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20. April 2018 / Reportage

Kleidungsstil: nachhaltig

Vertrauen, Textilindustrie, Fair-Fashion

Kleider machen Leute – und Leute machen Kleider. Doch dabei geht es nicht immer fair zu. Das hat auch die Modebranche erkannt und macht das Thema zu ihrem. Die Modejournalistin Ellen Köhrer lebt Fair Fashion bereits im Alltag.

Ellen Köhrer trägt Schwarz auf den Bildern ihres Blogs, dazu Accessoires. Zusammen mit Co­-Autorin Magdalena Schaffrin lächelt sie in die Kamera. Staubiger Ökoschein, begrenzte Designvielfalt, moralinsaure Träger – wie haltlos diese Imageprobleme nachhaltiger Mode sind, sieht man auf den ersten Blick. Davon handelt auch das gemeinsame Buch von Köhrer und Schaffrin, für das die Autorinnen 33 ökofaire Modelabels aus der ganzen Welt por­trätiert haben.

Zum Herzensthema wurde faire Mode für Ellen Köhrer 2012. Bei einer Recherchereise nach Bangladesch besuchte sie Textilfabriken – sowohl kleinere Start­ups als auch die Massenproduk­tion größerer Unternehmen. Die Arbeitsbedin­gungen erschreckten die Journalistin: „In einer riesigen Halle saßen 200 bis 300 Frauen an ihren Nähmaschinen. 20 Reihen in die Breite, 20 in die Tiefe.“ Vorn an den Reihen standen die Namen internationaler Modeketten.

Die dunkle Seite der Mode

Auf den Einsturz der Textil­fabrik „Rana Plaza“ im bangladeschischen Sabhar 2013 folgten schockierende Bilder, die die Arbeitsbedingungen in die mediale Öffentlichkeit rückten: von Textilarbeitern, oft Frauen, die unter zu langen Schichtdiensten leider, von Aufsehern brüsk kommandiert und teils angegriffen werden, tagtäglich an ungesicherte Arbeitsplätze kommen und sich und ihre Familie trotzdem kaum über die Runden bringen.

Billige Arbeitskraft trägt dazu bei, dass internationale Ketten unsere Innenstädte zu Shoppingparadiesen machen. Für jede Größe und jeden Geschmack ist etwas dabei – und für jeden Geldbeutel. Die grenzenlose Shoppinglust ist ein Massenphänomen, dessen Anfänge Ellen Köhrer, Jahrgang 1966, mit eigenen Augen beobachten konnte. Das erste T-­Shirt kaufte sie sich Anfang der 1980er von ihrem Taschengeld – gekostet hat es 20 D­-Mark. „Billiger ging es damals nicht.“

Seitdem ist der Preis in vielen Geschäften noch einmal deutlich gesunken. 5,99 Euro kostet in westlichen Modekaufhäusern ein T-Shirt, das Ellen Köhrer im Showroom der bangladeschi­schen Fabrik sah. Verwunderlich: Gleich daneben hing eines, das in Europa für 60 Euro zu haben ist – gefertigt in derselben Fabrik. „Da habe ich erkannt, dass es zwischen verschiedenen Marken oft nur einen minimalen Qualitätsunterschied gibt.“ Das Marketing macht den Großteil des Preisunterschieds aus. Bei den Näherinnen aber komme davon nichts an, so die Expertin.

Auf die Reise folgte für Journalistin Köhrer der Besuch der Berliner Fashion Week: „Da hat sich für mich ein Kreis geschlossen.“ Seitdem sei sie davon überzeugt, dass nachhaltige Mode ebenso schön designt sein kann wie konventionelle.

Wegweiser zur Fairness

Die Berliner Modeszene hat das Thema be­ reits vor acht Jahren für sich entdeckt, als der „Greenshowroom“ und später die „Ethical Fashion Show“ in die erste Runde gingen. Heute gibt die Hauptstadt in diesem Bereich europa­ weit den Ton an. Auch Modeikonen mit Strahl­kraft wie Emma Watson wechseln vom Fast­ins Fair­-Fashion-­Segment. 2016 kündigte die Schauspielerin an, ab sofort nur noch nach­haltige Mode auf dem roten Teppich zu tragen.

Für den Laien bleibt es dennoch schwierig, faire, grüne Mode zu erkennen. Klar: Im eingenähten Schild stehen Materialien und Herkunftsort. Doch die Fabrikproduktion vor Ort in Augen­ schein nehmen, das können nur die wenigsten. Konsumenten müssen also vertrauen.

Wem faire Arbeitsbedingungen am Herzen liegen, für den lohnt eine Expedition in den in­ zwischen dichten Dschungel der Prüfsiegel.

Als besonders transparent gilt der Global Organic Textile Standard (GOTS). Zertifiziert werden Betriebe, die Textilprodukte mit mindestens 70 Prozent biologisch erzeugten Fasern herstellen, veredeln, verpacken oder verkau­fen. Die Christliche Initiative Romero e.V. (CIR) wertet diesen Standard als anspruchsvoll. Doch wünscht sie sich, dass soziale Kriterien wie existenzsichernde Löhne noch stärker beachtet werden.

Große Aufmerksamkeit erhalten Arbeits­ bedingungen bei der unabhängigen Non-Profit­-Organisation Fair Wear Foundation (FWF).

Die Fabriken der Mitgliedsunternehmen werden in regelmäßigen Betriebskontrollen, sogenannten Audits, geprüft. Julia Kirschner, Nachhaltigkeitsmanagerin beim Kölner Fair­-Fashion­-Label Armedangles, reiste in diesem Sommer in die Türkei, um gemeinsam mit einem Team eines der FWF­-Audits durchzu­führen. Anfänglich habe man sich mit dem Fabrikbesitzer gut unterhalten, erzählt sie auf der Unternehmenswebsite. „Aber je mehr Fragen wir gestellt und je mehr Dokumente wir verglichen haben, desto mehr Probleme sind aufgetaucht. (…) Bei dem Audit war der Besitzer der Fabrik leider nicht gewillt, alle Dokumente mit uns zu teilen, und präsentierte uns nur ent­weder gefälschte oder unvollständige Papiere. Als wir ihn damit konfrontierten, waren wir nicht länger willkommen.“

Der Fabrikbesitzer habe das Audit abgebrochen; das Vertrauen ist dahin. „Natürlich ist so je­ mand nicht der richtige Partner für uns“, schreibt Kirschner. Die Kunden indes schöpfen Ver­trauen, wenn sie Geschichten wie diese in aller Transparenz lesen.

Auch ein Thema für die Großen

Selbst Händler von Fast Fashion springen auf den Zug auf. 2011 legte H&M seine erste „Conscious“­-Kollektion auf. Ein Greenwashing, das der bewusste Konsument mitgehen sollte? Die Christliche Initiative Romero kritisiert, die Kollektion werde in Fabriken in Bangladesch trotz teils katastrophaler Arbeitsbedingungen genäht. Ellen Köhrer will das Engagement der Großen jedoch nicht einfach ablehnen: „Ein großes Unternehmen erreicht Menschen, die ein kleines Fair-­Fashion­-Label nicht erreichen würde“, sagt sie.

„Wenn ich bewusster und weniger konsumiere, ist es nicht zwingend teurer.“

Denn noch spricht Fair Fashion eine überschau­bare Zielgruppe an. Auch schrecken die Preise für faire Mode manchen auf den ersten Blick ab. Doch dieses Argument lässt die Modejournalis­tin nicht gelten: „Wenn ich bewusster und we­niger konsumiere, ist es nicht zwingend teurer.“ Den Einkauf in einigen großen und günstigen Ketten hat sie sich selbst nicht verboten. „Es geht nicht darum, auf das Einkaufen dort voll­ ständig zu verzichten. Aber man kann sich überlegen, ob man jeden Monat zu Fast­-Fashion­-Schnäppchen greift oder nur zwei­, dreimal im Jahr ein Fair­-Fashion-­Shirt kauft.“ Um Abstände zwischen den Shoppingtouren zu erhöhen, setzt Ellen Köhrer nicht nur auf Qualitätsbe­wusstsein. Sie empfiehlt außerdem Second Hand, Tauschen oder Leihen.

  • Buch: „FASHION MADE FAIR“, Ellen Köhrer, Magdalena Schaffrin, Prestel
  • Erfahren Sie mehr zum Thema Vertrauen auf www.vertrauen.blog.