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28. Januar 2021 / Einblick

„Am Ende gibt es immer ein Theaterwunder“

Am Anfang steht ein Aushang, mit dem sie Mitwirkende sucht – und am Schluss die Inszenierung. Doch was passiert dazwischen? Theaterpädagogin Rieke Oberländer erzählt von Rampensäuen, Fremdschäm-Momenten, Auswirkungen der Corona-Krise und davon, was Verantwortung bei einer Produktion für sie bedeutet.

Einander auf Augenhöhe zu begegnen – das finde ich in der theaterpädagogischen Arbeit besonders wichtig. Als Spielleiterin oder Spielleiter muss man offen sein, sich für Menschen interessieren und man benötigt einen großen Methodenschatz. Der Beruf hat aber vor allem eine künstlerische Komponente. Theater ist eine deutungsoffene Form, es gibt nicht nur eine richtige Antwort. Es kommt also vor, dass die Mitspielenden mich und meine Perspektive infrage stellen. Das muss ich aushalten können.

Theaterpädagogik umfasst nicht nur die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sondern generell mit Laien. Und natürlich bin ich keine Lehrerin: Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich, ob man Darstellendes Spiel an der Schule unterrichtet oder im Freizeitbereich theaterpädagogisch arbeitet. Lehrerinnen und Lehrer bauen ihre Unterrichtseinheiten gemäß dem Curriculum auf und müssen die Jugendlichen bewerten. Bei uns geht es im Jugendbereich darum, Inszenierungen zu produzieren und den Spielerinnen und Spielern einen Freiraum zu bieten, sich künstlerisch auszuprobieren.

Im Mittelpunkt steht die angst- und bewertungsfreie Auseinandersetzung miteinander – und mit dem, was man erzählen will.

Während des Lockdowns haben wir die Begegnung der Jugendlichen und auch mit dem Publikum in den digitalen Raum verlagert, es sind Videoclips, digitale Workshops und Onlineperformances entstanden. Dennoch freuen wir uns sehr, dem Bedürfnis nach realen Treffen wieder nachkommen zu dürfen, im Probenraum zusammenzukommen und vor Publikum zu spielen – wenn auch unter erschwerten Bedingungen.

Offener Start, offene Fragen

In der freien Arbeit am Theater startet ein Projekt mit einem Aufruf, über den ich Mitspielerinnen und Mitspieler einer bestimmten Altersgruppe suche. Ich schlage oft ein Thema vor. In der letzten Spielzeit zum Beispiel: Was ist Liebe? In einem anderen Projekt hatte ich den Nibelungenstoff als Textimpuls, und wir haben in der Gruppe geschaut, was uns interessiert – und was eben nicht. Bei offenen Fragestellungen mache ich es meist so, dass ich die Geschichten der Mitspielenden einsammle, entweder schriftlich und anonym oder persönlich mit dem Aufnahmegerät. Zusätzlich recherchieren wir: Welche Literatur, welche Songs, Bilder, Filme gibt es zu unserem Thema? Wollen wir noch weitere Personen interviewen? Anschließend arbeiten wir gemeinsam mit und an diesem Material. Ich glaube nicht daran, mit Laien mehrseitige klassische Monologe einzustudieren. Deshalb caste ich auch nicht Figur A und B, sondern mache mich gemeinsam mit den Jugendlichen auf den Weg. Diesen Prozess muss ich begleiten und strukturieren und währenddessen schauen: Welche Formen finden wir, die Inhalte auf der Bühne umzusetzen? Wie flankieren wir das? Wie ergänzen wir den Text durch anderes szenisches Material?

Die Jugendlichen agieren auf der Bühne als Performerinnen und Performer, die die erarbeiteten Geschichten erzählen. Dabei übernehme ich ihnen gegenüber natürlich Verantwortung: Jeder muss sich bewusst darüber sein, was sie oder er tut, was es heißt, auf einer Bühne zu stehen und dass Leute zuschauen. Weil Theater eben deutungsoffen ist, sehen manche Menschen Dinge, die wir vielleicht nicht beabsichtigt haben. Darauf sollen die Jugendlichen vorbereitet sein. Gerade weil wir viel mit biografischem Material und persönlichen Perspektiven arbeiten, müssen die Inhalte immer eine klar inszenierte Form haben. Es darf auf keinen Fall passieren, dass jemand ungeschützt seine Geschichte erzählt und Fremdschäm-Momente entstehen.

Bild zeigt: Rieke Oberländer im Theater-Fundus. In einem Korb sammelt sie Requisiten zusammen.
Im Fundus des Theaters Bremen stellt Rieke Oberländer die Requisiten für die nächste Probe zusammen.

Erst euphorisch, dann ernüchtert

Eigentlich folgt jede Produktion einem Modellprozess mit mehreren Phasen. Ich starte mit einem Vertrauensvorschuss und denke: Das wird spannend, das kriegen wir hin. Positive Energie animiert die Gruppe, Sachen auszuprobieren und offen zu sein. Am Anfang spielen wir auch sehr viel, arrangieren Szenen, schauen zu, sprechen über die Wirkung. Alles ist gut, was Spaß macht und schnell Erfolgserlebnisse bringt. Wir tauchen gemeinsam ein in das Thema, den Stoff, experimentieren mit Bewegung, Texten, Requisiten und diskutieren das Material, das wir gesammelt haben. Später im Prozess kommt oft die Ernüchterung, die Krise. Man zweifelt und denkt: Das wird doch nie was.

Manche Probleme kann ich direkt an die Gruppe delegieren, zum Beispiel wenn jemand immer zu spät zur Probe kommt. Es klappt am besten, wenn ich mich da raushalte. Wenn die Jugendlichen sich untereinander streiten, etwa weil sie sich zu hart kritisiert fühlen, klären wir das meist in einem Gespräch mit mir. Bei Konflikten, in denen es ums Projekt geht, versuche ich, Transparenz herzustellen: Die Teilnehmenden verlieren manchmal aus den Augen, welche Szenen, Texte und Songs wir schon erarbeitet haben. Wenn ich der Gruppe zeigen kann, wo wir stehen, macht das allen noch mal klar: Wir haben nicht „nichts“. Manchmal gehen wir auch ins Detail. Was gefällt, was gefällt nicht? Was ist wichtig für die Inszenierung? Oft hilft dann ein Perspektivwechsel. Einige Szenen machen zum Beispiel Spaß zu spielen, sind für das Publikum aber langweilig.

Version eins, Version zwei …

Im Theater sind Perspektivwechsel und Kritik total wichtig. Es gehört zum Prozess, dass sich die Jugendlichen gegenseitig kritisieren. Das ist einfach eine Form von Rückmeldung. Und die sind das A und O, Theater machen und Theater schauen gehören zusammen. Nur so können die Spielenden überprüfen, ob eine Szene ihr Anliegen tatsächlich transportiert. Ein respektvoller Umgang ist dabei sehr hilfreich, bei dem man nicht bewertet, sondern beschreibt und erzählt, was man gesehen hat. Das ist auch grundlegend, um ein Stück zu entwickeln. Denn Theater bedeutet Wiederholung. Wir proben die Szenen immer wieder, aber immer ein bisschen anders. Manchmal ist Version zwei besser, manchmal ist die fünfte Fassung schwächer als die erste. Am Ende findet man das Optimum und lernt, über Wirkungen zu sprechen. Meine Arbeit ist kulturelle Bildung: Ziel ist der reflektierte Umgang mit ästhetischen Ausdrucksformen. Natürlich ist Persönlichkeitsentwicklung auch wichtig, aber vor allem zählt, dass die Jugendlichen über Theater nachdenken und als Zuschauende Fragen stellen können. Sie lernen in den Gruppen die Unterschiede der Ausdrucksformen kennen: Was ist, wenn ich singe, tanze, den Text allein vortrage oder mit fünfen gleichzeitig? Wenn ich das Publikum anschaue oder mit dem Rücken zum Saal stehe?

Mein Job: ein spannender Theaterabend

Die Jugendlichen sollen ihre eigene Position finden, ohne Klischeebilder zu reproduzieren. Denn als Spielleiterin habe ich auch eine Verantwortung gegenüber dem Publikum. Ich möchte, dass die Gruppen reflektieren: Welche Bilder wollen wir zeigen und welche nicht? Beim Thema Liebe, das wir vor einiger Zeit in einem Stück verarbeitet haben, war es für uns zum Beispiel wichtig, nicht nur heteronormative Pärchen zu zeigen. Schließlich ist es auch mein Job, einen spannenden Theaterabend zu schaffen, der das Publikum herausfordert. Das würde ich als Verantwortung gegenüber dem Stoff bezeichnen: dass das Thema und die Umsetzung nicht unterkomplex ausfallen.

Auch nach 16 Jahren liebe ich die Arbeit mit den Gruppen sehr. Es ist unheimlich bereichernd, gemeinsam neue Formen zu entwickeln und Standpunkte kennenzulernen. Meine Erfahrung ist, dass es dann am Schluss immer dieses Theaterwunder gibt – dass nämlich alle wissen, was wann passiert, zu tun und zu sagen ist. Das Stück beginnt zu leben und die Spielerinnen und Spieler sind frei, um wirklich zu spielen. Dieser Moment ist unheimlich beglückend für das ganze Team. Es verbindet, gemeinsam diesen Weg gegangen zu sein und gemeinsam die Verantwortung dafür zu tragen.

Theater zu spielen, verlangt Jugendlichen viel ab, auch an sozialer Kompetenz und Selbstorganisation. Sie müssen Arbeitsaufträge erfüllen, selbst Ideen mitbringen und die Ideen von anderen umsetzen. Sie müssen ihre eigenen Abläufe kennen und sind als Spielpartnerinnen und partner gefordert. Man kann nicht immer die „Rampensau“ sein, sondern muss auch auf die anderen achten. Das ist ein gutes Training. Die Gruppe funktioniert dabei als Korrektiv, die Dynamik ist unheimlich wichtig: Am Anfang sind die Jugendlichen oft schüchtern, kennen kaum Ausdrucksmöglichkeiten – und am Ende entwickeln sie die tollsten Szenen. Es wertet ja auch die eigene Perspektive auf, diese mit anderen zusammen auf die Bühne zu bringen. Da entsteht eine Wahnsinnsenergie, manche werden zu ganz anderen Menschen. Das ist ein Moment der Selbstermächtigung. In Jugendlichen steckt oft ein Potenzial, das sie in ihrem täglichen Umfeld nicht entfalten können. Es ist toll, dass Theaterpädagogik das hervorlocken kann.

 

Fotos: Christian Burkert

Bild zeigt: Rike Oberländer. Sie sitzt im leeren Theater auf der Bühne auf einem Stuhl

Zur Person

Rieke Oberländer hat Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim studiert und leitet seit 2008 die Theaterpädagogik am Theater Bremen. Sie ist außerdem Jurorin beim Bundeswettbewerb „Theatertreffen der Jugend“, für den sie bemerkenswerte Inszenierungen aus ganz Deutschland sichtet und auswählt.

 

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