Vertrauen teilen:
17. Dezember 2018 / Einblick

Game Changer

Zehntausende Fans auf der Tribüne feuern ihre Stars an, doch statt Fußball oder Handball spielen diese Konsolenspiele. eSports gewinnen immer mehr Anhänger. Profi-Klubs wie Schalke 04 oder der VfL Wolfsburg haben bereits eigene Teams, auch Fußballstar Mesut Özil gründet derzeit eins. Hans Jagnow vom eSport-Bund Deutschland e. V. (ESBD). erklärt, welchen Herausforderungen sich die Szene gerade stellt und welche Rolle das Thema Vertrauen dabei spielt.

Herr Jagnow, was macht die Faszination von eSport aus?

Mehrere Faktoren spielen eine Rolle. Einer der größten ist das Digitale, das gerade für die Generation wichtig ist, die mit der Technik großgeworden ist: In vielen Lebensbereichen sind wir heute daran gewöhnt, Dinge immer und überall tun zu können. Hier fügt sich eSport nahtlos ein. Ein zweiter Punkt: eSport lässt uns selbst über uns hinauswachsen – er lässt uns Fähigkeiten zeigen, die wir vielleicht aufgrund von physischen oder sozialen Einschränkungen im traditionellen Sport nicht beweisen können. Es gibt bedeutende Athleten im eSport, die wegen körperlicher Einschränkungen auf dem Schulhof nicht mitkicken konnten. Im eSport finden sie eine Community, die nicht nur deutschlandweit, sondern international aufgestellt ist. Im eSport gibt es keine Grenzen. Athleten aus aller Welt spielen in einem fairen und respektvollen Wettbewerb mit- und gegeneinander. Es geht um Selbstverständnis: sein zu können, wer ich will, leisten zu können, was ich will, und das überall dort, wo ich will.

Was Sie beschreiben, passt nicht zum klassischen Bild vom Gamer, einem lichtscheuen Jugendlichen inmitten leerer Pizza-Kartons. Wo liegen die Unterschiede zwischen Gaming und eSport?

eSport ist ein Teilbereich des Gamings, der zum Teil nach eigenen Regeln verläuft. Bei eSport handelt es sich im Gegensatz zum klassischen Gaming – also die ganze riesige Bandbreite von Videospielen, egal ob Einzel- oder Mehrspieler, egal ob Tablet, Konsole oder Computer – um Wettkämpfe, die nach immer gleichen Rahmenbedingungen ablaufen, wodurch einzelne Runden vergleichbar werden.

Wie können Spieler und auch Zuschauer trotz bislang fehlender einheitlicher Regularien darauf vertrauen, dass bei den Spielen alles mit rechten Dingen zugeht?

Grundsätzlich basiert die Programmierung jedes eSport-Titels auf dem Prinzip der Gleichberechtigung: Das heißt, dass für alle Mitspieler gleiche Bedingungen herrschen. Wie wichtig das ist, zeigt sich daran, dass Spiele, die dem nicht entsprechen – etwa mit käuflichen Spielvorteilen, sogenanntem „Pay to win“ –, von den Fans in öffentlichen Debatten klar als solche benannt werden. Das kann bis hin zum Shitstorm führen. Auch bei den Veranstaltungen gibt es inzwischen ausgefeilte Maßnahmen, die einen geordneten Ablauf garantieren: Für Turniere legen Veranstalter Regeln fest – zum Teil in sehr umfangreichen Katalogen. Sie werben damit, besonders zuverlässig und integer zu sein, was sich einige auch extern zertifizieren lassen. Dazu arbeiten sie mit der Esports Integrity Coalition zusammen, einer unabhängigen Organisation, die den Wettmarkt beobachtet und vor Matches Doping-Kontrollen durchführt. Spieler dürfen aus Manipulationsgründen zum Beispiel auch oft nicht ihre eigene Hardware mitbringen. Eine andere Maßnahme ist es, zu überprüfen, dass sie keine USB-Trägermedien bei sich tragen. Bei großen Events kümmern sich zudem inzwischen mannstarke Technikerteams um die Netzwerksicherheit und wehren Angriffe ab.

Kann eSport dabei von klassischen Sportarten lernen?

Ich glaube, eSport lernt – im Guten wie im Schlechten – vom traditionellen Sport. Einerseits sehen wir die Probleme: Doping ist ein Thema, hinter dem System steckt und mit dem der traditionelle Sport aus meiner Sicht nicht allzu ehrlich umgeht. Dies ist für den eSport ein klares Bild, wie man nicht werden möchte, weil man als neue Sportart den Vorschuss von Vertrauen und Integrität gleich wieder zerstören könnte. Hier muss von Vornherein gegengesteuert werden. Dabei schauen wir natürlich auf Gegenmaßnahmen, die im traditionellen Sport dagegen schon entwickelt wurden. Eine Dopingkontrolle etwa muss man nicht neu entwickeln.

Inwiefern kann umgekehrt auch der traditionelle Sport dazulernen?

Ganz deutlich in Sachen Digitalisierung; etwa, neue Kommunikationsformate zu verwenden. Damit meine ich etwa das Streaming, das eSport großgemacht hat. Hiervon kann traditioneller Sport lernen, der oft exklusiv wirkt; denken wir nur an die Diskussion über Bundesliga-Übertragungsrechte. Zudem sammelt eSport seit 20 Jahren Erfahrung damit, wie man Manipulation verhindert und Sicherheit schafft. Das, so glaube ich, wird für den traditionellen Sport überall dort spannend, wo digitale Ergänzungen in die sportliche Leistungsbewertung hineinwirken: Formel-1-Autos etwa sind hochdigitalisierte Gefährte, auch Torlinientechnik erfordert IT-Sicherheit.

Zur Person

Hans Jagnow ist Präsident des eSport-Bundes Deutschland e.V. (ESBD). Der studierte Jurist arbeitet seit Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Thema Digitalisierung und Netzpolitik im Abgeordnetenhaus von Berlin.