Vertrauen teilen:
4. September 2019 / Interview

Inszenierte Wirklichkeit?

Die Technik macht’s möglich: Nicht nur das geschriebene Wort, auch Fotos und Videos im Internet können „Fake News“ sein. Wie können wir auf das vertrauen, was wir sehen? Darüber haben wir mit dem preisgekrönten Fotografen Andreas Herzau gesprochen.

Herr Herzau, heute kann jeder mit einfachen technischen Mitteln selbst Fotos bearbeiten. Führen die Bildbearbeitungsmöglichkeiten dazu, dass wir die Echtheit von Bildern – etwa von Videos in sozialen Medien oder journalistischer Fotografie – stärker hinterfragen?

Das kritische Bewusstsein der Menschen hat auf jeden Fall zugenommen. Sie sind sich darüber bewusst, wie einfach diese Dinge manipuliert werden und hinterfragen die Glaubwürdigkeit von Bildern deshalb stärker. Fotografien wurden aber schon immer retuschiert. Das ist kein Phänomen der Digitalisierung. Heute wird darüber nur stärker in der Öffentlichkeit diskutiert.

Welches Foto ist Ihnen in diesem Zusammenhang besonders in Erinnerung geblieben?
2006 fotografierte ein freier Fotograf eine Bombardierung von Beirut durch die israelische Luftwaffe. Seine Fotos zeigten viel mehr dichten, schwarzen Rauch über den Dächern, als in Wirklichkeit da war. Er hatte die Wolken per Bildbearbeitung hineinretuschiert. Blogger machten damals darauf aufmerksam. Daraufhin beendete die Agentur Reuters die Zusammenarbeit mit ihm und der Fotograf verlor seine Glaubwürdigkeit als Fotojournalist.

Welchen Stellenwert haben Fotos heute, wo jeder mit seinem Smartphone unterwegs ist und selbst Bilder veröffentlicht?

Fotos sind nach wie vor die am schnellsten lesbare Nachricht und dienen bei der ganzen Informationsflut als Wegweiser. Weder Text noch gesprochenes Wort kommen der Schnelligkeit des Bildes gleich, auch wenn Sie auf mobilen Geräten nur sehr klein abgebildet werden. Ein (gutes) Foto transportiert sofort Emotionen und löst Gefühle beim Betrachter aus. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir den Fotos, die wir in Zeitungen, online oder den sozialen Netzwerken sehen, trauen können.

Denn auch Bilder können Fake News sein: Im Social-Media-Zeitalter werden oft Bilder und Videos geteilt, deren Kontext zweifelhaft ist oder sich später als falsch herausstellt. Welche Chancen hat der Laie, die Echtheit von Videos und Fotos einzuschätzen?

Da kommt es auf mehrere Parameter an. Zum Beispiel sollte man die Quelle prüfen, bevor man einen Inhalt teilt. Was ansonsten passieren kann, zeigt der Fall des CDU-Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter: Er teilte und lobte im Juni auf Twitter ein Video, in dem der YouTuber Rezo kritisiert wird. Die Herkunft des Videos hatte er vorher nicht geprüft, andere Nutzer wiesen ihn auf die unseriöse Quelle hin. Daraufhin entschuldigte sich Kiesewetter und löschte seinen Tweet. In Bezug auf die Echtheit von Bildern lässt sich zum Beispiel recherchieren, ob das Material schon einmal in anderem Zusammenhang veröffentlicht wurde. Wenn ja, sind Zweifel angebracht. Wenn es zudem fragwürdig erscheint, auf welche Weise ein Video oder Foto entstanden ist, könnte es eine Montage sein. Hier kann man googeln, ob die tatsächliche Umgebung mit dem angegebenen Aufnahmeort übereinstimmt. Bei einem Video könnte auf Manipulationen hindeuten, wenn entscheidende Sequenzen sichtbar fehlen oder nachträglich hineinkopiert wurden. Wurden Personen oder Gegenstände eingefügt, stimmt meist die Beleuchtung nicht – das kann schnell auffallen. Diese Kriterien sollte man sich bewusstmachen, bevor man etwas teilt.

Auch Bildjournalisten bearbeiten ihre Fotos. Welche Techniken sind dabei akzeptiert und üblich?
Dabei gelten immer noch die Regeln der klassischen Dunkelkammerarbeit, die sich im analogen Zeitalter entwickelt hat und sich heute auf das digitale Fotografieren übertragen lässt. Farbkorrekturen zum Beispiel sind erlaubt. Etwa, wenn Personen mit künstlichem Licht fotografiert werden, ihre Hautfarbe auf dem Foto aber beispielsweise besonders blass aussieht und anschließend angeglichen wird. Gestattet sind auch Kontrastverstärkungen, etwa, um Wolken im Himmel sichtbarer zu machen. Nicht verändert werden darf der Grundduktus eines Bildes. Das heißt, man darf nichts hinzufügen oder entfernen. Wenn bei einer Ganzkörperaufnahme von einer Person im Vordergrund auf dem gewünschten Bildausschnitt eine störende Flasche übersehen wurde, darf diese nicht wegretuschiert werden.

Was tun Redaktionen, um das Vertrauen von Lesern auf die Echtheit ihrer Bilder zu erhalten?

Seriöse deutsche Medien arbeiten mit hohen Qualitätsstandards. Aus meiner Sicht prüfen Redaktionen die Quellen aller Fotos und Videos, die eine hohe Relevanz haben. Grundsätzlich macht es keinen Sinn, jedes Zeitungsfoto zu hinterfragen. Wenn der Verdacht auf eine Manipulation auftaucht, kommen Digital-Forensiker ins Spiel. Sie können feststellen, ob die Pixelstruktur eines Fotos oder Videos verändert wurde. Beispielsweise wurde so das kürzlich erschienene Ibiza-Video mit dem österreichischen Politiker Christian Strache untersucht.

 

 

Symbolbild: fotografierende/pixabay

Andreas Herzau ist mehrfach preisgekrönter Bildjournalist und Fotografiedozent an verschiedenen Hochschulen wie der Hochschule für Künste Bremen und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Andreas Herzau © Jörg Gläscher
Andreas Herzau © Jörg Gläscher