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17. Februar 2020 / Einblick

Die Gefahren des Glückspiels im Video-Spiel

Fußball-Video-Spiel auf einer Konsole

Ob Fußball-, Basketball- oder Survival-Games – viele Video-Spiele weisen mittlerweile Elemente des Glückspiels auf. Deshalb sollten sie rechtlich auch so behandelt werden.

„Wer ist dein bester Spieler? Und was ist deine Mannschaft wert?“ Das sind gängige Fragen, die sich nicht nur junge Menschen auf den Pausenhöfen in der Schule stellen. Die Fragen betreffen keine altmodischen Quartett-Kartenspiele, bei denen derjenige gewinnt, der das höchstdotierte Viererpaar vorweisen kann. Es geht um Video-Spiele – zum Beispiel um elektronisches Fußballspielen oder um Basketballspielen oder – mit etwas abgewandelter Fragestellung – um sogenannte Koop-Survival-Spiele. In diesen Spielen müssen einzelne oder mehrere Akteure in Gruppen und mitunter mit digitaler Waffengewalt verschiedene Missionen erfüllen. In manchen dieser Video-Games können sich die Spieler durch den Einsatz von virtuellem oder echtem Geld Vorteile verschaffen. Solche Spiele werden Pay2Win-Games genannt. Einige berühren den Bereich des Glückspiels – des sogenannten Gamblings. Sollten sie deshalb rechtlich auch wie Glückspiele behandelt werden? Es gibt gute Gründe dafür.

Ein Beispiel ist das aktuelle eFußballspiel „FIFA20 Ultimate Team“ (FUT 20) des amerikanischen Entwicklers Electronic Art (EA). Mit dem Einsatz der spielespezifischen Währungen „FUT Coins‘“ und „FIFA Points“ können sich die Spiele-Anwender ihre Mannschaft zusammenstellen. Jeder eSportler kann sich sogenannte Packs, also Pakete, kaufen, in denen sich eine bestimmte Zahl von digitalen Fußballer-Karten befindet. Die Spieler auf diesen Karten tragen dieselben Namen wie die echten Fußballer aus den internationalen Ligen. Das Prinzip lautet: Je teurer die Packs sind, desto besser sind auch die darin enthaltenen Fußballer. Die Pakete werden unter anderem in den Kategorien „Bronze“, „Silber“ und „Gold“ gehandelt.

Spielespezifische Währung

Insofern ist FUT 20 ein klassisches Video-Game – bis auf einen entscheidenden Punkt. Die virtuelle Währung, die die Anwender einsetzen, können sie auch mit echtem Geld kaufen. Und damit verlassen die Gamer den hermetischen Raum des Video-Spiels und befinden sich im wirklichen Leben. Darüber hinaus ist beim Kauf eines Packs nicht klar, ob der einmal erworbene Goldspieler zwei Monate später immer noch sein Geld wert bleibt. Es kommt darauf an, wie sich der Marktwert des Fußballers in der echten Welt als Vorbild entwickelt. Daran orientiert sich EA, wenn es regelmäßig neu festlegt, welche digitalen Fußballer gerade auf dem Niveau „Gold“ „Silber“ oder „Bronze“ spielen.

Prinzip Zufall

Damit ist der Spiele-Anwender einer gewissen Willkür ausgesetzt. Entscheidend für den Glückspielfaktor ist jedoch vielmehr: Welche Fußballer genau in den Packs der einzelnen Kategorie enthalten sind, ist Zufall. Darüber hinaus können die eSport-Spieler für ein entsprechendes virtuelles Entgelt auch einzelne Spieler-Karten aus diesen Packs ziehen. Auch das sei reines Glückspiel, sagen Kritiker. Eine solche Funktion im Spiel könne sogar süchtig machen.

EA bestreitet die Vorwürfe. In Frankreich muss sich das Unternehmen dennoch seit Anfang dieses Jahres juristisch rechtfertigen. Mehrere Kläger werfen EA vor, den Kauf der FUT-Packs, beziehungsweise der einzelnen Karten nicht ausreichend als Glückspiel zu kennzeichnen. Zumal ist die Chance, einen Top-Player zu erhalten, offenbar sehr gering. Die französische Zeitung L’Equipe zitierte Anfang Februar einen der Anwälte der Kläger. Einer seiner Mandanten habe 600 Euro investiert und lediglich einen einzigen vermeintlichen Topspieler erhalten. Es gebe weitere Beispiele, bei denen die Anwender sogar vierstellige Beträge bezahlt – und auch nicht viel mehr Glück gehabt hätten. Das Online-Magazin eSports.com schätzte die Wahrscheinlichkeit, einen Top-Fußballer aus den Packs zu ziehen, zuletzt auf unter fünf Prozent.

Kauf über Drittanbieter untersagt

Auf der offiziellen Internet-Seite fifauteam.com kostet ein „FUT-Prime-Gold-Players-Pack“ 45.000 FUT Coins. Das „Ultimate Pack“ ist für 125.000 FUT Coins zu haben. Das entspricht den Angaben zufolge einem Gegenwert von 20.93 Euro (Mitte Februar 2020). Auch wenn EA den Kauf über Drittanbieter untersagt, wird die virtuelle Währung auf den einschlägigen Verkaufs- und Auktionsportalen im Internet gehandelt. 500.000 FUT Coins werden zum Beispiel bei Ebay für einen Gegenwert von 100 Euro angeboten (Februar 2020). Ein „Ultimate Pack“ kostet entsprechend dieses Umtauschwertes also 25 Euro. Der Einsatz, um den es bei diesem Spiel geht, erscheint zunächst also nicht so hoch zu sein, dass gleich Haus und Hof gefährdet sind – aber das hängt natürlich von dem Spielverhalten des Einzelnen ab.

Beispiele für diese Art der Pay2Win-Games gibt es viele. In manchen können die Anwender durch den Erwerb von virtuellen Sportschuhen ihren digitalen Basketballspieler höher und weiter springen lassen. In anderen Spielen können sich die Gamer Extraleben kaufen und somit ihre Chancen auf Erfolg erhöhen. Häufig werden diese Zusatzoptionen direkt in den Video-Spielen in sogenannten Lootboxen angezeigt. Diese virtuellen Kisten befinden sich immer an einem bestimmten Platz, damit der Anwender die vorteilsbringenden Gegenstände so leicht wie möglich kaufen kann. Auch während des Spielbetriebs ist das möglich. Die Nähe der FUT-Packs, virtuellen Basketballschuhe und Extraleben macht das Zugreifen in brisanten Spielesituationen noch mal umso verlockender. In Belgien und in den Niederlanden sind Lootboxen deshalb verboten.

Keine Garantien

Ob der eSportler jedoch sein Spiel gewinnt, ist immer auch von seinen Fertigkeiten abhängig – und denen seiner Gegner. Auch dieser Punkt ist entscheidend für die Einordnung eines Video-Games als Glückspiel. Denn durch den Zukauf von Vorteilen werden dem Spiele-Anwender zwar zusätzliche Möglichkeiten gegeben. Er erhält aber keine Garantie, dass es ihm auch gelingt, das Spiel zu gewinnen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Geldeinsatz einfach verpufft, bleibt hoch.

Die Popularität des eSports ist seit Jahren hoch. Die Profis verdienen mittlerweile sechsstellige Dollar-Beträge im Jahr – und mehr. Man kann sogar Wetten auf eSport-Ereignisse abschließen. Aber vor allem der Breitensports ist für die Anbieter interessant, um ihre Produkte abzusetzen. Und auf diesen Markt zielen die Experten ab, wenn sie vor Gefahren des Glückspiels im Video-Spiel warnen. Die Spiele-Anwender sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Die Spiele laufen auf Konsolen wie der von Playstation, Xbox oder Nintendo. Auf ganz normalen PCs funktionieren sie auch, wenn die Rechner mit den entsprechend leistungsstarken Komponenten ausgestattet sind. Die Möglichkeiten der Verbreitung von Pay2Win-Spielen sind also groß.

Doch trotz des leichten Zugangs zu den Spielen und aller Risiken, die sie beinhalten, sagen viele Experten, dass nicht die Spiele an sich gefährlich seien. Das Risiko bestehe vielmehr in dem Umgang mit den Spielen. Deshalb gilt umso mehr: Sobald die Spiele wie Glückspiele funktionieren, sollten sie rechtlich auch so behandelt werden – zum Beispiel durch Altersbeschränkungen, durch die Regulierung von Höchsteinsätzen. Oder durch ein EU-weites Verbot von Lootboxen.