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11. Januar 2022 / Interview

Eine Portion Mut und Vertrauen

Für Isabell Thal gibt es keine Hürden und Mitleid kann sie gar nicht gebrauchen. Die selbstbewusste, mutige Behinderten-Sportlerin hat nur ein Ziel: Die Paralympics in Peking und die Para-WM in Lillehammer 2022. Mit 60 Stundenkilometern und nur fünf Prozent Sehkraft die Pisten im Riesenslalom hinunter zu brettern ist für den „Adrenalin-Junkie“ kein Problem. Netzhautdystrophie lautet der Fachausdruck für das Handicap der 22-Jährigen. Die Bochumerin hat eine Sehkraft von lediglich fünf Prozent, das Innere ihres Sehfeldes ist zerstört. Diese Sehbehinderung ist angeboren, die Diagnose erhielt sie erst im Alter von neun Jahren.

Landessportbund NRW: Wie bist Du trotz Handicap zum Sport gekommen?

Isabell Thal: Trotz meiner Sehbehinderung war ich ein sportbegeistertes Kind, habe alles Mögliche ausprobiert und mit acht Jahren mit Judo begonnen. Bis zur Jugend war ich damit sehr aktiv und habe auch an Wettkämpfen teilgenommen. Zum Skifahren kam ich schon recht früh im Alter von fünf Jahren durch meine Mutter, die hat mich angesteckt. Das waren meine beiden Lieblingsportarten.

Landessportbund NRW: Wie ging es dann weiter mit der sportlichen Laufbahn?

Thal: Ich merkte in der Schule schnell, dass ich nicht schlechter als die anderen war und so entschied ich mich in der Oberstufe für den Sport-Leistungskurs. Dabei habe ich auch meine Liebe zu vielen verschiedenen Sportarten entdeckt. Schnell war für mich klar, dass ich Sportwissenschaft studieren möchte und da hat es dann seinen Lauf genommen. In unseren Gefilden fährt man ja meistens nur ein bis zwei Wochen Ski. Aber in den letzten Jahren habe ich es forciert und richtig Lust auf den Skirennsport bekommen. So kam dann auch schnell der Kontakt zur Nachwuchsmannschaft des Deutschen Para Skiteams Alpin zustande. Seit Anfang 2020 bin ich aktiv dabei.

Landessportbund NRW: Welche Sportlichen Fähigkeiten sind unabdingbar für den Paraski?

Thal: Man benötigt eine sehr gute Koordination und Kraftausdauer sowie ein entsprechendes Körpergefühl. Und es gehört natürlich eine Portion Mut dazu.

Landessportbund NRW: Lass uns konkret darüber sprechen, wie Paraski überhaupt funktioniert…

Thal: Wir haben aufgrund unserer Sehbehinderung einen Guide, der in einer neonfarbenen Weste vorausfährt und uns über ein Headset Kommandos gibt. So wissen wir, wann der Schwung kommen muss oder ob es Bodenwellen gibt.

Landessportbund NRW: Das bedeutet ein großes Maß an Vertrauen, oder? Wie läuft das mit den Guides?

Thal: Ja, die Abstimmung mit dem Guide muss zu hundert Prozent passen. Ich fahre meinem Guide sowohl beim Slalom als auch beim Riesenslalom in der Spur hinterher. Gerade, was den Rhythmus oder Haarnadeln betrifft, erfordert das sehr viel Präzision. Ich bin ein unkomplizierter Typ und komme normalerweise sehr gut mit meinen Guides zurecht. Ohne sie würde das nicht funktionieren und wir sind dankbar, dass wir sie haben.

Landessportbund NRW: Welche Kategorien gibt es und wie sind die Regeln?

Thal: Wir haben im Paraski Alpin drei Kategorien: Sehbehinderte, Steher zum Beispiel mit Beinamputationen und Monoskifahrer. Je nach Behinderung wird die Zeit für einen Lauf mit einem entsprechenden Faktor multipliziert, sodass beispielsweise Blinde gegenüber denen, die noch etwas mehr sehen können, gleichwertige Chancen haben.

Landessportbund NRW: Mit welchen Vorurteilen hast Du zu kämpfen?

Thal: Im Grund sind es keine bösen Vorurteile im eigentlichen Sinne, sondern eher Fragen, die bei den Leuten aufkommen. Zum Beispiel, wie es mit der Selbstständigkeit funktioniert. Doch das geht recht einfach, ich habe auch ein Auslandssemester in Spanien studiert. Oder Fragen, wie man im Alltag zurechtkommt.

Landessportbund NRW: Also zum Beispiel im Studium…

Thal: Bei meinem Studium nutze ich mein Smartphone, es dient mir als Helfer. Ich habe eine Lupe installiert und kann damit Texte stark vergrößern. Bei Klausuren erhalte ich die Aufgaben auf einem USB-Stick, lese den Text auf einem Laptop in Vergrößerung und verfasse dann direkt die Antworten.

Landessportbund NRW: Wie vereinbarst Du Studium und Leistungssport?

Thal: Ich kann mir meinen Stundenplan in meinem Studium sehr flexibel gestalten, sodass ich während des Sommersemesters mehr Kurse belege als im Winter.

Landessportbund NRW: Wie finanzierst Du Deinen Sport und die Lehrgänge?

Thal: Es gibt zum Glück einen sehr guten Support über den Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern und den Deutschen Behindertensportverband, welche auch die Guides finanzieren. Und dann erhalte ich auch Unterstützung über die Sportstiftung NRW. Skipass, einen Teil der Materialkosten und die Unterkunft zum Beispiel werden übernommen, ich habe dann nur noch Kosten für die An- und Abreise.

Landessportbund NRW: Was bedeutet für Dich Inklusion und welche Rolle spielt der Sport dabei?

Thal: Inklusion bedeutet für mich, dass Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt und ohne Vorurteile miteinander umgehen. Dazu gehört meiner Meinung auch, dass man von anderen Menschen weder bemitleidet wird noch gesagt bekommt, was man mit der eigenen Behinderung kann und was nicht. Ich bin überzeugt, dass der Sport ein enormes inklusives Potenzial hat. Besonders auch im Breitensport. Es fördert ein normales Miteinander ohne Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Daher sollte man die Inklusion an Schulen und Vereinen unbedingt vorantreiben. Im Leistungssport ist eine getrennte Wertung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten unabdingbar, da es ja sonst keine Chancengleichheit gäbe.

Landessportbund NRW: Was wünscht Du Dir generell für den Parasport?

Thal: Ich hoffe, dass der Behindertensport weiterhin so positiv in der Öffentlichkeit thematisiert wird, wie in den letzten Jahren bei den vergangenen Paralympics in Tokyo. In diesem Bereich hat sich wirklich viel getan, das Interesse ist enorm gewachsen, finde ich. Also: Weiter so! Die Entwicklung nimmt einen sehr guten Lauf und es wäre schön, wenn das so bliebe.

Landessportbund NRW: Wie steht Ihr im Para-Alpinsport zu Umweltthemen?

Thal: Die Wahrnehmung für Umweltthemen ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden, finde ich. Persönlich verzichte ich weitestgehend zum Beispiel auf das Fliegen und auf Fleischkonsum. An der Uni haben wir im Rahmen eines Ski-Seminars auch über eine umweltfreundlichere Gestaltung dieser Sportart gesprochen, zum Beispiel den Verzicht auf Schneekanonen oder Müllvermeidung in großen Skigebieten.

Landessportbund NRW: Welche Pläne hast Du beruflich und was sind Deine sportlichen Ziele?

Thal: Die Qualifikation und Teilnahme an den Paralympics und die Weltmeisterschaft in Lillehammer stehen an erster Stelle meiner sportlichen Ambitionen. Auch beruflich dreht es sich bei mir alles um den Sport. Nach dem Bachelor in Sportwissenschaften möchte ich den Master anschließen und danach im Sport arbeiten.

 

Das Interview ist erschienen in der Wir im Sport.

Fotos © LSB NRW / Andrea Bowinkelmann

Isabell Thal, Para Ski Alpin, Slalom & Riesenslalom

TSV Kareth Lappersdorf

Trainer und Trainerin: Justus Wolf, Maike Hujara

2021 und 2020 jeweils 3. Platz beim Europa-Cup

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