Vertrauen teilen:
24. August 2021 / Interview

„Ich musste neue Wege finden!“

Warum man Pferde manchmal wie kleine Kinder behandeln sollte und ein entspannter Ritt durch den Wald so wichtig ist: Para-Dressurreiterin Gianna Regenbrecht erzählt in unserem Interview, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Tieren im Sport gelingen kann. Und sie spricht von Ihrem großen Traum - den Paralympics 2024 in Paris.

Im Dressursport gelingt Erfolg nur im Team von Reiterin und Pferd. Wie lange dauert es, bis eine wirklich vertrauensvolle Beziehung zwischen Mensch und Tier entstanden ist?

Grundsätzlich erstmal lange. Das ist wie in einer guten Freundschaft oder tollen Beziehung, aber es kommt natürlich auch auf den Ausbildungsstand der Tiere an. Ein gut ausgebildetes Pferd, das bereits ein Grundvertrauen in den Menschen hat und eine sehr gute Ausbildung genossen hat, wird sich schneller an neue Reiter und Situationen gewöhnen. Mein Pferd beispielsweise war sehr jung als ich es gekauft habe. Selma war zum Beispiel noch nie auf einem Turnier geritten worden. Wir mussten uns nicht nur zuerst kennenlernen, Selma musste generell erst einmal lernen, um was es beim Dressurreiten geht und wie sie ihren Körper dabei richtig einsetzen kann. Nach einem Jahr sind wir dann zum ersten Mal gemeinsam auf einem Turnier an den Start gegangen. Dieses Turnier und eigentlich die ganze erste Saison waren nicht gerade berauschend. Wir haben Niederlagen kassiert, wahnsinnig viel gemeinsam gelernt und viele wertvolle Erfahrungen zusammen gesammelt. Das Pferd brauchte Zeit, um zu verstehen, worum es geht und musste meine „Sprache“ ohne funktionierende Beine lernen. Wie bei einem Kind musste ich dann manchmal Sachen dreimal erklären. Aber die Geduld zahlt sich aus. Und wir haben zur zweiten Saison einen riesigen Schritt gemacht und sind dann auch in den Bundeskader gekommen.

 

Welche besonderen Herausforderungen haben sich dabei für Sie als Parasportlerin ergeben?

Es ist schon ein Unterschied, ob Sie als Parasportlerin oder als Regelsportlerin mit einem Pferd arbeiten. Normalerweise kommen die Impulse beim Reiten aus den Beinen. Da ich inkomplett querschnittsgelähmt bin, bin ich da aber sehr eingeschränkt. Ich reite mit sehr feinen Hilfen für das Pferd. Über Oberkörperspannung und Gewichtsverlagerungen gebe ich dem Pferd Signale, die ein Außenstehender gar nicht wahrnimmt. Außerdem bin ich auch auf meine Trainerin angewiesen, sie trainiert mich und Selma darauf, auf eine ganz feine Art und Weise kommunizieren zu können. Gerade bei außergewöhnlichen Situationen, wie zum Beispiel Turniere vor großer Kulisse, ist sie ist für mich wie ein Fels in der Brandung. Regelsportler können in solchen Situationen über Impulse aus den Beinen nochmal anders auf das Pferd einwirken und ihm Sicherheit geben. Das kann ich so nicht. Mir muss das Pferd zu 100 Prozent vertrauen. Mein großer Vorteil ist, dass mein Pferd Selma meiner Trainerin genau so vertraut wie mir und wenn sie am Rand des Dressurvierecks steht, gibt es uns eine unglaubliche Sicherheit.

 

Ihre Verantwortung gegenüber dem Tier ist groß. Müssen Sie sich als Sportlerin manchmal auch zurücknehmen in der Zusammenarbeit mit dem Pferd?

Ich bin sehr ehrgeizig und habe durch mein Pferd tatsächlich gelernt, zu warten und mal einen Schritt zurückzugehen. Ich habe Selma zwei Jahre nach meinem Unfall gekauft. Im Rollstuhl ist der Alltag ohnehin langsamer als auf zwei Beinen, weil einfach vieles länger dauert. Ich musste neue Wege finden, um die Dinge zu schaffen, die ich möchte.  Für mich ist es sehr wichtig alles auszuprobieren und dabei zu sein. Aber als Rollstuhlfahrerin musste ich lernen, eines nach dem anderen zu machen. Und so mache ich das auch mit meinem Pferd. Selma ist ein sehr sensibles Pferd und dadurch nicht immer ganz einfach. Sie hat eine klare Meinung und wird auch mal zickig. Aber aus all dem habe ich sehr viel gelernt und mich vor allem selber noch besser kennengelernt.

 

Was fasziniert Sie an Olympia und den Paralympics?

Die Paralympics sind mein großer Traum. Mich fasziniert es, die Reiterei so zu perfektionieren und eine Einheit mit meinem Pferd zu werden, dass ich auf dieser größtmöglichen Bühne zeigen kann, was wir zusammen können. Das ist eine tolle Belohnung für all die Arbeit. Es ist ohnehin ein tolles Kompliment, wenn mir jemand sagt, es sieht so schön aus, wie du reitest, man sieht gar nicht, dass du ein Handicap hast. Da wäre eine Medaille natürlich ein krönender Abschluss – aber Ziel ist die Perfektion zwischen Reiterin und Pferd.  Und das Vertrauen, sich 100 Prozent aufeinander verlassen zu können.

 

Gibt es diesen einen olympischen Moment, der Sie bewegt hat?

Als Reitsportlerin war ich kürzlich bei den Olympischen Spielen in Tokio begeistert von dem Auftritt von Goldmedaillengewinnerin Jessica von Bredow-Werndl. Da hatte ich Gänsehaut. Wie sie mit ihrem Pferd eine Einheit gebildet hat war unglaublich. Alles war wie aus einem Guss. Die beiden haben es so leicht aussehen lassen. Das schafft man nicht mit Zwang oder Druck.

 

Wie weit ist denn Ihr Weg noch zu derartiger Perfektion?

Sportlich stehe ich gerade am Sprung vom Nachwuchs- in den Seniorenbereich. Für mich ist der nächste Schritt ein Pferd zu finden, mit dem ich mich noch weiter entwickeln kann. Selma ist wohl eine der größten Lernaufgaben meines Lebens und wird immer ein ganz, ganz wichtiger Teil von mir sein. Sie hat mir so viel beigebracht und hat mich in einer so schwierigen und prägenden Zeit meines Lebens begleitet. Aber sie hat als Pferd körperliche Grenzen und kann nicht mit den großen Dressurpferden mithalten. Ein gutes Beispiel ist wohl der Vergleich zwischen einem vielseitigen Passat und einem Rennauto. Sie überzeugt nicht durch die besten Bewegungen, aber wir punkten mit unserer Harmonie. Aber auch der Para-Sport steht nicht still, die Pferde werden immer besser und bewegungsstärker und es wird immer schwieriger mit „normalen“ Pferden oben mitzuhalten.  Mein Wunsch ist es ein Pferd zu finden, das körperlich diese Bewegungsmöglichkeiten mitbringt und trotzdem aus dem Rollstuhl heraus für mich zu händeln ist. Denn mir ist es sehr wichtig, so viel wie möglich selber zu machen. Ich hoffe aber sehr, dass ich Selma für immer behalten kann und sie ganz alt bei mir wird und wir noch lange gemeinsam durch den Wald spazieren reiten können.

 

Sie sind sehr präsent in den Sozialen Medien, gehören beispielsweise zum Team von „Die mit den Pferden“, ein Instagram-Projekt des WDR. Was möchten Sie den Menschen erzählen?

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass es toll ist, ein Role Model zu haben, ein Vorbild. Es gibt nicht so viele Leute im Rollstuhl, die in der Öffentlichkeit stehen. Als ich selbst nach meinem Unfall im Krankenhaus war, habe ich eine junge Frau kennengelernt, die ebenfalls in meinem Alter nach einem Unfall in den Rollstuhl gekommen war. Sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen und gezeigt, dass sie ein völlig selbstständiges Leben führt. Für mich war ein Leben im Rollstuhl anfangs unvorstellbar. Da war dieses Treffen natürlich Gold wert. Und wenn ich heute Menschen höre, die sagen „Im Rollstuhl geht das nicht“, dann möchte ich zeigen, dass das doch möglich ist. Außerdem möchte ich natürlich die Arbeit mit dem Pferd rüberbringen. Ich möchte zeigen, dass man nicht viel Kraft in den Beinen braucht für den Dressursport. Mir folgen auf Instagram viele Leute mit Handicap. Und es ist immer eine tolle Rückmeldung, wenn mir die Menschen schreiben, dass ich sie mit meiner Arbeit motiviere und somit nun selber in die Rolle des Role Models schlüpfe. Für „Die mit den Pferden“ begleite ich übrigens auch die Paralympischen Spiele in einer Themenwoche.

 

Sie sind ja nicht nur Dressurreiterin, sondern studieren auch Medizin. Wie viele Stunden hat Ihre Woche?

Es stimmt, ich brauche schon ein gutes Zeitmanagement. Neben Studium und Leistungssport kommt auch noch das Querschnittstraining hinzu. Einmal in der Woche bin ich im Ambulanticum in Herdecke und absolviere ein Training, um die wenigen Muskeln in meinen Beinen, die ich ansteuern kann, so gut es geht zu trainieren. Das ist mir sehr wichtig und hilft mir natürlich, meinen Alltag selbständig bewältigen zu können. So wollte ich zum Beispiel unbedingt Auto fahren und den Rollstuhl auch selbst in den Kofferraum einladen können.  Mit einem auf Handgas umgebauten Auto und viel Übung beim Einladen des Rollstuhls bin ich wirklich unabhängig.

 

Und 2024 fahren Sie dann so nach Paris zu den Paralympics?

Das wäre natürlich die Krönung und mein Traum: Ich lade das Pferd auf den Hänger und fahre damit nach Paris!

 

Titelbild: Cora M. Jennisen

Gianna Regenbrecht ist Parasportlerin und gehört zum Nachwuchskader der deutschen Dressurreiter. WestLotto unterstützt die Medizinstudentin im Rahmen des Deutschlandstipendiums.