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8. Juli 2020 / Einblick

Bar jeder Vernunft

Während der Corona-Beschränkungen ist das Werbeaufkommen von Online-Casinos in Deutschland stark angestiegen. Dabei ist deren Werbung so illegal wie die Glücksspielangebote selbst. Die Gesetzeslage ist eindeutig – es hapert vielerorts jedoch an Entschlossenheit.

In normalen Zeiten ist Oliver Kahn eine Werbefigur mit medialer Dauerpräsenz, untrennbar ist der Sportwettenanbieter Tipico mit dem früheren Nationaltorhüter verbunden. Während der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie hingegen war Oliver Kahn dann kaum noch zu sehen. Wo keine sportlichen Wettbewerbe, da sind auch keine Sportwetten.

Die frei gewordenen Werbeplätze scheinen sich im gleichen Zeitraum Anbieter von Online-Casinos gesichert zu haben. Dem Marktforscher Nielsen zufolge haben einige Anbieter die Marketing-Ausgaben deutlich erhöht. Und das, obwohl Anbieter wie z.B. Wunderino mit 20,3 Mio. Euro und Drückglück mit 20,1 Mio. Euro schon im ersten Quartal 2020, also vor der Corona-Krise, jeweils die höchsten Werbeausgaben im Glücksspielmarkt hatten.

Kasse machen mit der Einsamkeit

Aus Marketing-Sicht ein kluger Schachzug, vor allem aber: außerhalb von Schleswig-Holstein nicht genehmigt. „Corona zwingt die Menschen förmlich, zu Hause zu bleiben und ich sehe es mit allergrößter Sorge, dass Anbieter sich diese Situation zu Nutze machen. Und sozusagen zum Teil auch die Einsamkeit der Menschen ausnutzen, ihr illegales Glücksspiel bewerben, damit sie sich beschäftigen können. Und deswegen gilt insbesondere für Werbung für Online-Glücksspiel, sie ist verboten“, so die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig. „Es ist höchst fatal, wenn wir jetzt hier eine Ausdehnung zu beobachten haben, weil wir keine Kontrolle darüber haben können, was Menschen zu Hause spielen.“

Bis zum Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrages im Juli 2021 dürfen Online-Casinos, die ihren Sitz im Ausland, etwa in Malta, Gibraltar oder in Nicht-EU-Staaten haben, auch wenn sie in Schleswig-Holstein lizenziert sind, im restlichen Teil Deutschlands nicht werben. Sie sind nicht lizenziert, haben keine Glücksspiellizenz in allen anderen Bundesländern und dürfen als solche eben auch keine Werbung treiben. Erst Ende Februar 2020 hatte dies das Landgericht Köln in einem Urteil klargestellt.

Werbeumweg Schleswig-Holstein

Das gilt übrigens auch für Anbieter, die ihre Werbung mit dem Zusatz „Nur für Menschen mit Wohnsitz in Schleswig-Holstein“ versehen. Das Bundesland ist das einzige, das Lizenzen für Online-Glücksspiel aus dem Ausland vergeben hat. Die Methode illegaler Anbieter: In Deutschland wird zum Beispiel für ein Angebot mit einer .de-Domain geworben, das tatsächlich auf Personen mit Wohnsitz in Schleswig-Holstein beschränkt ist. Die gleichlautende .com-Domain hingegen nicht, obwohl sie sich optisch kaum unterscheidet, vom gleichen Anbieter stammt und sich als deutschsprachige Seite somit – illegaler Weise – an Menschen in ganz Deutschland richtet.

Doch so eindeutig die Rechtslage ist, so wenig entschlossen scheinen Behörden zu sein, deren Einhaltung durchzusetzen. Viele Landesmedienanstalten zeigten keine öffentliche Reaktion, andere beschränkten sich darauf, etwa Sender auf die Unzulässigkeit von Werbung illegaler Glücksspielanbieter hinzuweisen – die sich aufgrund insgesamt einbrechender Werbeeinnahmen im Ergebnis jedoch unbeeindruckt zeigten.

Dass man mit der Situation konsequent umgehen kann, zeigt die saarländische Landesmedienanstalt: Sie hat eine Untersagungsverfügung gegen zwei Online-Casino-Anbieter erlassen, die eine Lizenz in Schleswig-Holstein haben.

 

Bildnachweis: istock/audioundwerbung