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27. November 2020 / Einblick

„Die Orte entscheiden, ob ich sie besuchen darf oder nicht“

Inklusionsaktivistin Laura Gehlhaar über teure Hotlines für Rollstuhlfahrer, fehlende Gesetze für mehr Teilhabe und darüber, wie Barriefreiheit aussehen sollte.

Laura Gehlhaar schreibt Bücher über ihr Leben im Rollstuhl und betreibt im Internet ein Blog. Dort kritisiert sie, dass die Voraussetzungen für Menschen mit Behinderung in Deutschland vielfach schlecht sind – trotz aller Verbesserungen, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat. Verantwortlich dafür sei die Politik. Auf Reisen habe sie Beispiele gesehen, wie es besser funktionieren könnte.

Frau Gehlhaar, was bedeutet Barrierefreiheit für Sie?

Manche Menschen sagen, Barrierefreiheit beginne im Kopf. Ich mag diese Aussage nicht. Barrierefreiheit bedeutet die Umsetzung von ganz konkreten Dingen. Es geht nicht nur um Rampen und Aufzüge – eben alle baulichen und infrastrukturellen Dinge, die rollstuhlfahrende Menschen betreffen. Das ist Rollstuhlgerechtigkeit.

Barrierefreiheit bedeutet darüber hinaus zum Beispiel in Bahnhöfen, dass es auf den Böden Blindenmarkierungen gibt, dass die Durchsagen regelmäßig kommen, dass die Durchsagen auch verständlich sind und Blinde oder Sehbehinderte sie hören und verstehen können. Auf den Öffnungsknöpfen der neuen U-Bahntüren ist inzwischen meist in Blindenschrift das Wort „Open“ oder „Öffnen“ geschrieben. Darüber hinaus ist es in den neuen Bahnen sehr hell, und auch die digitalen Anzeigen in der neuen U-Bahn sind hell und farbdifferenziert gestaltet. Das ist großartig.

Was zeichnet zum Beispiel eine barrierefreie Serviceseite im Internet aus?

Dazu kann ich ein Beispiel geben, wie eine Internetseite nicht aussehen sollte: Ich bin ein großer Fan von Celine Dion und wollte zu einem Konzert gehen, als ihre Tour wegen Corona noch nicht abgesagt worden war. An die Karte zu kommen, war eine Tortur. Auf der Anbieterseite konnte ich nicht auswählen, dass ich einen Rollstuhlplatz brauche. Es gab neun Sitzkategorien, die man anklicken konnte, um die Karte zu kaufen. Aber ich habe meine Kategorie nicht gefunden. Dann habe ich weiter runtergescrollt, und irgendwann sah ich in einem sehr langen Textfeld, dass Rollstuhltickets nur über die Hotline reserviert und gekauft werden können. Hinter der Telefonnummer stand in Klammern: 60 Cent pro Anruf. Mir kommen bei so was mehrere Gedanken. Vor allem frage ich mich: Warum taucht meine Gruppe ganz unten in irgendeinem Fließtext auf? Das ist nicht barrierefrei. Telefonate sind auch nicht barrierefrei, und zu allem Überfluss muss man auch noch Geld für den Anruf zahlen. Das ist eine Katastrophe.

Was würde den Alltag für Menschen mit Behinderung wirklich erleichtern?

Was wir brauchen sind starke Gesetze, die auch umgesetzt werden. Wir wollen von der Politik nicht nur an den Tisch gelassen werden zum Mitreden. Ich würde am liebsten etwas ganz Neues daraus kreieren, dass von Anfang an so viele diverse Menschen mit ihren diversen Erfahrungen, Meinungen, Expertisen an diesen Tisch kommen und unsere Demokratie aufrechterhalten.

Sie sehen die Verantwortung also in der Politik?

Ja! Seit diesem Jahr dürfen endlich auch Menschen wählen, die offiziell als lernbehindert gelten, und psychisch Kranke, die einen Vormund haben, der für sie gewisse Dinge regelt. Auch diese Menschen dürfen jetzt endlich unsere Gesellschaft und Politik mitgestalten. Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Aber es ist ein Graus, was die Politik alles nicht macht. Das zeigt sich unter anderem am Mangel an barrierefreien Serviceseiten, wie den eben beschriebenen Ticketshop. Ein entsprechendes Gesetz würde Anbieter dazu zwingen, das zu ändern.

„Ein starkes Antidiskriminierungsgesetz wirkt.“

Sieht die Situation in anderen Ländern besser aus?

Ich arbeite mehrmals im Jahr in London. In Großbritannien gilt seit einigen Jahren das Gesetz, dass Menschen mit Behinderung den gleichen Service erhalten müssen wie Nicht-Behinderte. Wenn ein Unternehmen oder ein Anbieter dagegen verstößt, ist das gesetzeswidrig. Ich war vor einiger Zeit in den USA. Dort habe ich die beste Erfahrung meines Lebens gemacht. In Colorado konnte ich überall hingehen, wo ich wollte, ohne mir einen einzigen Gedanken machen zu müssen. Es gab immer einen barrierefreien Zugang, es war immer eine Rollstuhltoilette vorhanden – natürlich, weil das in den USA Gesetz ist. Ein starkes Antidiskriminierungsgesetz wirkt.

Wie wirkt sich so ein Gesetz konkret aus?

Die schönste Erfahrung für mich in den USA war, dass ich durch die Voraussetzungen jeden Tag viele andere Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen gesehen habe. Das hat mich so befreit, weil ich mich erstens nicht so alleine und zweitens gleichberechtigt gefühlt habe mit allen anderen Leuten. Die Erfahrung, dass ich in den USA die Orte aussuche, die ich besuche, hat mich befreit. Hier in Deutschland zum Beispiel ist es so, dass die Orte aussuchen, ob ich sie besuchen darf oder nicht. Das macht mich ganz klein. Manche Menschen mit Behinderung in Deutschland werden dadurch lethargisch.

Was meinen Sie damit?

Man wird in Deutschland zu sehr viel Dankbarkeit erzogen. Ich rege mich zum Beispiel auf, dass ich als Rollstuhlfahrerin nicht in jedes beliebige Kino gehen kann. Dann heißt es ganz schnell: „Aber Laura, sei doch froh, dass du wenigstens das Cinestar besuchen kannst.“ Wenn du das dein Leben lang hörst, macht das etwas mit dir. Das Selbstbewusstsein wird von außen gedrückt. Du wirst zum Beispiel schon als behindertes Kind auf eine Sonderschule geschickt, während in den USA alle Kinder an regulären Schulen unterrichtet werden.

Was kann ich als einzelne Person machen?

Ich höre da ein bisschen Ihre Hilflosigkeit heraus. Ich kann verstehen, dass wenn ich mich als behinderte Frau hinstelle und über Alltagsdiskriminierungen spreche, Nicht-Behinderte ganz schnell denken: „Oh nein, aber wie soll ich das machen? Was kann ich denn tun?“ Dahinter steckt ein großer Konflikt. Die Verantwortung dafür liegt aber an sich bei der Politik. Es gibt Gesetze, es gibt Richtlinien, es gibt Grundrechte, und diese Grundrechte werden oft nicht eingehalten – zum Beispiel, dass kein Mensch wegen seiner Behinderung benachteiligt oder diskriminiert werden darf.

Was heißt das für das Miteinander im Alltag?

Es geht um Teilhabe und darum, die Menschen einzubeziehen – also um Inklusion. Und Inklusion fängt im Kindergarten an. Stellen wir uns einfach mal vor, es gäbe keine Sonderschulen und behinderte wie nicht-behinderte Kinder würden miteinander aufwachsen, miteinander in die Schule gehen, sie hätten auf einmal die gleichen Bildungschancen! Behinderte Kinder könnten mittlere Reife machen, Abitur machen, könnten dann genauso nach Ausbildungs- und Studienplätzen suchen wie Nicht-Behinderte. Sie hätten dadurch eine bessere Chance, auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Das Straßenbild würde sich ändern. Die Menschen in den entscheidenden Positionen würden auf einmal sehen: „Jetzt kommen die ganzen Behinderten, jetzt müssen wir handeln.“

„Menschen sind verschieden. Und das ist gut so.“

In Ihrem Buch „Kann man da noch was machen? – Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“ schreiben Sie zum Beispiel über ein Kind, das Ihnen unangenehme und zu viele Fragen stellt. Was sollten Eltern ihren Kindern Ihrer Meinung nach sagen?

Dazu habe ich unterschiedliche Meinungen. Ich finde es immer schwierig, wenn Eltern sagen: „Geh doch mal zu der Frau und frag sie.“ Nein. Sie sollen dem Kind beibringen, dass es unterschiedliche Körper gibt. Es gibt große Menschen, es gibt alte und junge Menschen, Menschen, die laufen können, die nicht laufen können. Menschen sind verschieden. Und das ist gut so. Das ist eine total einfache Antwort.

Welche positiven Entwicklungen sehen Sie?

In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Es wird viel mehr darüber gesprochen, auch von den Behinderten selber. Sie sind generell lauter geworden. Und das ist gut so. Ich bin unglaublich stolz, Teil dieser Bewegung zu sein und sie mit voranzutreiben. Ich glaube, dass es sich irgendwann Unternehmen gar nicht mehr leisten können, behinderte Menschen strukturell auszuschließen.

 

Fotos: Marco Ruhlig

Zur Person

Laura Gehlhaar ist Autorin, Aktivistin, Feministin und Coach. Sie schreibt und publiziert vor allem zum Thema Barrierefreiheit und setzt sich für eine stärkere Inklusion von Menschen mit Behinderungen ein. Gehlhaar gilt als kritisch und streitbar und wird häufig zu Talkshows eingeladen. Sie wurde 1983 in Düsseldorf geboren und lebt in Berlin.

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