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25. Mai 2018 / Bericht

Feiern für den Frieden

Das Festival PxP wird mit Tauben und Gitarren symbolisiert

Manche haben die Idee belächelt: Ein Benefizfestival in Berlin, mit Stars wie Cro und Peter Fox, organisiert von zwei Laien. Doch aus der Idee wurde eine der größten Wohltätigkeitsveranstaltungen Deutschlands.

Eine Nachricht am 3. Oktober 2013 veränderte viel im Leben von Tedros Tewelde und Fetsum Sebhat. Die Freunde saßen vor dem Fernseher und schauten die Tagesschau, als der Sprecher von einem Bootsunglück vor Lampedusa berichtete. Hunderte Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea starben damals auf dem Weg nach Europa. „Wir dachten uns: Es kann nicht sein, dass die Welt untergeht und wir dabei zuschauen“, sagt Tewelde. „Auf dem Boot – das hätten wir sein können.“ Denn die beiden Freunde mussten Ende der 1970er-Jahre als Kleinkinder selbst vor dem Krieg in Eritrea fliehen. Das Ziel, das sie damals gemeinsam mit ihren Familien erreichten, war Stuttgart.

Zum Zeitpunkt des Bootsunglücks vor Lampedusa wohnten die beiden schon in Berlin. Hier wollten sie ein Zeichen setzen – mit einem Benefizfestival für Kinder im Krieg und auf der Flucht. So groß wie möglich sollte es werden. Dass sie noch nie etwas Vergleichbares gemacht hatten, war für sie nebensächlich. Sie vertrauten auf das Gelingen ihrer Idee. „Wir sind erstmal losgelaufen und haben das Olympiastadion reserviert“, sagt Tewelde. Berlins größter Fußball- und Musiktempel, in dem sonst weltbekannte Künstler wie U2 oder Depeche Mode vor 70.000 Besuchern auftreten. „Über diese Naivität lachen wir heute noch, aber letztlich war sie einer der Erfolgsfaktoren.“ Wie sehr sie bei der Umsetzung ihrer Idee auch auf das Vertrauen anderer angewiesen sein würden, erfuhren sie erst später.

„Eigentlich war unsere Idee zum Scheitern verurteilt“

Zwei Jahre lang haben sie sechs Tage die Woche für ihr Festival gearbeitet. Ihren Alltag stellten beide währenddessen hintenan: Fetsum Sebhat seine Musikkarriere als Solokünstler, Tewelde sein Modegeschäft in Berlin Mitte. „Wir sind jeden Tag aufgestanden und hatten 20 neue Fragen zu beantworten, die wir uns vorher nie gestellt haben“, sagt Tewelde. Wie findet man einen Ticket-Partner? Was soll im Merchandise verkauft werden? Welche Lizenzrechte sind zu beachten? Wie gewinnt man Stars und Sponsoren für eine gute Sache? Auf all diese Fragen fanden sie Antworten.

Doch dass es überhaupt ein Festival geben würde, war wenige Monate vor dem ersten „Peace by Peace“ (kurz „PP“) völlig ungewiss. Denn kurz vorher kam es in der Silvesternacht 2015 zu Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof, und die deutsche Willkommensstimmung gegenüber Flüchtlingen kippte. Auch den Festivalsponsoren kamen Zweifel. In den ersten Wochen des Jahres zog sich ein Sponsor nach dem anderen zurück. Das war der Moment, in dem auch das Olympiastadion absagte. Die ambitionierten Organisatoren standen wieder bei null. „Die Stimmung hätte kaum schlechter sein können“, sagt Sebhat. Was ihnen blieb: die Zusagen von Peter Fox, Cro, Max Herre und Aloe Blacc. Jetzt galt es, auf diese Namen zu setzen, um weitere Musiker zu gewinnen, neue Sponsoren und einen Veranstaltungsort zu finden. Das schlimmste Szenario waberte zwar immer wieder durch ihren Kopf: kein Festival, kein Geld für die Flüchtlingshilfe, kein Symbol der Solidarität.

Sie glaubten aber weiterhin an ihr Festival. Schließlich kam die entscheidende Zusage. Der Pächter der Waldbühne gleich neben dem Olympiastadion war von dem Projekt überzeugt – und hatte noch einen Termin frei. Viel Zeit blieb jetzt allerdings nicht mehr. „Eigentlich war unsere Idee zum Scheitern verurteilt“, sagt Tewelde. „Wir sind sechs Wochen vor Beginn erst in den Kartenverkauf gegangen. So spät macht das kein anderes Festival auf diesem Planeten.“ Sie scheiterten nicht, im Gegenteil: Drei Wochen nach Verkaufsbeginn waren alle Karten vergriffen.

Kurz darauf, am 5. Juni 2016, erlebten sie den Tag des ersten „PP“-Festivals. „Es war der schiere Wahnsinn, zu sehen, wie die Ränge immer voller wurden“, erinnert sich Sebhat. Unter freiem Himmel feierten mehr als 21.000 Menschen. Auf der Bühne traten unter anderem die Beatsteaks, Seed, Max Herre und Cro auf – und verzichteten allesamt auf ihre Gage. Mit Ticketpreisen von 35 Euro pro Karte und Spenden kam ein Reinerlös von mehr als 400.000 Euro zusammen, der in Hilfsprojekte für Kinder aus Krisenregionen floss. „Das ist viel Geld, aber wir wissen natürlich, dass wir damit nicht die Welt retten. Uns geht es auch um die Symbolwirkung und das Gefühl, gemeinsam für etwas einzustehen“, sagt Tewelde.

So kam es ein Jahr später sogar zur Neuauflage. 2017 auf der Bühne: Künstler wie die Fantastischen Vier, Herbert Grönemeyer und die Beginner. Auch dieses Mal spielten die Bands einen Betrag in ähnlicher Höhe ein. „Besucherzahl und Reinerlös waren am Ende genauso verrückt wie beim ersten Mal“, betont Tewelde.

„Wir haben das nicht gemacht, um Preise zu gewinnen“

„Wir haben mit den beiden Festivals rund 800.000 Euro in zwei Tagen gesammelt“, sagt Tewelde. Das Geld fließt zur Hälfte in Projekte des Kinderhilfswerks UNICEF und kommt unter anderem Kindern in Syrien und den Nachbarländern, im Irak, Südsudan sowie in Nigeria und Somalia zugute. Mit der anderen Hälfte des Geldes fördert der PP Embassy e. V. Projekte, die er gemeinsam mit Partnern auswählt – nicht nur im Ausland. So haben die Veranstalter 2017 zusammen mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Arche 500 Kinder in Berlin mit einem Schulranzenset ausgestattet. „Armut und Ungerechtigkeit machen nicht an Ländergrenzen halt. Auch in Deutschland gibt es Kinder, die mit Plastiktüten zur Schule gehen, weil sie sich nichts anderes leisten können“, sagt Sebhat. „Wenn wir sie durch die Ranzen motivieren können, lieber zur Schule zu gehen, ist schon viel gewonnen.“

Für ihr Engagement sind die beiden Freunde bereits zweifach ausgezeichnet worden. Sie erhielten den Life Entertainment Award und den Verdienstorden des Landes Berlin. „Wir nehmen das natürlich dankbar an, aber wir haben das alles nicht gemacht, um Preise zu gewinnen.“ Viel wichtiger sei ihnen vor allem eine Botschaft: „Ohne einen Vertrauensvorschuss hätte all das nicht funktioniert. Wir waren keine renommierten Festivalveranstalter oder berühmten Künstler. Was wir erreicht haben, kann jeder andere auch schaffen.“