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11. April 2020 / Interview

Jagd nach Schutzmasken

In Altenheimen leben die Menschen, die derzeit besonders gefährdet sind. Uwe Hildebrandt ist seit dem 1. April 2015 Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Westliches Westfalen und kann aus erster Hand berichten, was sich dort tut. Westlotto fühlt sich der Freien Wohlfahrtspflege, zu der auch die Arbeiterwohlfahrt gehört, sehr verbunden. Denn auch diese Institutionen erhalten über das Land Gelder, die aus WestLotto-Erträgen stammen. Besonders in Corona-Zeiten soll gezeigt werden, was dort alles geleistet wird.

Bewohner von Altenheimen dürfen laut NRW-Erlass nur noch maximal eine Stunde Besuch am Tag bekommen, von maximal einer Person. In Ihren Einrichtungen gibt es seit dem 19. März sogar ein generelles Besuchsverbot. Warum?

Unser großes Ziel ist es, den Virus vor der Tür zu halten. Wenn es, wie es in der Fachsprache heißt, zu „unkontrollierten Außenkontakten“ kommt, funktioniert das aber nicht. Denn über die Besucher wissen wir ja nichts. Ob sie Fieber haben, ob sie genesen sind oder sich Familienmitglieder in der Quarantäne befinden. Außerdem wollen wir vermeiden, dass die Bewohner das Haus verlassen.  Stellen Sie sich vor, ein Angehöriger möchte beispielsweise seine Mutter zum Spazierengehen abholen. Normalerweise ist das überhaupt kein Problem. Aber jetzt gibt es diesen Erlass der Landesregierung, wonach ein Bewohner anschließend 14 Tage in Quarantäne genommen werden muss, sobald er das Haus verlässt. Er oder sie darf sich dann auch im Haus nicht mehr mit Freunden treffen. Würden Sie das Ihren Angehörigen zumuten?

 

Der Erlass geht sogar noch weiter.

Ich müsste mit Besuchern eine Hygieneschulung durchführen und Ihnen erklären, wie sie sich die Hände richtig waschen. Zusätzlich hätte ich sie mit voller Schutzausrüstung auszustatten.

 

Ich habe da nichts zu verschenken

 

Haben Sie die denn?

Nein! In unseren 57 Seniorenzentren fahren wir auf Sicht. Wir haben selbst für unsere Mitarbeiter nur noch für wenige Tage Atemmasken. Wir sind jeden Tag auf der Jagd nach diesem Schutz. Ich habe da nichts zu verschenken – und für Besucher derzeit erst recht nicht. Leider.

 

Wie gehen denn die Bewohner mit dieser Situation um?

Sehr unterschiedlich. Vor allem die Menschen, die nicht dement oder bettlägerig sind, leiden sehr darunter. Wir versuchen, ihnen per Tablet und Skype zu ermöglichen, ihre Angehörigen wenigstens auf diese Weise zu sehen. Es ist natürlich dennoch eine große Belastung. Aber es geht letztlich ums Überleben.

 

Und was bedeutet das für die Mitarbeiter der Häuser?

Denen kann ich nur meine größte Bewunderung aussprechen und ganz tief den Hut vor ihnen ziehen. Die leisten Unglaubliches. Was bei der ganzen Corona-Thematik beispielsweise völlig vergessen wird: In diesem ersten Vierteljahr gab es schon eine normal ausgeprägte Grippewelle. Hinzu kommen die üblichen Magen-Darm-Infekte. Und natürlich andere Krankheiten. Allein das schafft schon Belastungen. Sie können sich vorstellen, unter welchem Strom die Mitarbeiter stehen.

 

Wie lange können die das aushalten?

Meine größte Sorge ist, dass mir die Leute in maximal zwei Wochen zusammenknicken. Viele arbeiten schon seit zwei Wochen durch. Dem kann eigentlich niemand Stand halten. Aber die Mitarbeiter tun es. Deswegen können wir alle ihnen nur danken, danken, danken.

 

Manchmal müssen sie sogar noch den Frust der Angehörigen auffangen.

Es gibt Extremfälle. Ich habe gehört – bei uns ist das aber nicht geschehen – dass Angehörige die Polizei gerufen haben, um Mutter oder Vater zu „befreien“. Ansonsten gibt es natürlich alle Formen von Unmut. Wir erleben es oft, dass Angehörige mit frischer Wäsche kommen und so lange klopfen bis jemand vom Pflegepersonal kommt. Das stört den Ablauf massiv. Aber ich kann natürlich alle verstehen, die sich um ihre Liebsten sorgen. Wir alle erleben eine ganz schwere Zeit, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gab.

 

Neben Altenheimen betreut die Arbeiterwohlfahrt auch Kindertagesstätten, die jetzt geschlossen sind. Bedeutet das für die AWO einen finanziellen Verlust?

Nein. Nur eine kurze Zeit gab es Unklarheiten, die dann schnell gelöst wurden. Daher spreche ich der Politik hier ein großes Lob aus. Ebenso den betroffenen Familien, die sich ganz kurzfristig neu organisieren mussten. Das hat wirklich gut funktioniert.

 

Was ist denn mit den Mitarbeitern von Einrichtungen, die ganz oder teilweise geschlossen sind. Werden die an anderer Stelle zur Hilfe gegen Corona eingesetzt?

Was uns fehlt sind Pflegefachkräfte. Hilfskräfte haben wir genug. Aber bei den Fachkräften gibt es einen sehr großen Bedarf. Das war vorher schon so – und ist jetzt viel schlimmer. Allerdings wurden auch die Einrichtungen der Tagespflege geschlossen und deren Mitarbeiter melden sich, um als Pflegefachkraft eingesetzt zu werden. Das hilft sehr. Auch Kita-Erzieherinnen, die dienstfrei haben weil sie gerade nicht in der Notbetreuung eingesetzt sind, melden sich, um beispielsweise für Bewohner der Seniorenzentren einkaufen zu gehen oder andere Dinge zu erledigen. Das finde ich auch super. Auch aus dem Ehrenamt heraus gibt es ganz viele tolle Aktionen. Da werden beispielsweise Schutzmasken genäht. Zwar nicht für die Pflege am Bett, aber für den Eigengebrauch, um andere zu schützen.

 

Wir müssen uns die Karten neu legen

 

Was läuft Ihrer Meinung nach zurzeit richtig gut – und was richtig schlecht?

Wir müssen uns fragen, ob wirklich jeder Bereich wirtschaftlich effizient arbeiten muss oder ob es nicht welche gibt, in denen es nicht so sehr auf die Zahl vorm oder hinterm Komma ankommt, sondern anderes wichtiger ist. Meine Generalkritik an der aktuellen Situation ist, dass wir genau jetzt für diese „Effizienz“ den Preis zahlen müssen. Krankenhäuser wurden in der Vergangenheit auf Wirtschaftlichkeit getrimmt, unsere Einrichtungen wiederum müssen alles dokumentieren und werden darauf ständig überprüft. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen verzichtet derzeit auf diese Prüfungen und kann daher 4.000 Pflegefachkräfte und 2.000 Mediziner abstellen. Das verdeutlicht ungefähr, welchen Aufwand wir sonst betreiben müssen, der mit dem Kerngeschäft Pflege nichts zu tun hat.

 

Welche Lehren sollten daraus gezogen werden?

Sobald wir das alles überstanden haben, müssen wir uns die Karten neu legen. Für mich ist es zum Beispiel unerklärlich, dass ein Land wie Deutschland die pharmazeutischen Grundlagen für die Produktion von Medikamenten nach China und Indien gegeben hat. Oder das wir hierzulande nicht in der Lage sind, ausreichend Schutzmasken herzustellen.

 

Haben Sie noch einen ganz persönlichen Wunsch?

Es wäre toll, für jede Einrichtung Schnelltests zu haben, mit denen wir Mitarbeiter, die beispielsweise im Urlaub waren, auf den Coronavirus checken könnten. Fällt der Test negativ aus, dürften sie sofort wieder arbeiten. Jetzt müssen wir sie zunächst für 14 Tage in Quarantäne schicken. Oder denken wir an die Besucher. Die könnten dann mit ihren Angehörigen wieder stundenlang spazieren gehen.

 

 

Das Interview führte Martin Gruse.

 

Uwe Hildebrandt

 

Der Bezirksverband Westliches Westfalen der Arbeiterwohlfahrt hat derzeit rund 30.000 Mitglieder. 21.000 Menschen arbeiten hauptamtlich bei der der AWO. Sie betreibt 57 Seniorenzentren und 330 Kindertageseinrichtungen. In ihren Werkstätten im Ennepe-Ruhr Kreis, in Dortmund, dem Münsterland und Siegerland bietet die AWO etwa 3.100 Plätze.