Vertrauen teilen:
26. März 2018 / Gastbeitrag

Gesunder Gewinn

Wer medizinische Hilfe benötigt, braucht die Gewissheit, dass sein Wohl im Mittelpunkt steht. Wo Gewinne erwirtschaftet werden müssen, wird das zur Herausforderung. Ein Gastbeitrag von Professor Dr. Karl-Heinz Wehkamp

„Die größte Niederträchtigkeit eines Arztes besteht darin, sich Arbeit zu verschaffen“, beschrieb der römische Philosoph Seneca die Basis für den unveränderten Ethik-Kodex, den sich der Arztberuf seit der Antike gibt und der ihn auf das Wohl des Kranken und die Vermeidung von Schaden verpflichtet. Der Soziologe T. Parsons schrieb, dass die Berufsethik den Arzt verpflichtet, das Wohl des Patienten über seine persönlichen Interessen zu stellen. Eine scharfe Trennungslinie müsse zwischen Medizin und Wirtschaft gezogen werden. Das Profitmotiv sollte entschieden aus der Welt der Medizin ausgeschlossen sein.

Heute steht ein Arzt nicht mehr allein im Zentrum der medizinischen Versorgung. Er arbeitet im Rahmen eines politisch gestalteten Systems und seiner Einrichtungen Hand in Hand mit anderen Gesundheitsberufen. Das Vertrauensgebot ist folglich auszudehnen auf System und Institution und rückt in den Verantwortungsbereich von Politik, Verwaltungen und Management. Doch es droht die Erosion des Vertrauens: Das Gesundheitssystem hat sich durch wirtschaftlichen Wettbewerb gewandelt. Krankenhäuser müssen Gewinne erzielen, um ihre Zukunft zu sichern. Dies verändert die medizinische Praxis, da der Patient unweigerlich auch unter Aspekten von Gewinn und Verlust für das Unternehmen gesehen wird.

Es sind zuvorderst Ärzte und Pflegekräfte, die auf diese Gefahr hinweisen, aber auch für Patienten und deren Vertreter ist sie spürbar. Die Gefährdung des Vertrauens in die Medizin stellt eine ernste Herausforderung dar, der sich Entscheider in Politik, Gesundheitswirtschaft und Verwaltungen stellen müssen. Deren Themenschwerpunkt ist in diesen Tagen die Digitalisierung, die zweifellos von großer Bedeutung ist. Die unvermeidli che und sinnvolle Verflechtung von Gesundheitswesen und Wirtschaft sollte sich jedoch nicht einäugig auf technologische Fragen konzentrieren. Der Schutz medizinethischer Grundsätze ist kategorischer Vertrauensschutz, auf den niemand verzichten kann.

Prof. Dr. rer. pol. Dr. med. Karl-Heinz Wehkamp ist Professor am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, langjähriger Berater für Ethik-Ökonomie in Kliniken sowie Autor mehrerer Publikationen zum Thema.