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23. Mai 2022 / Einblick

Ehrenamtlich engagiert auf dem Land

Heimatvereine Erder und Bavenhausen - Gruppenfoto

In der Gemeinde Kalletal im Kreis Lippe fördert eine Dorfhochschule das Miteinander und die ländlichen Strukturen. Koordiniert wird das Projekt vor allem von Melanie Hecker vom Heimatverein Bavenhausen. Hier berichtet sie, warum es erfolgreich, aber auch kein Selbstläufer ist.

Eine Hochschule auf dem Dorf mit ehrenamtlichem Lehrpersonal? Was ungewöhnlich klingt, ist in der Gemeinde Kalletal im Landkreis Lippe Realität. Unter dem Titel „DorV HS – Angebote aus dem Dorf, für das Dorf!“ geht es für die Kursteilnehmenden weniger um theoretische Inhalte als um praktisches Wissen: Fledermauskästen bauen, Kuchen backen mit Kindern vor dem Muttertag, Fahrradschlauch flicken. Die Auswahl ist vielfältig und die Kurse des Heimatvereins Bavenhausen, der hinter dem Projekt DorV HS steht, treffen den Nerv der Menschen vor Ort. Immer wieder freut sich Vereinsmitglied und Projektkoordinatorin Melanie Hecker über erfolgreiche Veranstaltungen: „Ich bekomme viele positive Rückmeldungen. Und was gibt es für ein besseres Lob als einen ausgebuchten Kurs?“

Die zweifache Mutter gehört zum Kernteam des Projekts, das in dem 900 Seelen-Dorf Bavenhausen innerhalb der Gemeinde Kalletal im NRW-Kreis Lippe entstand. Oft setzt die Bavenhausenerin eigene Ideen für die Gestaltung der Kursliste um. Einmal stand sie ratlos vor einem Defibrillator und fragte sich, wie man ihn bedient. Kurze Zeit später gehörte ein Defibrillator-Kurs zum Programm ihrer Dorfhochschule – ehrenamtlich durchgeführt von einem Experten. Auch davon lebt das Projekt: Die Kursleitenden erhalten keine Vergütung, sondern vor allem Dank. Immer wieder kann Melanie Hecker Menschen dafür gewinnen, dass sie unentgeltlich ihr Wissen mit anderen teilen. „Die Zusagen der Dozierenden zeigen mir, dass unsere Ideen gut sind.“ Sie selbst gab auch schon ihr Wissen weiter, indem sie einen Strickkurs anleitete.

„Unser Ziel ist es, die Dorfbevölkerung zusammenzuführen“

Die Dorfhochschule im Kalletal will auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren: „Früher wurde das Wissen innerhalb von Großfamilien weitergegeben. Das gibt es heute kaum noch, viel Gelerntes geht verloren. Daher möchten wir jedem ermöglichen, etwas weiterzugeben. Das Alter spielt dabei keine Rolle“, sagt Melanie Hecker. „Unser Ziel ist es, die Dorfbevölkerung zusammenzuführen, damit nicht jeder für sich puzzelt.“ Es geht um Austausch, Treffen und Vernetzung. Das stärkt das Miteinander. Gleichzeitig steigt die Lebensqualität vor Ort, weil Ehrenamtliche Verantwortung übernehmen und Alltagsangebote stemmen. Somit schaffen sie Strukturen, die weder Wirtschaft noch Behörden in den Regionen anbieten.

Melanie Hecker und ihr Mann Mario, Bürgermeister von Kalletal, haben die Dorfhochschule vor rund vier Jahren gegründet. Von Anfang an konnten sie für den Wissenstransfer auf dem Dorf auf einen wichtigen Kooperationspartner setzen: die Volkshochschule (VHS) Detmold-Lemgo. Die Einrichtung listet die Kurse der Bavenhausener Dorfhochschule im VHS-Kursplan mit auf und koordiniert die Kurs-Buchungen. Das erleichtert die Abläufe für den Heimatverein.

Stiftung fördert die Arbeit der Dorfhochschule

2021 kam weitere wichtige Unterstützung hinzu: Der Verein hat eine Förderung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) erhalten – in Kooperation mit dem benachbarten Heimatverein Erder, der im Vereinsregister eingetragen ist. Somit sind die beiden Heimatvereine im Kalletal nun Teil des Netzwerk-Programms „Engagiertes Land“ und entwickeln gemeinsam die DorV HS weiter. Das DSEE-Programm unterstützt den Aufbau und die Weiterentwicklung von sektorübergreifenden Engagement-Netzwerken. Sein Ziel ist, in strukturschwachen ländlichen Räumen gute Bedingungen für Engagement, Ehrenamt und Beteiligung zu schaffen. „Gerade in strukturschwachen ländlichen Räumen braucht es eine starke Engagement-Kultur mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Dafür stehen die Netzwerke, die wir fördern. Sie ermöglichen, dass sich mehr Menschen engagieren können“, erklärt Rebecca Seuser, Koordinatorin des DSEE-Programms.

Dass die DorV HS zu den Geförderten zählt, kommt nicht von ungefähr, wie Rebecca Seuser berichtet: „Der Heimatverein Bavenhausen in der Gemeinde Kalletal zeigt, dass Netzwerken wirkt. Seine Vernetzungsprojekte geben der dörflichen Kooperation Auftrieb. Zwischen den Gemeinden Bavenhausen und Erder wird so ein Wissensaustausch etabliert, von dem beide Dörfer profitieren.“ Das Projekt sei außerdem so angelegt, dass eine „Blaupause“ für andere ähnlich ländlich geprägte Regionen entsteht. „Gerade in ländlichen Regionen ist das Ehrenamt oft unersetzlich, um das Leben attraktiv zu gestalten und die Dorfgemeinschaft lebendig zu halten“, ergänzt die Programm-Koordinatorin.

Ehrenamt auf dem Land stärker ausgeprägt

Das bestätigt auch die Ehrenamtsforscherin Prof. Dr. Andrea Walter: „Das Ehrenamt trägt in ländlichen Regionen oft dazu bei, dass Angebote der Daseinsfürsorge aufrechterhalten werden können.“ Die Wissenschaftlerin von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW begleitete die Entstehung des Ehrenamtatlas von WestLotto. Der Ehrenamtatlas – So engagiert sich NRW ist die Vermessung des Ehrenamts im größten Bundesland. Sie offenbart die Bedeutung der freiwilligen Arbeit: Rund 214 Stunden im Jahr investieren die ehrenamtlich Engagierten in NRW für die Sache. Mehr als 19 Milliarden Euro ist das Engagement wert, wenn man alle Ehrenamtlichen in NRW mit einem Mindestlohn von zwölf Euro die Stunde bezahlen würde.

In ländlichen Regionen ist ehrenamtliches Engagement also häufig besonders wichtig – und laut Ehrenamtatlas im Vergleich zu urbanen Gegenden stärker ausgeprägt: Die Menschen springen häufiger ein, um Lücken zu füllen. Das zeigt sich auch im Kalletal, wo die Heimatverein-Kurse einen wichtigen Beitrag zum Dorfleben leisten. Mit der Förderung durch die DSEE – bis zu 20.000 Euro im Jahr – können die Heimatvereine Erder und Bavenhausen ihr Angebot qualitativ weiterentwickeln und nun unter anderem technisches Equipment anschaffen, zum Beispiel ein Whiteboard, ein Mikrofon und Lautsprecher. Außerdem plant der Verein den Aufbau einer eigenen Homepage.

Die Folgen der Corona-Pandemie überwinden

Die Ehrenamtlichen nehmen jede Unterstützung dankend an. Denn ein Selbstläufer ist die Dorfhochschule nicht. Wegen der Corona-Pandemie mussten in den vergangenen zwei Jahren viele Veranstaltungen ausfallen. „Es wird schwierig, die Leute wieder alle zu erreichen und die Kurse im gleichen Umfang wie vor Corona anzubieten“, sagt Melanie Hecker. Das deckt sich auch mit den Ergebnissen aus dem Ehrenamtatlas. Demnach investiert rund die Hälfte der freiwillig Engagierten seit dem Ausbruch der Pandemie weniger Zeit in ein Ehrenamt.

Melanie Hecker hofft, dass es im Alltag bald wieder dauerhaft ohne Beschränkungen geht. „Wir wollen vor allem wieder das Niveau von vor der Corona-Pandemie erreichen und unser Angebot langfristig aufrechterhalten. Das ist schwierig genug.“ Aber sie ist optimistisch und engagiert sich zusammen mit den anderen Vereinsmitgliedern weiter für ihr Erfolgsprojekt, die Dorfhochschule.

Foto: Hecker

Die Vermessung des Ehrenamts in NRW

Wie viel ist die ehrenamtliche Arbeit in NRW wert? Wo engagieren sich die Menschen am stärksten? Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie? Der WestLotto-Ehrenamtatlas gibt umfassende Antworten mit eindrucksvollen Zahlen.