Vertrauen teilen:
25. September 2018 / Vertrauen und Träume (VII)

Auf einem pinken Rad nach Togo

14.027 Kilometer mit dem Rad fahren. Was dem einen wie ein Alptraum erscheint, ist für den anderen ein Traum. Dass man für die Verwirklichung eines solchen Traumes auch eine Menge (Selbst-) Vertrauen braucht, zeigt das folgende Porträt.

2014. Es ist Montagmorgen, ein Tag wie jeder andere. Markus Weber sitzt im ICE nach Frankfurt. Schicker Anzug, das Hemd sitzt perfekt und das Handy im Anschlag. Köln Hauptbahnhof – kurz vor sieben. Die Pendler um ihn herum tippen hektisch auf ihren Laptops, stecken in Telefonkonferenzen. Er steigt aus – aus dem Zug und seinem Alltag. Kein Tag wie jeder andere.

Das war Webers Leben vor drei Jahren. Jetzt sitzt er entspannt in seiner Londoner Wohnung am Schreibtisch. Sein geliebter Coffee to go steht vor ihm, das Hemd sitzt locker. Er trägt Dreitagebart. Zwischen den Jahren liegen 14.027 Kilometer Radweg.

 

Einfach aussteigen

Markus Weber fasst den Entschluss, den sich viele niemals trauen würden: Er steigt einfach aus.

Der Unternehmensberater einer internationalen Firma stellt eines Morgens fest, dass er sein Leben umkrempeln muss. Und zwar nicht bald und auch nicht morgen, sondern jetzt. „Als ich die Pendler mit ihrem Kaffeebecher in der Hand gesehen habe, habe ich mich plötzlich gefragt: „Kommt der Coffee to go aus Togo?“

Aus dem Wortspiel entwickelt er eine verrückte Idee: Mit dem Sattel unterm Hintern auf einen Kaffee nach Togo.

„Ich bin immer gerne gereist. Aber in meiner Rolle als Unternehmensberater bin ich komfortabel gereist. Heißt: Ich habe nichts selbst gebucht und mich in die gemachten Hotelbetten gelegt“, erzählt er. Deshalb habe er sich das Rad geschnappt, um endlich einmal etwas selbst in die Hand zu nehmen.

Ein Hirngespinst, sagen seine Freunde, als er ihnen von seinem Vorhaben erzählt. Für Weber aber steht der Entschluss fest. Sein Chef genehmigt ihm ein Jahr Urlaub. Doch der Traum muss reifen – Angefangen vom Fahrradkauf bis hin zur Routenplanung. Die gesamte Reisevorbereitung beschäftigte ihn ein halbes Jahr. Zweifel habe er natürlich gehabt: „Mein Geheimrezept aber war, dass ich es allen erzählt habe.“

 

Blauäugig und ohne Karte

„Der Weber ist jetzt auf einem pinken Rad auf dem Weg nach Togo“, haben seine Freunde gedacht. Da Radfahren nie wirklich zu seinen Hobbys zählte und damit er ins Rollen kommt, fiel die Route etwas großzügiger aus. „Blauäugig wie ich war, habe ich mich ohne Karte auf den Weg gemacht.“ Genau genommen hat das einen Umweg durch Osteuropa bis in den Süden der Türkei und zurück nach Gibraltar bedeutet. Eine erste Mutprobe, um die sandigen Hügel der Wüste Afrikas zu bezwingen. „Der Kaffee in Afrika war echt enttäuschend. Meistens wurde mir nur Instantpulver serviert. Den Coffee to go kannst du an der Straßenecke in Plastiktüten kaufen.“

 

Einer von vielen Träumen

Wenn Markus Weber jetzt von seinen Erlebnissen erzählt, sind es vor allem die kleinen Momente, die die Reise unvergesslich gemacht haben. „Es sind tatsächlich die Menschen, die dir im Kopf bleiben. In Togo zum Beispiel hat mich eine Voodoo Hexe von einem Fluch befreit. So etwas vergisst du nicht so schnell.“ Ob er sich seinen Lebenstraum erfüllt hat, kann er nicht sagen. Er hat viele Träume, die Reise ist einer davon gewesen und war wichtig für ihn. Aber was kann passieren, wenn du deinen Traum lebst? Die Frage hat sich auch Weber vor seinem Abenteuer gestellt: „Natürlich kannst du scheitern, aber was ist das Schlimmste, was passieren kann?“ Seinen Job aufgeben ist für ihn kein Hindernis gewesen. Er sei immer gerne zur Arbeit gegangen, aber der Alltagstrott hätte ihn zum Ende hin zu fest im Griff gehabt. Jetzt arbeitet Weber wieder als Unternehmensberater, seine neue Firma stellt mittlerweile aber vorwiegend Menschen mit Asperger ein. „Ich habe auf meiner Radtour viel Not und Ungerechtigkeit erlebt, aber es gibt trotzdem so viel Gutes auf der Welt, was noch zu entdecken ist.“ Auch jetzt hat er noch Träume. Seine eigene kleine Familie ist einer davon, den er sich schon erfüllt hat. Zurzeit sei er sehr glücklich. Der Alltagstrott macht vor ihm aber nicht halt. Weber sucht auch weiterhin die kleinen Abenteuer und Ausstiege. Ob er einen Tipp für alle Träumer dort draußen hat? „Der erste Schritt ist immer der Schwierigste. Setz dich einfach hin und überleg: Was soll schon groß passieren?“

 

 

Dieses Porträt entstand während einer in Kooperation von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und WestLotto organisierten Projektwoche zum Thema „Träumen“. Die verantwortliche Projektgruppe setzte sich zusammen aus Esther Berger, Joelle Marie Czampiel, Markus Großheim, Martin Grünter, Eileen Lechtenbörger, Anna Päseler, Michael Pfleging, Nick Rasmus, Sara Schweckendiek, Pina Szepan und Paulina Wallem
Markus Weber