Vertrauen teilen:
1. Juni 2018 / Einblick

Eher Muschel als Nuss

Illustration "Vertrauen": Mensch steigt aus Muschel.

Je unangenehmer das Thema, desto schwieriger ist es, darüber zu sprechen. Wie schaffen es Berater für Lebenskrisen, Betroffene nicht zu „knacken“ – sondern behutsam dazu zu bringen, sich selbst zu öffnen?

Konfliktberater – über Kompetenz lässt sich nicht streiten

Privates und Berufliches trennen: Diese goldene Regel gilt für die meisten Menschen – jedoch nicht für Gerhard L. Wo Paare sich entfremdet haben, Menschen miteinander nicht mehr weiterwissen, sich Schimpfwörter an den Kopf werfen, beginnt sein Job. Auf Konfliktberater wie ihn warten in Deutschland hunderttausende Fälle. Ob Freunde, Nachbarn oder Kollegen, Konfliktberater, zum Beispiel von der Caritas, zeigen ihnen Wege aus der Krise auf.

Oft ist es zunächst eine zaghafte E-Mail, mit der die Konfliktparteien Gerhard L. ins Vertrauen ziehen. Mit seiner Antwort ermutigt er sie, sich ein Herz zu fassen und zu einem persönlichen Termin vorbeizukommen. Zuerst einzeln, dann zusammen. So wird in kleinen Schritten Vertrauen aufgebaut oder wiederhergestellt. Ein Anfang ist gemacht.

Caritas-Berater wie Gerhard L. haben zumeist einen sozialpädagogischen, psychologischen oder pflegerischen Hintergrund. Oft sind es aber auch Rentner mit viel Lebenserfahrung oder sie haben selbst einen gravierenden Konflikt überstanden.

Ein guter Konfliktberater versteht es, emotionsgeladene Situationen nüchtern zu betrachten und in die richtige Perspektive zu rücken. Er weiß, dass aufmerksames Zuhören bereits ein Teil der Therapie ist. Denn sich etwas von der Seele zu reden, was man schon länger mit sich herumträgt, hat immer eine befreiende Wirkung.

Suchtberater – professionelle Hilfe beim zweiten Schritt

Irgendwo zwischen Trotz und Misstrauen liegt die Einstellung, mit der die Besucher von Helene B. zu ihr kommen. Für viele war der Weg hierher lang; führte oft durch Jahre, die mit Gruppenzwang auf dem Schulhof begannen, in denen Debatten mit Familie und Freunden an den Kräften zehrten und teilweise sogar Krankenhausaufenthalte nötig waren. Helene B.
ist Suchtberaterin bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart e.V., kurz „eva“. Hier bietet sie Kurse zur Tabakentwöhnung an.

Viele der Hilfesuchenden reagieren sehr überrascht, dass B. ihnen keinerlei Vorwürfe macht, sondern sie als ganz „normale“ Menschen behandelt. So können sie sich entspannen und sich der Expertin schließlich rückhaltlos anvertrauen.

Als Suchtberaterin wendet Helene B. ein Konzept an, das sie in ihrem psychologischen Studium mit suchttherapeutischer Zusatzqualifikation gelernt hat: Halte dich am Anfang mit Kritik sehr zurück. Später, wenn das Vertrauensverhältnis gefestigt ist, kann man dann auch schon mal „Klartext“ reden, ohne dass der Patient das übelnimmt.

Zudem besitzt B. – wie andere Suchtberater – eine natürliche Neugier für Menschen und das, was in ihnen vorgeht. Entgegen der allgemeinen
Vorstellung ist es ein Geben und Nehmen: Auch sie als Beratende lernt durch diese Erfahrungen für ihr eigenes Leben.

Schülerberater – das „Du“ und ein offenes Ohr anbieten

Felix J. versucht, am Telefon eine Vertrauensbasis zu Menschen aufzubauen, die ihn nie gesehen haben. Das Wichtigste dafür: Alles, was sie erzählen, ist absolut anonym. Gerade ist Alice am Apparat. In der Schule meldet sie sich häufig krank. J. ist der erste, der den Grund erfährt: In ihrer Klasse wird sie ausgegrenzt. Ein Fall für die „Nummer gegen Kummer“, bei der Schüler ihre Sorgen mit erfahrenen Beratern wie Felix J. teilen können.

Das funktioniert ganz einfach: Sie wählen die entsprechende Nummer und sprechen mit jemandem, der erst einmal nichts tut als sehr gut zuzuhören.

Wie seine Kollegen ist auch Schülerberater J. ehrenamtlicher Mitarbeiter. Seine Beratungsstunden sind in kleinere Blöcke eingeteilt. Dabei ist er für die Dauer des Gesprächs zugleich Freund und Autoritätsperson. Mit der Kraft der Stimme vermittelt er Verständnis, Anteilnahme und Hoffnung. Anteilnahme, das klingt eher so: „Also, was können wir da machen“ – als so: „Also, das musst du so machen“.

Gemeinsam mit Alice arbeitet er eine Erkenntnis heraus, die die Schülerin aufbaut: Wer heute als cool gilt, ist später oft unter den Verlierern. Und diejenigen, die heute ignoriert werden, leiten später vielleicht ihr eigenes Unternehmen. Das hebt das Selbstwertgefühl der Anruferin. Zum Glück: Andere, die über extremes Mobbing klagen, hat Felix J. dagegen teils schon auf den Wechsel der Schule vorbereitet.