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9. März 2020 / Einblick

Geld ist nichts wert ohne Vertrauen

Geldscheine verschiedener Währungen: zum Beispiel Euro, Dollar und Pfung.

Finanzielle Unabhängigkeit schafft Sicherheit. Doch was außer bedrucktem Papier oder geprägtem Metall ist eigentlich Geld? Seine Funktion kann es zumindest nur erfüllen, wenn alle von seiner Glaubwürdigkeit überzeugt sind.

Geld allein macht vielleicht nicht glücklich. Und manchen ist es möglicherweise wichtiger als anderen. Aber über die grundlegenden Vorteile, die das Zahlungsmittel für das (Über-)Leben hat, sind sich die allermeisten Menschen einig – weltweit und ob sie wollen oder nicht. Geld ist da, oder es ist nicht da. Wenn es da ist, ist es meist besser, als wenn es fehlt. Das geht Einzelpersonen, Familien, Gemeinden und Staaten so, seit im 7. Jahrhundert vor Christus im Königreich Lydien auf dem Gebiet der heutigen Türkei das Münzgeld erfunden wurde.

Trotzdem: Geld ist künstlich. Es symbolisiert vor allem die Vereinbarungen und Regeln, die den Handel – und damit das Alltagsleben – einfacher machen sollen. Dass Geld diese Anforderung zu allergrößten Teilen erfüllt, ist der Grund, warum Münzen, Scheine, Kreditkarten oder bloße Kontozahlen auf dem Computerbildschirm gesellschaftlich allgemein akzeptiert sind.

Alles andere als selbstverständlich

Alles Geld ist aber nichts wert ohne das Vertrauen, das die Menschen ihm entgegenbringen. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun schreibt in ihrem Buch „Der Preis des Geldes“ (2012), dass Geld seine Funktion nur erfüllen könne, wenn alle von seiner Glaubwürdigkeit überzeugt seien. Diese Glaubwürdigkeit ist jedoch alles andere als selbstverständlich.

Seit der Finanzkrise 2008 hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Finanzmärkte mit billigem Geld geflutet und die Zinsen auf null gesenkt. „Sparguthaben und Staatsanleihen verzinsen sich nicht mehr. Das Vertrauen in die Stabilität der Währung schwindet“, beklagt der Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabel von der Universität Leipzig in einer Mitteilung seines Fachbereichs im vergangenen Jahr. Er war weder der erste, noch war er der letzte, der die Nullzinspolitik der EZB kritisierte. Er sprach jedoch einmal mehr aus, was vor allem Sparer, Anleger, Immobilieninteressenten und Banken bis heute betrifft.

Verletzliches System

Was innerhalb der internationalen Finanzströme geschieht, stellt sich für Außenstehende meist unverständlich und abstrakt dar. In unregelmäßigen Abständen zeigt sich aber genau dort immer wieder, wie verletzlich das System Geld ist. Zum Beispiel wenn in China der Coronavirus ausbricht und sich über den Globus ausbreitet, erreichen die anschließenden Schwankungen an den Börsen und Finanzmärkten nahezu jeden Menschen in jedem Winkel der marktwirtschaftlichen Welt. Alle Anleger, die ihr Geld zum Beispiel in Aktien, Fonds oder starken Währungen deponiert haben, sehen sich einer solchen Entwicklung offenbar machtlos ausgeliefert. Unternehmen verlieren an Wert. Manche gehen sogar Pleite. Ganze Volkswirtschaften werden in Mitleidenschaft gezogen, als wäre es die normalste Konsequenz, die der Ausbruch eines Virus‘ nach sich zieht.

Von Braun stellt in ihren Ausführungen über Geld mit gutem Grund die Frage, warum die Gesellschaft überhaupt an die Macht eines Systems glaubt, das kaum jemand mehr versteht. Hat sich das System verselbstständigt? Die Antwort steht noch aus. Klar ist aber: So rational Geld berechnet und vermehrt werden kann, so irrational sind die Gefühle, die es in den Menschen hervorruft. Zwischen Euphorie, Verzweiflung, Gier und Angst treten alle Schattierungen der Emotionen zu Tage. Geld entfaltet seine Wirkung auf den Einzelnen mitunter so tief und nimmt ihn so stark ein, dass es immer wieder auch als Ersatzreligion oder als Ersatzdroge bezeichnet wird.

Die Verheißung bleibt groß

Dennoch: Die positiven Aspekte scheinen zu überwiegen. Zumindest hat bislang noch niemand ein besseres System erfunden. Für viele schafft Geld die Unabhängigkeit, um gut und in Sicherheit zu leben. Auch wenn der Reichtum nicht gleich verteilt ist, bleibt die Verheißung groß, dass jeder daran teilhaben kann. Geld ist kein starres System. Es fließt – wie es so schön heißt – von einem zum anderen und verändert seine Form ständig. Wer zum Beispiel früh in die virtuelle Währung Bitcoins investiert hatte, der konnte sich in den vergangenen Jahren über hübsche Gewinne freuen – auch wenn die Kryptowährung nach einem beachtlichen Allzeithoch Ende 2017/Anfang 2018 wieder stark an Wert verlor. Niemand kann sagen, wohin sie sich entwickelt.

Immerhin, so stellt der Berliner Soziologe Georg Simmel im Jahr 1900 in „Die Philosophie des Geldes“ fest, hat Geld geholfen, den Feudalismus zu überwinden und die Demokratie durch selbstbestimmte Bürger zu stärken. Geld habe den Bürgern Freiheit gebracht. Dennoch besitze die Geldwirtschaft und die „Verselbständigung der ökonomischen Prozesse“ die Eigenschaft, sich durch ihren „mechanischen Ablauf“ zum Selbstzweck zu entwickeln. Geld ist mächtig. Wer es hat, hat Macht. Umso größer ist die Verantwortung, die an den Besitz von Geld gebunden ist. Und Verantwortung beruht auf Gegenseitigkeit – und setzt Vertrauen voraus.