Vertrauen teilen:
29. März 2018 / Interview

Der Jugend Politik wieder näherbringen

82 Prozent der 18- bis 34-Jährigen in Deutschland haben laut einer großen Jugendstudie heute wenig bis gar kein Vertrauen in die Politik. Das aber ist für das weitere Funktionieren des Staats notwendig. Politikwissenschaftler Dr. Wolfgang Gründinger bietet Lösungsansätze.

Herr Dr. Gründinger, in Ihrem Buch schreiben Sie, junge Menschen seien nur Objekte, nicht aber Subjekte der Staatsgewalt. Was steckt hinter dieser Feststellung?

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, so steht es im Grundgesetz. Das heißt, man muss als Bürger dieses Landes auch an Entscheidungen beteiligt werden, die hier getroffen werden. Jeder, der einen deutschen Pass hat, kann mitbestimmen. Nur Kinder und Jugendliche werden – willkürlich und pauschal – von demokratischer Mitbestimmung ausgeschlossen.

Sollten also auch Menschen unter 18 Jahren wählen dürfen?

Ja. Damit bestünde die berechtigte Hoffnung, dass die Politik ein Stück weit eher nach ihren Interessen gestaltet würde. Zum Beispiel bei der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt, in der Ökologie, in Sachen Digitalisierung.

Sie legen dar, dass junge Leute Politik als „Parteipolitik“ missverstünden, den Parteien aber nur wenig Vertrauen schenkten und deshalb mit Politik nichts zu tun haben wollen. Sind Parteien in der heutigen Zeit weiter das einzige Mittel für politische Organisation?

Nicht das einzige, aber ein wichtiges, das unterschätzt wird. Parteien dürfen beim politischen Engagement der Jungen nicht fehlen. Sie sind es, die einen Ausgleich der Interessen finden müssen, sie sind die Transmissionsriemen, die Interessen in die Parlamente einspeisen. Aber sie müssen sich neu erfinden. Heute in der Partei Karriere zu machen heißt, genau das Gegenteil von dem zu tun, was man auf dem Arbeitsmarkt tun soll: woanders studieren, für Praktika ins Ausland gehen. In Parteien dagegen gilt das Ortsvereinsprinzip. Wer nicht da ist, kann nicht mitbestimmen.

Wie können Parteien für jüngere Menschen attraktiver werden?

Parteien sollten Möglichkeiten für projektorientiertes, themenspezifisches Engagement im digitalen Raum schaffen. Außerdem könnte man mit einer Jugendquote etwas erreichen.

Muss man auch andere Institutionen umbauen, damit sich junge Leute stärker beteiligen?

Die Parteien umzugestalten ist der Anfang von allem. Bei den Parlamenten wäre ich vorsichtiger – das sind die Grundfesten unserer Demokratie. Sinnvolle Schritte wären hier das Wahlrecht für Kinder und Jugendliche sowie ein Beirat, der an das Parlament angedockt ist: Sozusagen als dritte Kammer könnte dieser Jugendinteressen einbringen. Das sind erst einmal einige Bausteine, die der Jugend Politik wieder näherbringen können.

Ihr Buch trägt den Titel „Alte-Säcke-Politik“, immer wieder geht es darin um Interessenunterschiede zwischen den Generationen. Dabei bleiben ältere Menschen heute körperlich wie geistig länger fit – Stichwort „Silversurfer“. Sind die Unterschiede überhaupt noch so groß?

Es stimmt, dass die Mehrzahl der Älteren fitter ist als je zuvor. Sie geben den Ton an, sie haben die Stimme, die Zeit, das Geld. Und natürlich brauchen wir Jungen sie als unsere Bündnispartner. Doch die weltanschaulichen und sozioökonomischen Konflikte bleiben: Wie soll das Geld verteilt werden? Worüber wird in Deutschland diskutiert? Talkshowthemen sind nicht Bildung, Digitalisierung oder Kinderarmut. Sondern Flüchtlinge, Angst, Rente. Und das, obwohl die Kinderarmut in Deutschland weit größer ist als die Altersarmut.

Die U18-Wahl, ein Planspiel im Vorfeld der Bundestagswahl im Herbst, zeigte: Auch Bürgern unter 18 liegt vor allem das Thema Sicherheit am Herzen.

Das ist nicht überraschend. Wenn Deutschland als der einzige sichere Ort mitten in einer von Kriegen und Krisen erschütterten Welt wahrgenommen wird, dann ist es doch selbstverständlich, dass man diesen Ort erhalten möchte. Dabei ist die Jugend übrigens toleranter, weltoffener und liberaler, was die Themen Islam und Zuwanderung angeht.

Doch auch junge Menschen in Deutschland streben laut Umfragen nach persönlicher Sicherheit. Werden sie damit nicht auch zu „alten Säcken“?

Man kann das eigene Einkommen, das eigene Häuschen schützen wollen. Das ist für beide Generationen in Ordnung. Problematisch wird es, wenn die eine Gruppe sehr groß ist und die Ressourcen und Stimmen hat und die andere eben nicht. Die junge Generation war noch nie so klein und daher schwach wie heute. Sie ist numerisch kleiner, hat die Ressourcen und die Zeit nicht, ist nicht gut organisiert.

Was könnten die Jüngeren tun, um das zu verbessern?

Sie müssten sich besser organisieren. Heute gründen viele junge Menschen eigene Initiativen. Das ist gut, denn es bringt Bewegung, ist heterogen und bunt. Aber die Schlagkraft der jungen Generation leidet darunter, weil das Engagement sehr versprengt und schlecht organisiert ist und viele junge Menschen ausbrennen lässt. Mehr von ihnen müssten in Parteien gehen.

Wie kann man Ältere – trotz der Unterschiede zwischen den Generationen – dazu bringen, Politik auch im Sinne der Jüngeren zu gestalten?

In Irland etwa gab es bei der Abstimmung zur Marriage Equality (zu Deutsch: „Ehe für alle“) ein Projekt mit dem Namen „Ring your grannies“ („Ruf deine Großeltern an“). Dabei sollten junge Menschen ihre Großeltern anrufen und sie davon überzeugen, für die Marriage Equality zu stimmen.

Bei welchen Themen bräuchte es solche Initiativen in Deutschland?

Auf jeden Fall beim Thema Kinderarmut, damit der Fokus von der Altersarmut auf dieses wesentlich gravierendere Problem übergeht. Und auch beim Thema Digitalisierung. Hier reden die Älteren angstgetrieben und uninformiert über ein Thema, das sie nicht verstehen. So gestaltet sich die Transformation in Deutschland schleppend, und die Chancen können nicht genutzt werden. Am Ende wird Deutschland zur verlängerten Werkbank Asiens und Amerikas. Grundsätzlich gönne ich auch anderen wirtschaftlichen Fortschritt. Mit einer eigenen IT-Industrie aber unabhängig agieren zu können, wäre auch für die deutsche Wirtschaft nicht schlecht – wenn wir den Wohlstand, den wir haben, für die kommenden Generationen wirklich erhalten möchten.

Dr. Wolfgang Gründinger, Jahrgang 1984, ist Zukunftslobbyist und Autor. Er ist Mitglied des Vorstands der Stiftung Generationengerechtigkeit und Referent Digitale Transformation beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Sein Buch „Alte-Säcke-Politik. Wie wir unsere Zukunft verspielen“ erschien 2016 im Gütersloher Verlagshaus. Es wurde von der Friedrich Ebert-Stiftung als „Das politische Buch“ des Jahres 2017 ausgezeichnet.