Vertrauen teilen:
11. November 2020 / Einblick

„Im Idealfall bekommen alle ihr Fett weg“

Darf man im Karneval alles sagen, oder gibt es Grenzen? Ein Gespräch mit dem politischen Büttenredner Jens Singer.

Herr Singer, im Jahr 2020 war alles etwas anders, und noch weiß niemand, ob und wie Karneval 2021 überhaupt gefeiert wird. Unabhängig davon: Politik und Karneval – ist das eine gute Mischung?

Politische Karnevalsreden werden traditionell eigentlich in Mainz gehalten. Rund um Köln, wo ich herkomme, sind sie eher selten. Das hat vor allem historische Gründe, aber auch wirtschaftliche: Mit Politik können die Veranstalter nicht gut Geld verdienen. Die Menschen bevorzugen auf den Sitzungen die leichten Themen. Darüber hinaus kann Politik auch stark polarisieren. Sie haben im Saal immer mehrere Fraktionen. Aber dennoch: Es gibt durchaus Interesse an der politischen Bütt. Ich bekomme jedes Jahr mehr Anfragen als ich Termine wahrnehmen kann. Ich bin in der Region aber auch einer von ganz wenigen politischen Rednern.

Was wollen Sie dem Publikum vermitteln?

Ich will das Publikum unterhalten. Ich versuche niemanden zu erziehen. Denn niemand geht auf eine Karnevalssitzung, um sich politisch belehren zu lassen. Ich will nicht einmal eine politische Haltung kommunizieren. Wir Büttenredner spiegeln im Gegensatz zu den Kabarettisten die Mitte der Gesellschaft: Das Kabarett kommt politisch meist von links und unten und richtet sich dann gegen rechts und oben. Das ist die klassische Zielrichtung. Büttenredner sind vielmehr bürgerlich orientiert. Sie kommen in der Regel aus den kirchlichen Vereinen und legen es im Idealfall darauf an, dass alle ihr Fett wegkriegen. Das ist politisch auch gesund. Ich versuche bei den Reden, meine „Opfer“ verbal zu umarmen und sie dabei ein wenig zu zwicken und das Menschliche herauszustellen. Das ist oft eine Gratwanderung. Aber wenn das funktioniert, ist das wunderschön.

Was bedeutet es für Sie, vor Publikum zu sprechen?

Ich bin keiner, der auf die Rampe drängt. Aber ich schreibe gerne Texte. Mir macht es Spaß, über das Jahr hinweg meine Büttenrede zu schreiben. Und der Auftritt gehört nun mal dazu. Es ist toll, wenn man merkt, man braucht nur noch ein oder zwei Worte zu sagen, und dann tobt das Publikum. Das ist ein ganz erhebendes Gefühl. Wie ein Rausch. Aber genauso gibt es eben auch das Gegenteil, wenn man auf der Bühne mit seiner Rede ausrutscht, weil sie nicht funktioniert. Vielleicht ist der Alkoholpegel im Saal schon zu hoch oder man selber ist zu anspruchsvoll oder die Witze sind einfach nicht gut genug. Aber es ist gerade dieser Ritt auf der Rasierklinge, der eine Büttenrede spannend und reizvoll macht.

Was will das Publikum?

Wenn es mir gelingt, wenigstens ein bisschen das rheinische Lebensgefühl zu kommunizieren – insbesondere die Liberalität, die Offenheit, die Gelassenheit, nicht alles so wahnsinnig ernst zu nehmen, die Leichtigkeit, die der Karneval haben sollte –, dann habe ich schon unglaublich viel erreicht. Es geht nicht darum, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Der Karneval wäre auch der falsche Rahmen, dagegen würden sich die Leute wehren. Karneval bedeutet Unterhaltung und Verschwendung nach dem Motto: „Wir sind nur Gast auf Erden, also gib, was da ist, und halte nichts fest.“ Das hat nichts mit Sparsamkeit zu tun. Es geht vielmehr um das Barocke, das Schwelgen. Das Sparsame kommt dann wieder nach Aschermittwoch.

Wie sehen Sie den Prozess der politischen Willensbildung im Zusammenhang mit Karneval?

Ich sehe die Karnevalssäle als politische Seismografen. Ich bekomme sehr schnell mit, wie die Stimmung im Saal ist. So eine Karnevalsveranstaltung funktioniert im Grunde wie eine Umfrage: Wer ist gerade beliebt? Wer ist überhaupt bekannt? Das ist regional unterschiedlich. Man merkt, was die Leute von der Politik mitbekommen – vor allem von den zehn, zwanzig Politikern, die immer wieder genannt werden. Zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel: Bis zur Flüchtlingskrise im Jahr 2015 konnte man überhaupt keine Witze über sie machen. Die kamen nicht an. Danach aber ist das gekippt.

Was bedeutet das für die Büttenrede, die Sie halten?

Häufig reduzieren die Menschen die Politiker auf Stereotype. Bei Merkel sind es die Jäckchen, die sie häufig trägt und die sie zum Markenzeichen gemacht hat, sowie die Raute, die sie oft mit ihren Händen formt. Genauso bekommen die Menschen auch mit, dass Merkels Koalitionspartner serienweise kaputtgehen. Der Zustand der SPD ist ein großes Thema. Witze über diese Partei funktionieren derzeit wunderbar. Mich überkommt dabei jedoch immer eine Scham: Denn wenn jemand schon am Boden liegt, dann muss man nicht noch drauftreten – auch wenn das Publikum rustikal ist und so was mögen würde. Die Teilnehmer von Karnevalsveranstaltungen haben es gerne, wenn es auch mal ein bisschen knallt und dampft.

Selbst wenn der Büttenredner an Karneval politisch wird – die Entscheidungen bei der nächsten Bundestagswahl dürfte sein Vortrag kaum beeinflussen. Doch wie kommen Wähler dazu, einem Kandidaten ihr Vertrauen auszusprechen? Und was heißt Vertrauen überhaupt? Das erfahren Sie hier.

Zur Person
Dr. Jens Singer ist Jurist und arbeitet als Regierungsdirektor in der Verwaltung des Deutschen Bundestags. Aufgewachsen ist der 52-Jährige in der Nähe von Köln. Schon als Kind war er im Karneval aktiv. Als Büttenredner tritt Singer unter dem Titel „Schofför der Kanzlerin“ auf. Seit elf Jahren ist er mit dieser Rolle aktiv. Außer im Rheinland nimmt er auch an Karnevalsveranstaltungen in Berlin und Brandenburg teil.