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7. Mai 2018 / Interview

Christ sein und Lotto spielen

Um Geld spielen, das große Glück suchen – ist das mit christlichen Werten vereinbar? Die katholische Kirche hat darauf eine eindeutige Antwort.

Es ist die Lizenz zum Träumen – Glücksspiele faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. Allein in NRW nehmen jede Woche Millionen Tipper an den Ziehungen der staatlichen Lotterien teil. Schon mit einem kleinen Einsatz haben sie die Chance auf den großen Gewinn. Doch was sagt eigentlich die Kirche dazu? Ist es ethisch und moralisch in Ordnung, um Geld zu spielen? Dürfen sich Christen am Glücksspiel beteiligen? Genau diese Frage wird auf Initiative des Düsseldorfer Kreis, einem Zusammenschluss von Verantwortlichen aus Glücksspielanbietern, Suchthilfe, Wissenschaft und Beratung, auch auf dem 101. Katholikentag in Münster diskutiert.

Dr. Klaus Winterkamp (52), Domkapitular am St.-Paulus-Dom in Münster, hat darauf eine eindeutige Antwort. „Ja, auf jeden Fall“, sagt der Geistliche. „Spielen in ganz verschiedenen Formen gehört zum Leben dazu und ist sogar wichtig und lehrreich für uns. Wenn gewisse Spielregeln beachtet und Rahmenbedingungen eingehalten werden, spricht nichts dagegen, sein Glück zum Beispiel auch mal bei Lotterien zu versuchen.“ Welche Beziehung genau die Kirche zum Glücksspiel hat, erklärt der Domkapitular im Interview mit WestLotto.

WestLotto: Herr Dr. Winterkamp, was verbindet die Kirche mit Glücksspiel?

Die Kirche hat schon immer auch selbst Lotterien veranstaltet. So gab es in verschiedenen Bistümern nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel Dombaulotterien, mit deren Hilfe Gelder für den Wiederaufbau und zur Unterstützung von guten Zwecken generiert wurden. Zur Förderung von gesellschaftlichen Zwecken erhalten verschiedene Organisationen der Kirche Mittel, die aus den Spieleinsätzen bei den staatlichen Lotterien stammen.

Selbst der Papst organisiert jedes Jahr eine eigene Lotterie, bei der Menschen aus der ganzen Welt mitspielen können. Haben Sie schon mal ein Los gekauft?

Nein, bisher noch nicht. Aber ich versuche mein Glück ab und zu wie viele andere auch beim normalen Lotto. Außerdem spiele ich leidenschaftlich gerne Doppelkopf. Das macht natürlich besonders viel Spaß, wenn es auch etwas zu gewinnen gibt, also um Geld geht.

Welche Bedeutung hat das „Spielen“ generell in unserer Gesellschaft?

Es gehört von Kindesbeinen an dazu und hat auch einen festen Bestandteil im Glauben. Wir alle sind Kinder Gottes. Aus theologischer Sicht dürfen wir spielerisch vor Gott da sein. Das ist ein großes Privileg.

Was beinhaltet das? Gehört dazu auch die Teilnahme an Glücksspielen?

Die katholische Kirche ist keine Verbotskirche, die den Menschen pauschal etwas verbieten möchte. Solange es um den Spaß am Spiel geht, gibt es da keine Einschränkungen. Ethisch bedenklich wird es dann, wenn es darum geht, den anderen mit linken Methoden auszunehmen oder Menschen in eine prekäre Lage gebracht werden. Auch die Dosis ist – wie bei vielen anderen schönen Dingen im Leben – entscheidend. Deshalb sind Prävention und Schutzmaßnahmen so wichtig.

Ein striktes Verbot von Glücksspiel zum Beispiel wäre auch gar nicht förderlich, da dieser Schuss garantiert nach hinten losgeht und sich die Aktivitäten nur in einen Grau- oder Schwarzmarkt verlagern würden. Das heißt aber nicht, dass jeder machen kann, was er will. Das ist eine Frage der Regulierung.

Welche Rolle spielen Normen und Werte?

Es gibt auf jeden Fall ethische Grenzen, die eingehalten werden müssen. Wenn Anbieter nur darauf ausgerichtet sind, den Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen und in Kauf nehmen, Süchte zu fördern, ist das definitiv nicht in Ordnung. Da ist die Kirche in ihrer Morallehre eindeutig.

In manchen Ländern werden Heilige eingeschlossen, wenn es zum Beispiel um die Voraussage der richtigen Lottozahlen geht. Welchen Einfluss hat der Glaube beim Thema Glück?

Sicherlich sind Lotterien vor allem bei der Auswahl der Zahlen oftmals mit sehr großen persönlichen Glaubenssätzen verbunden. Der kirchliche Glaube selbst hat für das Glücksspiel aber keine Bedeutung. Da können auch keine Heiligen helfen. Ich spiele nicht besser Doppelkopf oder habe mehr Glück bei Lotterien, weil ich in der Kirche engagiert bin. Das ist und bleibt Zufall.

Der Glücksspielmarkt wächst rasant, das Angebot wird immer größer. Das sieht man nicht nur an der Vielzahl der Wettbüros in der Stadt, sondern auch im Internet, wo immer wieder neue Anbieter auf den Markt drängen. Sehen Sie Herausforderungen bei dieser Entwicklung?

Diese Angebote bergen oft das Risiko, dass sie Leichtgläubige ansprechen, die hoffen, das schnelle Glück zu machen. Wenn man auf dieser Klaviatur spielt und sich bespielen lässt, besteht die Gefahr des missbräuchlichen Umgangs mit dem Angebot. Da ist Achtung geboten. Das Internet macht nicht Halt vor Grenzen oder Nationen, deswegen sind eindeutige Richtlinien wichtig.

Muss sich am Status quo aus Ihrer Sicht etwas ändern?

Das ist natürlich keine Sache der Kirche, sondern da müsste die Politik eingreifen. An viele Stellen wäre eine stringentere Regulierung sicherlich angebracht, um die Verbraucher zu schützen.

Der Düsseldorfer Kreis setzt sich für eine Verbraucherschutzorientierte Glücksspielregulierung für Deutschland ein. Was halten Sie davon?

Gerade wenn wir an einige weniger seriöse Anbieter auf dem Markt denken, ist diese Herangehensweise genau die richtige. Mit allen Bereichen, die das Glücksspiel umfasst und mit wissenschaftlicher Begleitung.

Welche Rolle spielt dabei das Vertrauen zu einem Anbieter?

Vertrauen ist die Grundlage jeder Beziehung. Auch zu Gott. Vertrauen ist das, wovon unser Glaube lebt. Als Christen vertrauen wir darauf, dass Gott es gut mit uns meint und für mich und mein Leben das Beste will. Mit diesem Grundvertrauen in Gott und Jesus Christus können wir uns fallen lassen.

Sie haben eben schon angesprochen, dass die Kirche auch von Geldern von den staatlichen Lotteriegesellschaften profitiert. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Wir arbeiten da ganz bewusst nicht einfach mit irgendeinem Anbieter aus dem Glücksspielbereich zusammen, sondern nur mit den staatlichen Lotteriegesellschaften, weil wir uns da auf ein größtmögliches Maß an Sicherheit und Transparenz verlassen können. Das ist auch deshalb wichtig, weil diese Zusammenarbeit immer dem guten Zweck dient. Nicht zuletzt setzen wir die Gelder im karitativen Bereich der Kirche, zum Beispiel bei der Caritas, auch zu Präventionszwecken und in der Suchthilfe ein.

 Warum ist Prävention wichtig?

Prävention ist ja nicht nur im Suchtbereich wichtig, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen. Wenn wir vorbeugen und nicht erst dann eingreifen, wenn etwas passiert ist, ersparen wir uns auf lange Zeit gesehen viele gesellschaftliche Probleme und negative Folgen für die Betroffenen. Deswegen müssen wir gut informieren, vorsorgen und viel Präventionsarbeit leisten.

 

Einladung zur Podiumsdiskussion

Dürfen sich Christen am Glücksspiel beteiligen?  Ist es moralisch und ethisch vertretbar um Geld zu spielen? Und was sagt die Kirche dazu?
Diese Fragen erörtern hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Suchtforschung, Wohlfahrt und Kirche bei einer Podiumsdiskussion am Rande des 101. Katholikentag 2018 in Münster.

Wann und wo?
Die Podiumsdiskussion „Dürfen sich Christen am Glücksspiel beteiligen?“ findet nächsten Freitag, den 11. Mai, von 14 bis 15.30 Uhr im Saal 1 des Liudgerhaus (Überwasserkirchplatz 3) in Münster statt. Der Eintritt ist frei.

Gäste:
Staatssekretär Nathanael Liminski, Chef der NRW-Staatskanzlei
Josef Leenders, Domkapitular am St.-Paulus-Dom in Münster
Andreas Kötter, Geschäftsführer von WestLotto
Prof. Dr. Gerhard Bühringer, Suchtforscher
Verena Fieke, Diplom-Sozialpädagogin bei der Caritas-Beratung für Glücksspielabhängige

Moderator:
Thomas Seim, Chefredakteur der Neuen Westfälischen

 

 

 

Dr. Klaus Winterkamp, Diözesanbeauftragter für den Katholikentag 2018 und Domkapitular am St. Paulus Dom in Münster (Foto: Dietmar Kattinger)