Vertrauen teilen:
17. April 2018 / Reportage

Glücklich getrennt

Vertrauen, Arbeitsplatz, Beziehung

Sollte man Menschen am Arbeitsplatz trauen, die mit anderen Teammitgliedern neben dem Job ein Leben teilen? Diese Frage trieb die Kollegen von Lars und Nicole Hoffmann* um. Wie das Paar eine anfängliche Vertrauenskrise beim gemeinsamen Arbeitgeber meisterte.

Wir alle spielen im Leben verschiedene Rollen – je nachdem, mit wem wir es gerade zu tun haben. Was passieren kann, wenn man als Paar seine vertrauenvolle Beziehung auf den Arbeitsplatz überträgt, haben Lars und Nicole Hoffmann erlebt. Beide sind Mitte 30, miteinander verheiratet und arbeiten als Exper­ten für internationales Steuerrecht in Düssel­dorf. Bei zwei verschiedenen Arbeitgebern – das war nicht immer so. Von 2014 bis 2015 arbeite­ten sie zusammen in ein und derselben Anwalts­kanzlei in Chicago. Dass ihr amerikanischer Arbeitnehmer sie beide wollte, war für sie zu­ nächst ein großer Glücksfall. Als eingespieltes Duo würden sie das Ding schon schaukeln. Dachten sie.

Doch ihre neuen Kollegen verhielten sich ihnen gegenüber merkwürdig kühl und distanziert, schienen jedes Wort vorsichtig abzuwägen. „Es war wie eine unsichtbare Mauer zwischen uns und ihnen, die wir nicht überwinden konn­ten“, erinnert sich Lars. Als geübte Analytiker nahmen die beiden Neulinge ihre eigene Situa­tion unter die Lupe und befragten auch einen amerikanischen Freund dazu. Als sie schließlich den Grund herausfanden, staunten sie nicht schlecht. Es war geradezu paradox: Der Zugang zum Kreis des Vertrauens wurde ihnen verwehrt, weil sie ihre eigene Vertrauensbeziehung zu offen zeigten.

Bis zu diesem Zeitpunkt traten sie in der Kanzlei stets als Paar auf. Die beiden kamen morgens zusammen zur Arbeit, saßen zusammen im Büro, machten zusammen Pause, arbeiteten, scherz­ten und lachten zusammen und fuhren abends zusammen nach Hause. Nicole weiß heute: „Wir müssen wohl wie eine untrennbare Einheit auf die anderen gewirkt haben.“ Und genau das kam bei ihren neuen Kollegen nicht gut an.

Denn das Verständnis von Professionalität ist in den USA streng; private Beziehungen oder offen gezeigte Gefühle haben bei der Arbeit nichts zu suchen. Die unausgesprochene Folgerung: Wer das nicht klar trennen kann, der wird wahrscheinlich auch ihm anvertraute Geheimnisse weitererzählen. Lars und Nicole hatten sich mit der Zahl ihrer verschiedenen Rollen, die sie in ihrem gemeinsamen Leben spielten, über­nommen. Vor Chicago waren sie beide jeweils Partner und Mitarbeiter gewesen. Nun waren sie auch noch Partner eines Mitarbeiters und Mitarbeiter ihres Partners. Das war zu viel des Guten und mündete schließlich in eine Vertrauenskrise im Job.

„Wir müssen wie eine untrennbare Einheit gewirkt haben.“

Sie beschlossen, wieder zu ihren alten Rollen zurückzufinden. Zu Hause nur Partner, in der Firma nur Mitarbeiter. Diese bewusste Unter­scheidung fühlte sich an­fangs komisch an, aber es funktionierte. Nicht zuletzt dank einiger Tricks. Um die radikale Umstellung hinzu­bekommen, fuhren die bei­ den häufiger getrennt und zu verschiedenen Zeiten ins Büro, setzten sich räumlich dezent voneinander weg. Auch zogen sie sich betont förmlich und elegant an, während sie sich in den eigenen vier Wänden extra „casual“ kleideten. Arbeitsthemen waren zu Hause tabu, Privates am Arbeitsplatz ebenso.

Mit der Zeit schafften sie es, von ihren Kollegen als eigenständige Persönlichkeiten wahrge­nommen und in den Kreis des Vertrauens auf­ genommen zu werden. Und als erfreuliche Nebenwirkung außerdem, sich im Privaten ihre Attraktivität füreinander zu bewahren.

* Namen von der Redaktion geändert.