzige Insasse ganz auf seine Arbeit am Bildschirm. Wie von Geisterhand reduziert das Auto selbst die Geschwindigkeit, aktualisiert die Route, wechselt die Spur, hält an der roten Ampel und biegt ab, um den „Fahrer“ auf dem schnellsten Weg durch die Innenstadt ans Ziel zu bringen.

Sicher: Wir sind vom tatsächlich eigenständig agierenden Fahrzeug, in dem die Insassen gemütlich abschalten, im Netz surfen oder gar ein Nickerchen machen dürfen, noch meilenweit entfernt. Das zeigte sich in diesem Sommer: Eine Computerwissenschaftlerin nahm sich das System eines aktuellen Modells der Marke Tesla vor. Sie kam zu dem Ergebnis, dass dieses nur etwa ein Drittel der anderen Autos als solche erkannte, Radfahrer gar nur zu einem Prozent.

Willkommen, Zukunft!

Dennoch entlasten schon heute immer ausgefeiltere Assistenzsysteme Autofahrer, halten auf der Autobahn Spur und Tempo. Für unsere zunehmende Bequemlichkeit im Automobil bezahlen wir den Preis des Kontrollverlusts. Ein Szenario, das mehr als Unbehagen hervorruft – sind wir doch gezwungen, die Macht über ein Fahrzeug und uns selbst mehr und mehr an eine Maschine abzugeben, deren Komplexität unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Künstliche Intelligenz: das Neue und die Angst

Die bevorstehende Revolution der Mobilität ist mitnichten die erste automobile Neuerung, die bei Otto Normalverbraucher Angst hervorruft. Schon als Carl Benz im Jahre 1886 mit seinem motorbetriebenen Dreirad durch die Straßen donnerte, flüchteten Passanten vor dem lärmenden Ungetüm. Kaiser Wilhelm höchstselbst sah sich genötigt, das Volk mit der berühmten Fehleinschätzung „Ich glaube an das Pferd, das Auto ist nur eine vorübergehende Erscheinung“ zu beruhigen. Doch die Menschen fassten Vertrauen in die neue Technik, denn zu groß war der Reiz der ungekannten Mobilität. Schon bald wurden landauf, landab neue Straßen geplant und gebaut, Deutschland wurde mit den Jahrzehnten zur Autofahrernation. Eine revolutionäre Erfindung hatte ihren Weg in den Alltag gefunden.

Nicht nur auf der Straße vollzieht sich gerade jetzt, vor unseren Augen, eine technologische Revolution. Computer und Software starteten vor gut 30 Jahren ihren Siegeszug in unseren Alltag. Gab es sie anfangs nur in Büros und Arbeitszimmern, so haben sie mittlerweile den Weg ins Wohnzimmer gefunden, sei es als stets griff-­ und einsatzbereites Smartphone, sei es als vernetztes Smart­-TV und Entertainmentcenter. Bis hierhin gilt: Egal wie entwickelt, wie vernetzt Hard­ und Software sind – der Chef bleibt der Mensch. Doch dieser Grundsatz bröckelt. Big-­Data­-Technologien und künstliche Intelligenz entwickeln sich rasant. Immer mehr Entscheidungen werden an Computer delegiert.

Gott und die Bundesbank

Wo Entscheidungen getroffen werden, stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Manch ein Deutscher sehnt sich nach vermeintlich besseren Zeiten zurück, als in Europa noch die Deutsche Mark das Maß aller Dinge war. Auf US­Banknoten ist der Satz „In God we trust“ zu lesen, der Bundesdeutsche blieb da irdischer und vertraute der Bundesbank als legendärer Hüterin über die Währung, der nicht einmal die Bundeskanzler reinregieren konnten. Welch ein Gegensatz zur neuen Wunderwährung „Bitcoin“, von der es weder Scheine noch Münzen gibt: Diese digitale Währung kommt anders als herkömmliche Zahlungsmittel ohne zentrale Verwaltung aus. Überweisungen werden mithilfe der sogenannten „Blockchain“ ausgeführt und darin gespeichert – einer dezentralen Datenbank, die auf einer Vielzahl von unabhängigen Privatrechnern im weltweiten Datennetz gespeichert ist. In whom do we trust here?

Kaum eine Branche ist so auf Vertrauen angewiesen wie die Versicherungswirtschaft. Doch gerade hier bringt die Entwicklung der künstlichen Intelligenz gravierende Umbrüche. Nach einer wissenschaftlichen Studie der Oxford­-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne sind fast alle Jobs in dieser Branche – die Wirtschaftswissenschaftler schreiben von 92 bis 98 Prozent – „computerisierbar“, also mittelfristig durch automatische IT­-Systeme zu erledigen. Schon heute setzt beispielsweise die Zurich Insurance Group in der Schadensbearbeitung vollautomatische Systeme ein. Von den jährlich gemeldeten etwa 40.000 Schäden an Autoscheiben wird die Hälfte reguliert, ohne dass ein menschlicher Mitarbeiter beteiligt wird.

Schöne neue Welt?

Beschert uns die künstliche Intelligenz eine schöne neue Welt? Der Venture-­Capital­-Unternehmer Fabian Westerheide ist davon überzeugt: „Wir werden länger leben und weniger arbeiten. Den Menschen bleibt viel mehr Zeit, Mensch zu sein – und das bei höherem Wohlstand als heute.“ Doch es gibt auch weitaus skeptischere Stimmen. So warnt Elon Musk mit dramatischen Worten, die künstliche Intelligenz sei die „größte Bedrohung, der wir als Zivilisation gegenüberstehen“. Für diese Aussage erntete der Paypal­-Gründer und Tesla­-CEO vehemente Kritik, beispielsweise von „Mr. Facebook“ Mark Zuckerberg: „Wer gegen künstliche Intelligenz argumentiert, argumentiert gegen sicherere Autos und gegen bessere Diagnosen für Kranke. Ich sehe einfach nicht, wie jemand guten Gewissens das tun kann.“

Paradies oder Apokalypse? Das Beispiel des autonomen Fahrens macht heute deutlich: Die Wahrheit liegt zurzeit irgendwo dazwischen – noch kann die neue Einfachheit zu leicht in Gefahr umschlagen. Damit wir uns Maschinen anvertrauen können, müssen sie menschliche Werte achten. Das hat die deutsche Digitalwirtschaft erkannt. Der Branchenverband Bitkom stellt klar: „Die zentrale Herausforderung ist, intelligente Systeme humangerecht und wertorientiert zu gestalten.“