Vertrauen teilen:
9. Februar 2018 / Einblick

Der und kein anderer

Illustration eines weiblichen Fußballfans

Wie schafft es ein Fußballverein, so viele Menschen emotional zu berühren, dass er sich mit dem Slogan „Echte Liebe“ schmücken kann – ohne dass das in den Ohren seiner Fans peinlich oder aufgesetzt klingt? Einblicke in die Seele einer Liebenden.

Marietta ist 27, in Berlin in der Filmbranche tätig und kommt aus der Region zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Und damit aus dem weiteren Einzugsbereich des BVB 09 – für den ihr Fußballherz schlägt, wie sie sagt, seit sie denken kann. Kompromisslos. Entschlossen. Unbeirrbar. Dazu müssen offenbar bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, auf die beide Seiten fest vertrauen können, wie im Gespräch mit Marietta klar wird.

1. Tradition

Ein Verein, der heute nicht auf eine mindestens 100­-jährige Geschichte zurückblicken kann, hat auf der Emotionsskala eher schlechte Karten – siehe aktuell das Beispiel RB Leipzig. Nicht so die Dortmunder Borussia. Die Liebe zum BVB wird oft von Generation zu Generation weitergereicht. Ähnlich erging es auch Marietta. „Meine große Schwester war schon vor mir Fan und hat mich sozusagen zum Verein geführt“, erinnert sie sich an den Beginn dieser Beziehung auf Lebenszeit.

2. Persönlichkeit

Sei es ein unberechenbarer Manfred „Manni“ Burgsmüller, der mit 135 Treffern den Torschützenrekord beim BVB über Jahrzehnte gehalten hat. Oder ein schlitzohriger Frank „Hängesocke“ Mill, der dem gegnerischen Torwart den Ball wieder aus den Händen spitzelt. Oder ein eisenharter Norbert „Nobby“ Dickel, der keinen Schmerz kennt. Oder, oder, oder. Der BVB hatte sie alle. Und sie haben sich in den Herzen der Fans verewigt.

3. Zusammenhalt

Es ist wie in den besten Familien: Ein bisschen Zoff kann es immer mal geben. Aber um sich mit einem Club langfristig identifizieren zu können und mit ihm durch dick und dünn zu gehen, gibt es für Marietta eine Bedingung: „Die grundsätzliche Chemie zwischen Fans, Spielern und Vereinsführung muss stimmen.“ So wie es bei den Schwarz­-Gelben trotz einzelner Krisen und Meinungsverschiedenheiten eigentlich stets der Fall war. Das große Bild stimmt.

4. Atmosphäre

Schon ein eher kleines Stadion kann mit der richtigen Bauweise und prall gefüllten Rängen eine mitreißende Stimmung entfesseln. Aber im riesigen und stets ausverkauften Stadion der Borussia kocht sie geradezu über. So sieht es Marietta: „Der Signal Iduna Park – oder wie man als Fan sagt: das Westfalenstadion – gehört zu den besten Stadien der Welt, und das wird bei jedem Spiel bestätigt.“

5. Erfolg

Gewiss: Ein unerschütterlicher Fan hält seinem Club auch dann die Treue, wenn dieser seit Jahren keinen Blumentopf gewonnen hat. Aber ein bisschen Erfolg kann auch nicht schaden. Dass sich Borussia Dortmund nach früheren Glanzzeiten und einer längeren Durststrecke wieder konstant im Fußballolymp etablieren konnte, ist nach Mariettas Meinung ganz klar das Verdienst einer Person, die sogar eine eigene Ära begründet hat: „Klopp passte zum BVB wie die Faust aufs Auge. Er war schlicht und einfach der beste Trainer, den der Verein je hatte.“

6. Gegenseitigkeit

Wenn eine Liebesbeziehung – oder eine „enge Verbundenheit“, wie es Marietta ausdrückt – nur in eine Richtung funktioniert, wird sich die andere Seite irgendwann ausgenutzt vorkommen und ihr emotionales Engagement zurückfahren. Dann wäre jegliches Vertrauen verspielt. Bei ihrem Lieblingsverein sieht und spürt Marietta jedoch, dass die Gefühle der Fans auch von der Mannschaft erwidert werden. Das zeige sich unter anderem daran, wie das Team in jeder Lage aufopferungsvoll kämpft und seinen Tempofußball von der ersten bis zur letzten Minute durchzieht.

7. Dialog

Mit 90 Minuten Vollgas und Anfeuern im Stadion oder vorm Bildschirm ist es nicht getan. Ein guter Club pflegt den Austausch und „hautnahen“ Kontakt mit seinen Fans – und baut dadurch nachhaltiges Vertrauen auf. So landete der Spruch, den Marietta bei einer PR-­Aktion einreichte, tatsächlich auf der Innenseite des Trikots eines ihrer Lieblingsspieler: Marco Reus entschied sich für ihr „Jeder Moment zählt“. Sie schwärmt: „Das Originaltrikot habe ich dann bei einem Meet & greet überreicht bekommen. Das war schon sehr genial, da man ansonsten die Spieler eher nicht trifft.“

Ist das Geheimnis der „echten Liebe“ damit erklärt? Zum Glück nicht ganz.

Diese Analyse stößt irgendwo an ihre natürlichen Grenzen. Denn auch beim Fußball gibt es eine Wahrheit, die auf alle hoch emotionalen Beziehungen zutrifft: Vernunft hat hier nichts zu suchen. Oder wie erklärt man als BVB-­Fan einem Außenstehenden, warum einem bei einer Niederlage gegen den FC Bayern Tränen der Wut und Verzweiflung die Wangen herablaufen und man eine Stunde lang nicht sprechen kann? Überhaupt nicht. Es ist einfach so – und basta. So holt auch Marietta auf die direkte Frage „Warum der BVB?“ nicht zu weitschweifigen Erklärungen aus: „Weil es einfach keinen besseren Verein gibt!“