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26. Februar 2021 / Einblick

„Die intellektuelle Hürde ist hoch“

Der Weg zu legalem Glücksspiel im Netz soll leichter werden. Das verspricht der neue Glücksspielstaatsvertrag. Ob die Gesetzgebung ihr Ziel erreicht, erklärt Linus Weidner vom ‎Institut für Glücksspiel und Gesellschaft (GLÜG) an der Bergischen Universität Wuppertal.

Ob Online-Glücksspielangebote legal oder illegal sind, war bisher für den Konsumenten schwer ersichtlich. Welche Verantwortung kommt ihm bei der Auswahl eines Anbieters zu?

Ich sehe durchaus das Problem, dass die „intellektuelle Hürde“ für den Konsumenten derzeit sehr hoch ist. Dieses Problem wird mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag eher größer als kleiner. Man braucht ein gewisses Vorwissen und eine relativ große Bereitschaft, sich mit dem Thema zu beschäftigen, um als Konsument beurteilen zu können, welches Angebot legal ist. Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen dazu neigen, sich auf relativ einfache Heuristiken zu verlassen, sobald die Entscheidungen zu schwierig erscheinen oder die zur Auswahl stehenden Optionen zu vielfältig werden. Wenn sich der Konsument also für ein legales Glücksspielangebot entscheiden will, wird er bei der Nutzung einer Suchmaschine mit einer derart großen Zahl an Angeboten konfrontiert, dass genau dieser Fall wahrscheinlich ist. Wenn es für den Konsumenten vollkommen unklar ist, welches Angebot nun für ihn legal und welches illegal ist, dann wird er sich vermutlich für jenes entscheiden, das mit dem geringsten Aufwand zu erreichen ist. Dies ist üblicherweise das Angebot, das an erster Stelle in der Suche auftaucht. Damit geht neben dem Problem des potenziell illegalen Spiels auch die Gefahr einher, dass ein solches Entscheidungsverhalten die Marktmacht führender Anbieter immer weiter vergrößert.

Wie kann man diesem Problem begegnen?

Es muss ein Weg gefunden werden, auf dem der Konsument bereit und in der Lage ist, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Es gilt, durch eine einheitliche Regelung und Kommunikation den Schwellenwert an notwendigem Vorwissen so niedrig zu halten, dass man den Konsumenten wieder guten Gewissens in die Verantwortung nehmen kann.

Nun verfolgt der neue Glücksspielstaatsvertrag 2021 insbesondere das Ziel, Glücksspielern im Internet den Weg zu in Deutschland lizenzierten Anbietern zu weisen und illegale Angebote zu unterbinden. Vor welche Herausforderungen werden Verbraucher gestellt?

Für die Verbraucher ist die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Glücksspielangeboten im Internet aktuell nicht trivial. Dies ist durchaus als problematisch anzusehen, da die Kanalisierung der Nachfrage in legale Bahnen eine Voraussetzung dafür ist, die anderen Ziele des Glücksspielstaatsvertrags erreichen zu können. Damit eben jene Kanalisierung gelingen kann, gilt es, die Anbieter so zu überwachen, dass in Deutschland illegale Angebote nicht den Anschein erwecken können, dass sie legal seien. Für den Glücksspielmarkt müsste also ein Weg gefunden werden, den Kunden mit kurzen und eindeutigen Botschaften darüber zu informieren, ob es sich um ein legales Angebot handelt und gleichzeitig uneindeutige oder falsche oder verwirrende Aussagen und Werbebotschaften – insbesondere von illegalen Anbietern – rechtlich zu verfolgen. Darüber hinaus muss möglichst exakt definiert werden, wie ein lizensierter Anbieter sein Glücksspielangebot zu vermarkten hat, um eine Vergleichbarkeit der Anbieter zu gewährleisten.

Haben Verbraucher überhaupt die Möglichkeit, seriös zu erkennen, welche Online-Angebote legal sind und welche nicht?

Ja, das ist möglich, aber aktuell nicht gerade einfach. Außerdem ist unklar, wie genau der Prozess der Meinungsbildung aussehen soll. In Zukunft könnte der Gesetzgeber dafür beispielsweise eine Liste der lizensierten Anbieter so zur Verfügung stellen, dass der Kunde möglichst leichten Zugriff darauf hat – zum Beispiel oben in den großen Suchmaschinen. Selbstredend ist dies weder eine hinreichende noch die einzig denkbare Lösung.

In anderen Branchen spielen Siegel eine wichtige Rolle zur Information von Verbrauchern. Wäre das auch für Glücksspielangebote eine Option?

Solche Gütesiegel gibt es in der Tat bei verschiedenen Produkten, deren Eigenschaften für den Verbraucher nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Man denke beispielsweise an Siegel für Bio- oder Fairtrade-Produkte. In diesen Industrien ist allerdings die schiere Menge an unterschiedlichen Bezeichnungen und Siegeln zu einem Problem für die Verbraucher geworden. Grundsätzlich denke ich, dass Gütesiegel im Rahmen einer Zertifizierung legaler Anbieter von Online-Glücksspielen ebenfalls denkbar wären. Auch dabei gilt es, die Informationslast für den Verbraucher zu senken anstatt zu erhöhen. Solch ein Siegel müsste also eindeutig identifizierbar sein und klare Attribute ausweisen. Anbieter, die sie widerrechtlich kopieren oder in ähnlicher Form verwenden, müssten im Gegenzug konsequent rechtlich verfolgt werden.

Was wäre darüber hinaus aus wissenschaftlicher Sicht für das Glücksspiel zu empfehlen, damit Verbraucher mit Blick auf die kommenden Jahre sicher im Internet spielen können?

Derzeit werden verschiedene technische Möglichkeiten diskutiert, um den Spielerschutz im Internet in Zukunft zu gewährleisten. Persönlich würde ich Pop-up-Nachrichten oder temporäre Selbstsperren befürworten, während ich der Sperrung von Webseiten kritisch gegenüberstehe. Zum einen ist dabei, je nach Variante (z.B. IP-, Domain-, oder Payment-Blocking), der technische Aufwand nicht zu unterschätzen zum anderen greift dies stark in die Freiheit im Netz ein und der langfristige Erfolg solcher Maßnahmen ist nicht gesichert. Ich halte sie nur dann für zielführend, wenn es darum geht, konkrete Verstöße zu ahnden, nicht jedoch als flächendeckende Maßnahme. Des Weiteren wäre aus meiner Sicht eine gewisse Kooperation zwischen Finanzbehörden, wie der BaFin, und der neuen zentralen Glücksspielbehörde wünschenswert, um glücksspielähnliches Verhalten mit Finanzprodukten besser in den Blick nehmen zu können. Kryptowährungen wie Bitcoin stellen diesbezügliche eine ganz neue, eigene Herausforderung dar. Abschließend sei an dieser Stelle auch die Lootbox-Thematik angesprochen: Studien zeigen relativ einheitlich, dass von solchen Formen des simulierten Glücksspiels eine nicht zu unterschätzende Gefahr, besonders für Heranwachsende, ausgeht. Hier besteht aus meiner Sicht Bedarf für politisches Handeln.

 

 

Photo by Alyssa Ledesma on Unsplash

Zur Person

Doktorand Linus Weidner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ‎Institut für Glücksspiel und Gesellschaft (GLÜG) an der Bergischen Universität Wuppertal. In seiner Dissertation erforscht er die Auswirkung von Glücksspiel auf die Gesellschaft.

Lesen Sie hier auch den zweiten Teil unseres Interviews mit Linus Weidner.