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12. April 2022 / Interview

Ein Herz für Bienen

Bienen an einem Bienenstock

Lars Meyke arbeitet als Imkermeister bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. In der Abteilung Bienenkunde geht es für ihn um Bienenwirtschaft, Schulungen und Imkerbetreuung. Der Münsteraner lebt seinen Traumberuf, spricht aber auch mal von „Knochenjob“. Im Interview erklärt er außerdem, warum er meist ohne Schutzkleidung zu den Bienen geht und was das Gute an Bienenstichen ist.

Herr Meyke, wie haben Sie Ihre Leidenschaft für das Imkern entdeckt?

Da ich weniger theoretisch, sondern mehr mit meinen Händen arbeiten wollte, habe ich mein Biologiestudium abgebrochen. Bei einer Berufsberatung lernte ich dann den Imkerberuf kennen und fand eine Ausbildungsstelle in Münster. Ich erinnere mich noch genau an den zweiten Tag meiner Ausbildung, als mich mein Ausbilder im praktischen Teil ins kalte Wasser warf: Er schickte mich mit einer Aufgabe an einen Bienenstock. Das war mein erster Kontakt mit einem Bienenvolk und ein einschneidendes Erlebnis: Anfangs war ich noch etwas unsicher, aber dann war es einfach nur schön zu sehen, wie ruhig das Bienenvolk blieb und wie ästhetisch es war. Dieser Moment hat war unbeschreiblich. Seitdem habe ich meinen Traumberuf gefunden.

Sie haben ein gutes Händchen für die Bienen, die natürlich auch stechen können. Warum fällt Ihnen der Umgang mit den Insekten so leicht?

Ich weiß, wie ich an ein Bienenvolk herantreten muss, welche Signale ich aufnehmen muss, was ich zu tun habe. Im Grunde ist es ja Tierhaltung. Wenn man gewisse Kenntnisse mitbringt, entsteht sowas wie Vertrauen in die Bienen. Dabei muss man von vornherein lernen, mit Stichen umzugehen. Eine Imkerei ohne gestochen zu werden, gibt es nicht. Ich sehe das als naturgegeben an. Es ist Kopfsache, sich darauf einzulassen, dass ein Stich schmerzt. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Ein Bienenstich juckt bei mir kaum noch und die Einstichstelle schwillt kaum noch an. Ich gehe auch meist ohne Schutzkleidung – die sich der Laie wie eine Astronauten-Verkleidung vorstellt – an die Bienen heran und ohne Handschuhe.

Warum lassen Sie all das weg?

Ich möchte nah an den Bienen sein. Ich sehe auch besser ohne den Schleier vor den Augen. Die Schutzkleidung trage ich ein oder zwei Mal im Jahr, wenn die Bienen zum Beispiel bei Gewitterlagen nicht so gut gelaunt sind. Wenn ich als Imkermeister mit unseren Auszubildenden arbeite, dann dürfen sie am Bienenstock einen Schleier tragen. Handschuhe sind aber nicht erlaubt. Das mögen manche anders sehen, aber ich lehne das ab. Die Handschuhe lassen wir in unserem Bienenwirtschaftsbetrieb weg, damit wir die Bienen besser fühlen können. Mit Handschuhen würde das Gefühl für die Bienen verloren gehen und die Gefahr wachsen, dass sie bei der Arbeit am Bienenstock gequetscht werden und das möchte ich nicht. Für das Weglassen gibt es also konkrete Gründe, da können mir die Auszubildenden auch vertrauen.

Wann sind Sie zuletzt gestochen worden?

Für ein Projekt mussten wir unlängst ein paar Bienen aus einem Stock entnehmen. Da habe ich ein, zwei Stiche abbekommen. Aber alles gut. Es gibt im Jahr Tage, an denen ich gar nicht gestochen werde, obwohl ich an zahlreichen Bienenstöcken bin, aber auch Tage mit zehn bis 20 Stichen. Je nach eigener Tagesform, Wetter und auch eigenem Zeitpensum ändert sich das. Da zeigen die Bienen schnell, wenn ihnen etwas nicht zusagt.

Wenn Sie am Bienenstock arbeiten – ohne Schleier und Handschuhe, wie viele Bienen bekrabbeln Sie und wie gehen Sie damit um?

Sicherlich ist es anfangs ungewohnt, dass hier und da Bienen über Kleidung oder Haut laufen, wenn wir zum Beispiel Waben und Holzrahmen in den Bienenstöcken bewegen. Das ist aber ganz natürlich. Als Imker lernt man sehr schnell, sie nicht reflexartig wegzuwischen. Man kann die Bienen auch vorsichtig herunterstreichen oder auch mal abschütteln. Sie verletzten sich beim Herunterfallen nicht so schnell, da sie auch eine Art Skelett besitzen. Die Bienen wollen eigentlich gar nichts von mir, sondern ihre Ruhe. Sie gehen ihren eigenen Aufgaben nach. Jeder Eingriff ist auch eine Störung, daher gehe ich so behutsam wie möglich vor. Aber ja, manchmal kommt man ihnen ungewollt in die Quere oder steht im Weg.

Merken Sie bei der Arbeit am Bienenstock, wenn die Bienen entspannt sind und wenn der Moment gerade schwierig ist?

Ich merke, ob die Bienen weiter ihre Arbeit tun oder ob sie sich gestört fühlen und mich eventuell stechen wollen. Das sieht man daran, wie sie fliegen. Das ist schwer zu beschreiben, das ist eher ein eigenes Gefühl, dem ich vertrauen kann.

Haben Sie ein Patentrezept für kritische Situationen mit Bienen beim Imkern, außer sich zu entfernen?

Wenn es nicht an der Art der Arbeit liegt, nein. Bienen sind wilde Tiere. Ich kann ihnen nicht befehlen, wo sie hinfliegen sollen. Wenn sie mit dem falschen Bein aufgestanden sind und schlechte Laune haben – auch wenn das vielleicht zu vermenschlicht dargestellt ist, lässt man sie einfach in Ruhe, sofern man das kann. Manchmal können wir das im Berufsalltag aber nicht, dann setzen wir zur Not auch mal den Schleier ein. Es ist ja nicht so, dass wir gestochen werden wollen.

Ansonsten ist es sicherlich schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Genau. Übrigens: Wenn man häufiger gestochen wird und den Umgang mit dem Schmerz lernt, dann hilft das auch bei anderen Arten von Schmerz, wie zum Beispiel bei Kopfschmerzen oder bei Schmerzen im Bein, wenn man sich gestoßen hat. Klar, all das tut dann immer noch genauso weh, aber man lernt es eher zu akzeptieren und sich nicht dagegen zu wehren. Das ist also vielleicht ein Vorteil, wenn man über die Jahre häufig von Bienen gestochen wird. Wobei der Effekt von Person zu Person auch unterschiedlich sein kann. Ich hatte auch schon mit Imkern zu tun, die sich dauerhaft mit Bienenstichen schwergetan haben.

Sie kümmern sich als Imkermeister um zahlreiche Bienenvölker, darunter um Bienenstöcke auch auf dem Dach des Lotterieanbieters WestLotto in Münster. Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?

Die Saison dauert von März bis September/Oktober. Wir erweitern vor Ort zum Beispiel die Bienenvölker, wenn sie mehr Platz brauchen, oder wir bilden Ableger, damit sie nicht schwärmen. Dafür entnehmen wir Bienen und Waben. Zwei Mal im Jahr ernten wir den Honig. Dann werden Bienenvölker zum Ausgleich eingefüttert. Außerdem müssen wir die Varroamilbe bekämpfen, damit die Bienen über den Winter kommen. Nach der letzten Honigernte setzen wir deswegen zum Beispiel Ameisensäure in den Bienenstöcken ein. Aber auch schon während der Saison unternehmen wir Maßnahmen gegen die Varroamilbe.

Gibt es Momente, in denen Sie merken, dass die Bienen Ihnen dankbar sind für Ihre Arbeit, auch wenn das vielleicht eine überromantisierte Vorstellung ist?

Wenn ich gesunde Bienenvölker sehe, deren Brutnest gut aussieht und die mir auch viel Honig bringen, dann erfüllt mich das mit Freude. Die Bienenhaltung und die Imkerei werden häufig romantisiert, aber es ist ein Knochenjob. Wir müssen schwere Gegenstände tragen und haben teils lange Tage während der Saison. Doch es gibt immer wieder besondere Momente. Zum Beispiel ein schwärmendes Bienenvolk, wenn eine Königin sich also mit einem Teil eines Bienenvolks eine neue Behausung sucht. Da erlebt man ein richtiges Naturspektakel. In solchen Momenten zeigt sich die Schönheit der Natur. Das ist etwas unglaublich Tolles und löst Staunen aus.

Manchmal ist dann aber sicher auch ein Problem, sie wieder einzufangen.

Das gehört dann dazu. Das hat dann auch etwas Sportliches. (lacht) Wir erhalten in unserer Abteilung regelmäßig Anrufe, weil sich Bienen in Häusern in Zwischenwänden eingenistet haben. Das ist natürlich nicht so schön, aber das zeigt, wie wenig natürlichen Lebensraum die Bienen heute noch haben.

Viele Menschen imkern bereits, andere liebäugeln damit. Was würden Sie den Menschen vor diesem Schritt empfehlen?

Man sollte Liebe zur Natur mitbringen sowie bereit sein, sich über Bienen zu informieren und einen Kurs dazu belegen. Schulungen sind wichtig, damit man nicht ins Blaue rein imkert. Die Bienenhaltung ist komplexer als sich einen Hund zu halten. Bienen sind Insekten, die als Superorganismus zusammen ein Bienenvolk bilden. Die Bienen brauchen den Imker und dessen Pflege, ansonsten sterben sie – vor allem wegen der Varroamilbe. Wegen ihr und wegen der stark land- und forstwirtschaftlich genutzten Natur sind die Bienen allein leider nicht mehr überlebensfähig. Ach so, und wer mit dem Imkern beginnt, sollte vielleicht auch Honig mögen.

 

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Imkermeister Lars Meyke an einem Bienenstock
Imkermeister Lars Meyke bei der Bildung eines Kunstschwarms – einer Art der Jungschwarmbildung. Foto: Landwirtschaftskammer NRW – Bienenkunde

 

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Bienen geben Honig, Kühe Milch, Hühner legen Eier. Doch auch auf ganz andere Art können Tiere den Menschen etwas geben: Auf einem Kleinbauernhof in Neheim sind sie zentraler Bestandteil eines Therapiekonzepts für psychisch kranke Menschen. Podcast-Redakteurin Franziska Walser sprach mit dem Leiter des Projekts, Peter Zimmer, über das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier und dessen Bedeutung.